https://www.faz.net/-gzg-a4e8m

Jüdisches Museum Frankfurt : Annes Familie

Einblick: Bilder aus 200 Jahren Familiengeschichte an einem interaktiven Medientisch im Familie-Frank-Zentrum Bild: Wonge Bergmann

Bildung war wichtig, aber bei den Franks wurde auch gespielt und Karneval gefeiert. Eine einmalige Sammlung von Alltagsgegenständen im Jüdischen Museum Frankfurt zeigt, wie die Frankfurter Familie gelebt hat.

          2 Min.

          Das Tagebuch von Anne Frank darf natürlich nicht fehlen. In mehr als 70 Sprachen wurde es übersetzt, nun stehen 42 verschiedene Ausgaben hinter dem Glas einer Vitrine. Aber das weltberühmte Tagebuch bildet nicht den Mittelpunkt dieses Raums, der zum „Familie-Frank-Zentrum“ des Jüdischen Museums gehört. Erzählt werden soll die ganze Geschichte der in Frankfurt verwurzelten Kaufmannsfamilie Frank. Dass das überhaupt möglich ist, liegt vor allem an Annes Cousin Buddy Elias und dessen Frau Gerti. In ihrem Haus in Basel haben sie Tausende Gegenstände, Fotos und Briefe aufbewahrt, die den Kern des Familie-Frank-Zentrums bilden. Zu den Objekten aus dem Alltag gehören Gemälde, Möbel, Porzellan, silbernes Besteck, Spielzeug und Bücher – all das, was das Leben einer bildungsbürgerlichen Familie im 19. und 20. Jahrhundert ausmachte.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Familie-Frank-Zentrum ist sozusagen eine Querschnittsaufgabe des ganzen Museums: Es besteht aus den Dokumenten in der Bibliothek und im Archiv, aus dem Vermittlungsprogramm und eben aus dem großen, der Familiengeschichte gewidmeten Raum in der neuen Dauerausstellung. Die weißen, kristallhaft geformten Vitrinen sind nicht chronologisch, sondern nach Themen geordnet. Texte gibt es so gut wie keine – die Objekte sollen erst einmal für sich sprechen. Wer mehr erfahren möchte, kann das dennoch: In Ausbuchtungen der Vitrinen liegen griffbereit Bücher, die über die gezeigten Gegenstände informieren.

          Gleich zu Beginn fällt der Blick der Besucher auf das Ölgemälde des Opernplatzes, das aus der Frankfurter Wohnung der Franks stammt und in die Schweiz gerettet wurde. „Ein Ort, der mit in die Emigration genommen wurde“, sagt Franziska Krah, die Kuratorin des Familie-Frank-Zentrums. Die Franks beziehungsweise Sterns hätten sich als in Frankfurt beheimatete deutsche Familie begriffen, das Judentum habe keine große Rolle gespielt. Annes Vater Otto Frank sei patriotisch gesinnt gewesen und als Soldat im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet worden. Dass seine Familie einmal verfolgt und aus Deutschland vertrieben würde, habe er sich nicht vorstellen können.

          Geschichten und Anekdoten aus dem Leben der Franks

          Mittig im vorderen Teil der Ausstellung plaziert ist ein sogenannter Medientisch, in etwa so groß wie eine Tischtennisplatte. Auf ihm leuchten historische Fotos auf, die man antippen kann. Dann öffnen sich kleine Geschichten, entweder die eines bestimmten Zweiges der Familie oder auch heitere Anekdoten wie die vom „Zeppelin über Frankfurt“ oder vom „Karneval bei den Franks“. Natürlich fehlen auch die ernsten Themen nicht, etwa das Trauma des Ersten Weltkriegs oder die Flucht nach Amsterdam.

          Eine Vitrine zeigt, wie Bildung und Kultur von Generation zu Generation weitergegeben wurden, zum Beispiel mit Hausmusik und Goethe-Ausgaben, aber auch durch die Bewirtung von Gästen, symbolisiert durch eine Zuckerzange und Servietten. Eine weitere Station widmet sich mit Brettspielen, Bauklötzen und Büchern den „Kinderwelten“, gegenüber steht eine Vitrine, die sich mit den Berufen beschäftigt, die Familienangehörige ausgeübt haben. Kaufleute und kleine Bankiers waren darunter, aber auch der französische Möbeldesigner Jean-Michel Frank gehörte zur weitläufigeren Verwandtschaft. Ein abgewetztes Paar Schlittschuhe stammt von Buddy Elias selbst. Mit ihnen trat er als Clown bei „Holiday on Ice“ auf.

          Die hinterste Vitrine des Raums ist Otto Frank gewidmet, der aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde, seine Töchter in den Niederlanden suchte und feststellen musste, dass er als einziger seiner engeren Familie die Greuel der Nazis überlebt hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er es sich zur Aufgabe, das Tagebuch seiner Tochter Anne herauszubringen und zu verbreiten. „Er wollte, dass Jugendliche es lesen und sich für eine andere Welt entscheiden“, sagt die promovierte Historikerin Krah.

          Unten in der Vitrine steht ein Wäschekorb, in dem sich Briefe stapeln. Es ist die von Otto Frank aufbewahrte Post der jungen Tagebuch-Leser.

          Weitere Themen

          Frankfurt und die Weltverschwörung

          Heute in Rhein-Main : Frankfurt und die Weltverschwörung

          Hessen bereitet sich unaufgeregt auf den ungewissen Start der Corona-Impfungen vor. Trumps Anwalt macht Frankfurt für den angeblichen Wahlbetrug mitverantwortlich. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Topmeldungen

          Tourismus : Ischgl ohne Après-Ski

          Der Corona-Ausbruch hat dem Tiroler Skigebiet zugesetzt. Knapp ein Jahr danach keimt in der Region neue Hoffnung. Wie wird die Skisaison mit Hygienemaßnahmen aussehen?

          Querdenker und Reichsbürger : Audienz bei König Peter I.

          Die Gruppe der „Querdenker“ grenzt sich öffentlich von Extremisten ab. Im Geheimen trafen sich Gründer Michael Ballweg und Mitstreiter jedoch mit einem Reichsbürger. In der Bewegung rumort es, der schillernde Pressesprecher nimmt seinen Hut.
          Jessica Rosenthal, Vorsitzende der SPD Bonn, in der Parteizentrale der SPD in Bonn

          Jessica Rosenthal : Wer ist Kühnerts Nachfolgerin?

          Jessica Rosenthal wird aller Voraussicht nach neue Vorsitzende der Jusos. Als Lehrerin kennt die Sozialdemokratin die Probleme wenig betuchter Menschen. Aber hat sie auch Lösungen parat? Ein Porträt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.