https://www.faz.net/-gzg-9o6ix

Besondere Schwere der Schuld : Kinder mit Hammer und Messer getötet

Ein Familienvater wurde wegen Mordes an seinen beiden Kindern zu lebenslanger Haft verurteilt. Bild: dpa

„Schuldig“ lautet das Urteil für ein Zahnarzt-Ehepaar, das seine Kinder aus Verzweiflung und Perspektivlosigkeit umgebracht haben soll. Doch die Verteidigung macht weiter – und verlangt Freispruch für die Mutter.

          Ein Zahnarzt-Ehepaar aus Mörlenbach in Südhessen ist am Mittwoch vom Landgericht Darmstadt wegen der Tötung seiner beiden Kinder schuldig gesprochen worden. Der 59 Jahre alte Vater Werner H. wurde wegen Mordes und wegen Brandstiftung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Für ihn stellte die Schwurgerichtskammer die besondere Schwere der Schuld fest. Das hat die Konsequenz, dass eine Entlassung nach 15 Jahren nahezu ausgeschlossen ist. Das Urteil für die mitangeklagte 46 Jahre alte Mutter Christiane H. Mutter lautet zwölf Jahre Freiheitsstrafe wegen Beihilfe. Ausgeführt hat die Tat nach Überzeugung der Schwurgerichtskammer der Vater.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Kinder, der 13 Jahre alte Anton und die zehnjährige Emilia, waren in der Nacht zum 31. August des vergangenen Jahres nacheinander in dergleichen Weise getötet worden, zuerst der Sohn, dann die Tochter, beide wurden im Schlaf überrascht. Zuerst wurde jedem der Kinder mit einem Zimmermannshammer 25 Mal auf den Kopf geschlagen, wie der Vorsitzende Richter, Volker Wagner, sagte. Dann wurde mit einem Jagdmesser die Kehle mit der Halsschlagader durchgeschnitten. Anschließend verletzte ein gezielter Messerstich zwischen den Rippen hindurch das Herz.

          Wagner sprach von dieser Bluttat an den eigenen Kindern als etwas „Unfassbarem“. Nach der Tötung der Kinder wurde in ihren Zimmern mit Benzin als Brandbeschleuniger Feuer gelegt.

          Urteilsverkündung: Christiane H. Werner H. werden schuldig gesprochen. Doch laut Verteidigung soll es nicht bei dem Urteil bleiben.

          Am letzten Augusttag hätte die Familie ihr Wohnhaus in Mörlenbach verlassen müssen. Das Haus war einige Monate vorher in einem Insolvenzverfahren zwangsversteigert worden, es war ein Räumungstermin festgesetzt. In den Wochen zuvor hätten die Eheleute nichts unternommen, um nach einer anderen Bleibe für sich und die Kinder zu suchen, sagte Wagner. In der Nacht vor der Räumung seien sie deshalb in eine „selbstverschuldete Ausweglosigkeit“ geraten. Werner H. habe nicht zulassen wollen, „dass er als Verlierer das Feld räumt“.

          Inszenierter Selbstmordversuch?

          Zwischen den Eheleuten habe es ein Einverständnis gegeben, die Kinder und sich selbst zu töten. Die Überzeugung, dass es eine solche Vereinbarung gegeben habe, stützte die Kammer auf Äußerungen beider Angeklagter vor dem Prozess. Werner H. habe am Vormittag nach der Tat im Krankenhaus gegenüber einem Polizeibeamten gesagt, er und seine Frau hätten die Kinder zusammen getötet. Christiane H. habe in der Haftanstalt im Gespräch mit einer Justizbediensteten von einem „Deal“ mit ihrem Mann gesprochen, der gelautet habe: „Entweder wir alle oder keiner.“ Man habe die Kinder nicht allein zurücklassen wollen.

          Für die Beteiligung der Mutter sprächen auch die Blutspuren auf ihrem Schlafanzug. Ausgeführt habe die Tat schließlich Werner H., Christiane H. habe sie aber mitgetragen, auch wenn sie nicht selbst Hand angelegt habe. „Sie war folgsam bis zuletzt.“ Auch sonst sei die „eigentümliche Beziehung“ von einem „Gefälle“ geprägt gewesen, die Ehefrau habe, „ohne eine Hörigkeit, aber in Folgsamkeit“ stets das getan, was ihr Mann vorgegeben habe. Die Aussage von Christiane H. vor Gericht, es habe keinen gemeinsamen Plan gegeben und sie habe die Kinder nicht getötet, sei eine Schutzbehauptung. Auch Werner H. hatte in seinem Geständnis vor Gericht behauptet, die Tat allein begangen zu haben.

          Die Kammer zeigt sich überzeugt davon, dass Werner und Christiane H. danach sich selbst töten wollten. Sie waren in die Garage gegangen, um sich mit dem Kohlenmonoxid im Abgas eines laufenden Automotors zu vergiften, wie der Richter sagte. Doch dieser Suizidversuch sei untauglich gewesen, weil der Katalysator eines modernen Motors das giftige Gas absorbiere. Staatsanwalt Klaus Tietze-Kattge hatte in seinem Plädoyer in der vergangenen Woche gesagt, der Selbstmordversuch sei nur inszeniert gewesen, die Angeklagten hätten sich damit zu Opfern stilisieren wollen. Dem folgten die Richter nicht. Werner H. sei zwar ein Autonarr gewesen, sagte Wagner. Es stehe aber nicht fest, dass er gewusst habe, dass man sich nicht mit Kohlenmonoxid aus Autoabgas vergiften könne.

          Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht. Die Verteidiger beider Angeklagter kündigten gestern an, Rechtsmittel einlegen zu wollen. Der Anwalt von Christiane H., Sebastian Göthlich, hatte kürzlich für sie Freispruch verlangt, weil sie an der Tat nicht beteiligt gewesen sei. Werner H.s Verteidiger Roman Schweitzer hatte für ihn eine zeitlich begrenzt Freiheitsstrafe gefordert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.