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Falscher Mehltau : Die ersten Ökowinzer melden Totalausfälle

  • -Aktualisiert am

Der falsche Mehltau (Peronospora) droht den Ökoweinberg zum Totalausfall werden zu lassen. Bild: dpa

2016 wird den Öko-Weingütern als Katastrophenjahr in Erinnerung bleiben. Der falsche Mehltau vernichtet ganze Ernten und bedroht Existenzen. Die EU bleibt unnachgiebig.

          Michael Albrecht steht zwischen den Rebzeilen und schwankt zwischen Zorn und Frust. 6000 Quadratmeter ist die mit Riesling bestockte Parzelle im Eltviller Taubenberg groß. Doch wenn in etwa zehn Wochen die Weinlese beginnt, kann sich Albrecht den Gang mit den Erntehelfern hierher sparen. Denn die Ernte fällt aus. Vollständig. Der falsche Mehltau, die Peronospora, hat die Reben so stark geschädigt, dass keine gesunden Trauben zu sehen sind. Nur vereinzelt hat der gefürchtete Pilz ein paar Beeren übrig gelassen. „Vielleicht gehen wir aus Pietät im Herbst einmal durch“, meint Albrecht, aber mehr als ein paar Liter Wein werde es nicht geben. Ein gravierender wirtschaftlicher Verlust, der bei Albrecht, einem der Pioniere des Ökoweinbaus im Rheingau, Existenzängste auslöst.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Es hätte nicht so weit kommen müssen, wenn Albrecht und seinen ökologisch oder biodynamisch wirtschaftenden Kollegen nicht schon vor drei Jahren ein wirksames Gegenmittel aus der Hand genommen worden wäre: Kaliumphosphonat. Es war bis 2013 als Pflanzenstärkungsmittel für Ökobetriebe zugelassen. Es war vor Jahren sogar von der Ökobranche mitentwickelt worden, um in Verbindung mit Kupferpräparaten ein wirksames Mittel gegen die gefährlichste Bedrohung des Ertragsweinbaus in der Hand zu haben. Doch dann wurde die Pflanzenschutzverordnung geändert. Kaliumphosphonat wurde als Pflanzenschutzmittel eingestuft und steht somit auf der Verbotsliste für die Ökowinzer.

          Winzer müssen Trauben zukaufen

          Ein herber Schlag. Denn ihnen bleiben seither nur Kupferpräparate für den Kampf gegen Mehltau. Allerdings ist die Menge nach deutschem Pflanzenschutzrecht auf drei Kilogramm je Hektar und Jahr beschränkt, während die Winzer in südeuropäischen Weinbauländern die doppelte Menge einsetzen dürfen. Deutschland gehört allerdings einer anderen Pflanzenschutzzone an, und die Sensibilität gegenüber der Verwendung von Kupfer ist groß, so dass schon seit Jahren versucht wird, die Menge immer weiter zu verringern. Doch in Jahren wie 2016 stößt der Ökoweinbau ohne adäquate Bekämpfungsmittel an seine Grenzen.

          Albrecht helfen diese Überlegungen in der Praxis derzeit wenig. Der Blick auf den Nachbarweinberg eines konventionell wirtschaftenden Eltviller Betriebs zeigt, dass der Pilzdruck zwar überall im Rheingau hoch ist und dass auch diese Pflanzen befallen sind, aber dass die Ernte dank effektiver Spritzmittel deshalb nicht in Gefahr ist. Für den Wallufer Winzer Hans-Josef Becker ist 2016 das „katastrophalste Jahr“, das er in 52 Jahren im Weinbau erlebt habe. Der Hallgartener Winzer Fred Prinz sieht auf seinen acht Hektar Rebfläche große Schäden, die Ausfälle von bis zu 90 Prozent befürchten lassen. Im Durchschnitt werde er wohl ein Drittel weniger ernten, und das trotz enger und kostspieliger Spritzintervalle von drei bis vier Tagen. Um wirtschaftlich zu überleben, werde er Trauben von anderen Winzern zukaufen müssen, die er aber weder unter dem Öko-Label noch unter dem Zeichen des Verbands der Prädikatsweingüter werde verkaufen dürfen, klagt Prinz. Wenn es mehr Jahre wie 2016 gebe, müsse er die Entscheidung für den Ökoweinbau hinterfragen. Sein Hallgartener Kollege Peter Keßler hat das schon getan. Er hat aus der Not heraus die Öko-Zertifizierung aufgegeben und konventionelle Spritzmittel ausgebracht, um wenigstens einen Teil der Ernte noch zu retten.

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