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Familienbetrieb aus Vogelsberg : Fachkräfte anlocken mit Bonus und allerlei Zuschüssen

  • -Aktualisiert am

Unternehmer: Oliver Fehl und seine Schwester Ivonne Jöckel-Fehl Bild: Wolfgang Oelrich

Ein Vogelsberger Familienbetrieb hat 2016 mit seiner Belegschaft ein gemeinsames Zukunftskonzept entwickelt. Dass Fachkräftemangel für das Unternehmen kein Thema ist, liegt nicht nur an den Sonderleistungen für die Mitarbeiter.

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          Fachkräftemangel? Darüber kann Oliver Fehl nur lachen. Das Rezept des Geschäftsführers von Fehl+Sohn Gebäudetechnik in der Vogelsberg-Gemeinde Freiensteinau mit zweitem Standort in Jena: Er gewährt den Mitarbeitern Sonderleistungen zusätzlich zum Tariflohn und setzt auf den eigenen Nachwuchs. 80 Prozent der 180 Angestellten haben bei Fehl+Sohn gelernt, die Fluktuation ist gering. Dieses Jahr begannen elf junge Leute ihre Ausbildung. Das Geschäft brummt.

          „Echte Menschenwerte bilden unsere Basis“, sagt der Chef über das Konzept des 1930 gegründeten Familienbetriebs mit den Zweigen Sanitär, Heizung, Lüftung, Elektrik und Fotovoltaik. Ehrlichkeit und Vertrauen stehen im Zentrum des selbst entwickelten „Wertediamanten“, wie er seinen Betrieb selbstbewusst nennt. Auch Teamgeist und Disziplin würden großgeschrieben. „Und zwar nicht erst seit Kurzem. Schon mein Vater und mein Großvater sahen das so.“ Zwei Schwestern, seine Frau und sein Schwager stehen Oliver Fehl zur Seite.

          Mit seinem Konzept gegen Fachkräftemangel hat sich der Mittelständler einen bis ins Rhein-Main-Gebiet reichenden Namen gemacht. So hat sich gerade eine Delegation der Regionaldirektion der Arbeitsagentur Hessen bei einem eigens anberaumten Besuch einen Eindruck verschafft.

          Spezielles Betriebsmodell

          Gemeinsam mit der Belegschaft hat er 2016 ein auf die Bedürfnisse des Betriebs zugeschnittenes Modell entwickelt. Es umfasst drei Säulen: Mitarbeiter an den Betrieb binden, Nachwuchs ausbilden und neue Beschäftigte gewinnen. Es beinhaltet eine Vision 2026 mit einer Strategie für jeweils fünf Jahre. Das Konzept dämmert nicht in Schubläden vor sich hin, sondern wird gelebt und hängt auch als Poster an markanten Stellen aus, um die Angestellten daran zu erinnern. Kommunikation hält Oliver Fehl für das A und O des Erfolgs, wie er hervorhebt. Dazu gehöre ein offenes Ohr, wenn Mitarbeiter Probleme ansprechen oder Ideen äußern wollten. Für den Umgang mit Kunden gebe es jeweils zentrale Ansprechpartner.

          „Als wir vor drei Jahren mit dem systematischen Visionsprozess starteten, waren einige Mitarbeiter zunächst skeptisch. Mittlerweile zieht die große Mehrheit aber mit“, sagt Fehl. Mittlerweile greife auch das Vorschlagswesen. Derzeit prüfe die Leitung fünf Ideen, ergänzt seine Schwester Ivonne Jöckel-Fehl, die für das Marketing zuständig ist.

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          Die augenscheinlich gute Stimmung lässt sich die Geschäftsführung eine Menge kosten. Sie gewährt freiwillige soziale Leistungen, etwa unentgeltliche private Unfall- und zusätzliche Krankenversicherung 20 Prozent Zuschuss zur Berufsunfähigkeitsversicherung und zur beruflichen Altersvorsorge sowie einen Zuschuss zu Kindergartenbeiträgen. Hinzu kommen bis zu 300 Euro Gesundheitsbonus im Jahr, ein monatlicher Einkaufsgutschein in Höhe von 40 Euro und von 2020 Job-Bikes an und unentgeltliche Mitgliedschaft im Fitnessstudio. Ein leistungsbezogenes Entlohnungssystem mit Bonuszahlungen und Hilfe bei der Fortbildung ergänzen die Palette. Fahrzeiten zur Baustelle gelten als Arbeitszeit.

          Zum Bewerbungsgespräch mit den Eltern

          Die Auszubildenden wählt Oliver Fehl aus. Derzeit sind es 25 Lehrlinge, die Ausbildungsquote liegt bei 14 Prozent. Entscheidend ist für ihn der Eindruck, den er im Gespräch mit den jungen Leuten – möglichst in Begleitung ihrer Eltern – gewinnt. Dieses Vorgehen ist nach seiner Ansicht jedem Test überlegen. Fast alle Bewerber haben einen Haupt- oder Realschulabschluss und stammen aus der Gegend in einem Umkreis von 20 Kilometer. „Wir leben in einer landwirtschaftlich geprägten Region“, sagt Fehl. „Hier lernen die Menschen in der Regel von klein auf zu arbeiten. Das ist ein Vorteil gegenüber den Städten.“

          Ausbildung ist für Fehl die beste Fachkräftesicherung, wie er hervorhebt. Einen Vertrauensvorschuss halte er dabei für unabdingbar. Das funktioniere bisher gut, sagt er. Der Betrieb übernehme Lehrlinge in der Regel in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Zudem gibt es für sie ein Punktesystem, zuvörderst für schulische Leistungen, aber auch für Leistungen im Betrieb oder auf Baustellen. Von einer bestimmten Punktezahl an gibt es eine Bonuszahlung. Hilfreich ist auch ein wohl einmaliges Programm der Gemeinde Freiensteinau. Sie zahlt Jedem, der eine Ausbildung in einem gewerblichen Betrieb in ihrem Gebiet beginnt, monatlich 100 Euro im ersten Lehrjahr, im zweiten Lehrjahr 70 Euro.

          Wertschätzung wird großgeschrieben

          Neue Mitarbeiter gewinnt Fehl meist über eigene Beschäftigte. Darüber hinaus bemüht sich die Firma, wie andere auch, durch Auftritte auf Messen und Kontakt zu Schulen, die Firma als Marke bekanntzumachen. Social Media spielen dabei eine immer größere Rolle, wie es heißt.

          Mit einer Antwort auf die Frage nach den Kosten für die Wohltaten, die er den Mitarbeitern zukommen lässt, tut sich Oliver Fehl schwer. „Allein die Prämienzahlungen summierten sich voriges Jahr auf rund 130.000 Euro. Die Azubis profitieren mit 4000 bis 5000 Euro“, sagt er.

          Es müsse klar sein, dass die Sonderleistungen des Unternehmens keine Selbstverständlichkeit sind. „Die Wertschätzung, die wir unseren Leuten entgegenbringen, muss es auch wert sein.“ Im nächsten Jahr will Fehl am Wettbewerb des Wirtschaftsforschungsinstitut Great Place to Work teilnehmen, das jedes Jahr die besten Arbeitgeber Deutschlands ermittelt.

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