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Falschgeld : Wenn der Euro zum Eros wird

  • -Aktualisiert am

Die Skulptur des Euros täuscht nicht darüber hinweg, dass dennoch viel Falschgeld im Umlauf ist - oft mit kreativen Motiven. Bild: REUTERS

Die Bundesbank prüft in ihrem Labor in Mainz Münzen und Scheine darauf, ob es sich um echtes Geld handelt. Die Experten kennen alle Tricks der Fälscher.

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          Wenn sich Hermann Jansohn mit dem Gewichtstest zufriedengibt, hatte ein Geldfälscher offensichtlich nicht seinen besten Tag. Vor dem Experten im Falschgeldanalysezentrum der Bundesbank in Mainz liegt eine vermeintliche Goldmünze, die laut Aufschrift 50 Gramm wiegt. Eine Messung ergibt kaum die Hälfte. Zwar überführe er viele Fälscher schnell, dieses Exemplar sei aber „eine ganz plumpe Kopie, wahrscheinlich aus reinem Messing“, sagt der Münzenfachmann. Es klingt, als fühle er sich reichlich unterfordert. Das exakte Gewicht der Originale zu treffen, bereite Nachahmern nur selten Schwierigkeiten, erzählt Jansohn. Die für Münzgeld charakteristische elektrische Leitfähigkeit etwa lasse sich mit billigem Material nur schwer imitieren. Ein Messgerät bestimmt sie in Sekundenschnelle haargenau.

          Taucht in Deutschland verdächtiges Bargeld auf, landet es früher oder später in der Falschgeldstelle. 60.000 Scheine und 67.000 Münzen gingen 2010 in Mainz ein, knapp 20.000 Scheine und 27.000 Münzen waren es im ersten Halbjahr 2011. 45 Experten - überwiegend ausgebildete Druckingenieure und Metalltechniker - sind hier nicht nur damit beschäftigt, echte Geldscheine von bedrucktem Papier und Münzen von fast wertlosem Metall zu unterscheiden. Vor allem analysieren sie Merkmale der Fälschungen, die Rückschlüsse darauf erlauben, wo und wie diese hergestellt wurden. Mit Hilfe des entstandenen Archivs sei es meist leicht, neue Objekte ihrem bekannten Ursprung, einer sogenannten Fälschungsklasse, zuzuordnen, berichtet Rainer Elm, Leiter des Analysezentrums. Diese Informationen helfen der Polizei bei ihren Ermittlungen. Sieben Mainzer Fachleute treten zudem regelmäßig vor Gericht als Sachverständige auf.

          „Bewegungsoptische Elemente“ wie Wasserzeichen und Sicherheitsstreifen seien verlässliche Anhaltspunkte

          Bei Scheinen reicht den Prüfern häufig schon der optische Test. Viele Sicherheitselemente der Banknoten seien landläufig gar nicht bekannt, sagt Martin Weber, der die Banknotensektion im Analysezentrum leitet. Wenn die Experten leicht überprüfbare Eigenschaften wie Farbe und Schärfe eines Drucks begutachten, verwenden sie handelsübliche Mikroskope. Nur falls danach noch Zweifel bestehen oder es sich womöglich um eine neue Fälschungsklasse handelt, kommt ein Schein ins Labor.

          Dort stehen Kopierer, Scanner, Mikroskope und UV-Prüfgeräte. Weber zeigt an zwei Zwanzigern - einer falsch, der andere echt - typische Erkennungsmerkmale. „Bewegungsoptische Elemente“ wie Wasserzeichen und Sicherheitsstreifen seien verlässliche Anhaltspunkte. Gewissermaßen die Königsdisziplin sei aber das Hologramm, ein changierendes, silbrig glänzendes und mit Kunststoff verwobenes Stück Aluminium, das zu jedem Schein von 50 Euro aufwärts gehört. Nicht selten enttarnt schon der „Kipptest“ eine Fälschung, weil sich das vorgebliche Meisterwerk, leicht gedreht, als Stück besserer Alufolie entpuppt. Feine Ungenauigkeiten im Druckbild entdecken hingegen auch Fachleute nur in vielfacher Vergrößerung. Etliche falsche Münzen sind ebenfalls durch genaues Hinsehen erkennbar.

          Mindestens 95 Prozent der „Neuankömmlinge“ sind Fälschungen

          An einem Profilprojektor, der ein stark vergrößertes Schattenbild der Objekte liefert, studieren Gutachter jedes Detail der Oberfläche. 600 bis 700 Münzen gingen pro Tag über ihren Schreibtisch, sagen die Gutachter. Die Mehrzahl der Plagiate stammt aus Italien, vor allem 50-Cent-Münzen stehen bei Kriminellen anscheinend hoch im Kurs. Die Ein- und Zwei-Euro-Münzen sind wegen ihres dreischichtigen Aufbaus mit einem Nickelkern ungleich aufwendiger zu produzieren als die Cent-Münzen, die aus Kupfer und Stahl bestehen.

          Falsche Scheine würden meist schnell aus dem Verkehr gezogen, versichert Elm. Entsprechend geschulten Mitarbeitern in Bankfilialen und Supermärkten falle es nicht schwer, Imitate zu erkennen. Anders beurteilt der Experte die Lage beim Münzgeld. Er vermutet, dass jeder Deutsche schon einmal unwissentlich mit einer gefälschten Münze bezahlt hat. Wegen der wenigen Anhaltspunkte für deren Echtheit sei für Fälscher das Geschäft mit Münzen oft viel lukrativer als das mit Scheinen. Allerdings gebe es dank hoher technischer Anforderungen nur wenige „Spezialisten unter den Fälschern“, die Münzen prägen könnten. Wer einen womöglich gefälschten Schein oder eine verdächtige Münze entdeckt, ist verpflichtet, diese an die Bundesbank weiterzuleiten. Leiter Elm schätzt, dass mindestens 95 Prozent der „Neuankömmlinge“ Fälschungen sind. D-Mark, Euro und Dollar machen davon den größten Teil aus. Unter „Diverse“ findet sich alles, was der Falschgeldliebhaber begehrt: von Surinam-Dollars über pakistanische Rupien bis zum Pfund - in der syrischen Version. Rund eine Million Fälschungen verwahrt die Bundesbank in Mainz mittlerweile in einem Kellertresor.

          Ein muskelbepackter Mann mit nacktem Oberkörper ziert den Schein

          Doch Falschgeld ist nicht gleich Falschgeld. 1000-, 300- und 22-Euro-Scheine haben kein echtes Pendant. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass ahnungslose Zeitgenossen mit diesen Fantasieprodukten bezahlen wollen. Ein Schein der „Deutschen Parkbank“ etwa trainiert beim Betrachter eher Lachmuskeln als Argusaugen. Nicht nur sein angeblicher Wert, 600 Euro, ist außergewöhnlich, auch das Motiv überrascht. Ein muskelbepackter Mann mit nacktem Oberkörper lächelt von der Vorderseite. Zwölf knallrote Herzen, der Europa-Fahne nachempfunden, zieren das Druckbild, am unteren Rand steht EROS, wo die griechische Bezeichnung EYPΩ vermerkt sein müsste.

          Meist dienten solche Noten für Werbezwecke, erläutert Elm. Die Mitarbeiter des Analysezentrums prüfen, ob das Spielgeld mit echten Banknoten verwechselt werden könnte. Liegt es zu nahe am Original, verhängen sie ein Bußgeld. Eine Fälschung liegt hingegen vor, falls die Nachahmungen offenkundig als reguläre Zahlungsmittel dienen sollten. Fälscher müssen mit einer Haftstrafe von bis zu zehn Jahren rechnen.

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