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Fall Tugce : Ermittler sehen Objektivität in Gefahr

Ende November trauern viele Menschen vor dem Klinikum in Offenbach um die Studentin Tugce. Zwei Tage zuvor wurden die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt. Bild: dpa

Die Staatsanwaltschaft sorgt sich wegen der Aufmerksamkeit, die der Fall der getöteten Studentin Tugce in den sozialen Netzwerken hervorruft. Insbesondere die Verbreitung des Tatvideos beeinflusse Zeugen und gefährde ein objektives Ermittlungsergebnis.

          Die Ermittlungen im Fall der getöteten Tugce Albayrak gestalten sich zunehmend schwieriger. Die Staatsanwaltschaft Offenbach erhob Vorwürfe im Zusammenhang mit immer neuen Gerüchten zum Tathergang. Ein Sprecher sagte, dass die Behauptungen, die nun in Umlauf gebracht würden, dem Verfahren nicht dienlich seien. „Damit tut man auch den Beteiligten keinen Gefallen.“

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Kritisch sieht die Staatsanwaltschaft vor allem die Weitergabe des Videos, das die Tat zeigt. Man sieht den mutmaßlichen Täter Sanel M. in der Auseinandersetzung mit der Studentin und schließlich auch, wie er die junge Frau schlägt, so dass sie zu Boden fällt. Die Strafverfolger befürchten, dass durch die Veröffentlichung und inzwischen vielfache Verbreitung der Aufnahmen kein objektiver Prozess mehr möglich sein werde. Die Polizei teilt die Kritik. Nach den Worten des Landesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, Andreas Grün, ist der Fall zweifelsohne tragisch. Aber am Ende gehe es um die Bewertung von Beweismitteln, dazu gehörten auch die Aussagen von Zeugen.

          Neue Gerüchte über den Täter

          Es sei für die Ermittlungen äußerst heikel, wenn sich herausstelle, dass ihre Erinnerungen nicht auf dem basierten, was sie tatsächlich gesehen und gehört hätten, sondern darauf, was sie in einem Video gesehen hätten: „Die eigene Erinnerung wird überlagert und entspricht nicht mehr dem Beweiswert, den man sich eigentlich wünscht.“

          Der Fall Tugce wird nicht nur in der Offenbacher, sondern in der gesamten hessischen Polizei diskutiert. Aus den Behörden ist zu hören, dass es enorm schwierig sei, in einem Fall zu ermitteln, der medial so stark begleitet werde. Mit „medial“ meinen die Beamten auch die Einträge in den sozialen Netzen, die von Anfang an vom Entsetzen über die Tat und Beileidsbekundungen bis hin zu Beschimpfungen und Drohungen gegen den mutmaßlichen Täter reichten. Polizeigewerkschafter Grün sagt, es gebe auch in vermeintlich eindeutigen Fällen kein „Schwarz und Weiß“. Womöglich auch in diesem Fall nicht.

          Der Tod von Tugce Albayrak beschäftigt längst auch die Politik. So hält die Offenbacher CDU an ihrer Forderung fest, eine Brücke nach der jungen Studentin zu benennen. Aus den Ermittlungsbehörden heißt es, eine solche öffentliche Positionierung zu einem derart frühen Zeitpunkt eines Verfahrens habe man noch nie erlebt. In der Regel würden die Ermittlungen abgewartet. Unterdessen kursieren neue Gerüchte über den Täter. So soll Sanel M. nach einem Bericht des „Spiegel“ betrunken gewesen sein. In seinem Blut seien 1,4 Promille nachgewiesen worden. Gleichzeitig ist aus Kriminalkreisen zu hören, dass wohl fast alle der Beteiligten zur Tatzeit alkoholisiert gewesen seien. Die Staatsanwaltschaft bestätigt das nicht, wie sie überhaupt vorerst keine Stellung mehr nehmen will. Auch nicht zu der Behauptung, Tugce Albayrak habe den mutmaßlichen Täter Sanel M. als „Hurensohn“ beschimpft. Dies wurde aus seinem Freundeskreis gestreut, während Tugces Freundinnen sagen, sie könnten sich eine derartige Beschimpfung nicht vorstellen. In diesem Punkt wird auch das Video nicht hilfreich sein. Es liefert nur die Bilder, aber keinen Ton.

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