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Fall Gurlitt : Museum Wiesbaden fahndet nach Raubkunst

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Die Sammlung des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt sorgt auch in der hessischen Landeshauptstadt für Aufregung. Denn das Museum Wiesbaden hat Raubkunst im eigenen Haus. Die Suche nach Verstrickungen mit dem Fall Gurlitt läuft.

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          Miriam Merz ist Detektivin im Auftrag der Kunst. Die 46-Jährige forscht im Museum Wiesbaden nach Nazi-Raubkunst, also Gemälden, die zwischen 1933 und 1945 ihren Besitzern abgepresst und ins Landesmuseum gebracht wurden. Die Arbeit der Kunsthistorikerin ist langwierig: Insgesamt 200 Kunstwerke hat das Museum auf den Prüfstand gestellt. Beschlossen wurde dies im Jahr 2009, mittlerweile hat Merz die Hälfte der Fälle bearbeitet. Und sie ist fündig geworden.

          Bei sieben Kunstwerken hat die Forscherin festgestellt, dass es sich um Raubkunst handelt. Bei 76 weiteren kann sie es nicht ausschließen. Dazu zählen auch zwei Gemälde, die das Museum 1944 in einem größeren Ringtausch vom Kunsthändler Hildebrand Gurlitt erhalten hat: zwei „Blumenstücke“ des niederländischen Künstlers Gaspar Peeter Verbrugghen d. J. (1664-1730).

          Ehemaliger Direktor verwickelt

          Der Name Gurlitt hatte dieses Jahr weit über die Kunstszene hinaus Schlagzeilen gemacht. In der Wohnung von Cornelius Gurlitt in München hatten die Behörden im Frühjahr 2012 die verschollen geglaubte Sammlung seines Vaters Hildebrand beschlagnahmt, der einer von Hitlers Kunsthändlern war. Erst in diesem Herbst war der spektakuläre Fund mit weit mehr als 1000 Werken publik geworden. Fast 600 Bilder stehen im Verdacht, Nazi-Raubkunst zu sein.

          Merz hofft, dass nun auch Briefe oder Akten auftauchen, die sie bei ihrer Forschung weiterbringen können. „Viele Informationen sind verloren gegangen, das ist das größte Problem“, sagt die 46-Jährige.

          Dass das Museum Wiesbaden seine Kunstwerke auf ihre Herkunft überprüft, hängt vor allem mit seinem ehemaligen Direktor Hermann Voss zusammen. Voss kam 1935 ins Haus, ein renommierter Kunstkenner, der als Gutachter auch für die Gestapo arbeitete. Voss war zudem von 1943 Sonderbeauftragter für ein von Adolf Hitler in Linz geplantes „Führermuseum“, zugleich wurde er Leiter der Dresdner Gemäldegalerie. Gurlitt soll einer der Einkäufer gewesen sein, die Voss beauftragte.

          Der Preis als Indiz

          Der Direktor kaufte, verkaufte und tauschte eine ganze Reihe von Bildern - entsprechend dem von den Nazis diktierten Kunstgeschmack. Die Wiesbadener Expressionisten-Sammlung musste weichen, angesagt waren dafür Werke aus dem Barock, der Renaissance, des 19. Jahrhunderts - und niederländische Gemälde aus dem 17. Jahrhundert.

          200 Gemälde kamen auf diese Weise neu ins Museum Wiesbaden - und werden nun geprüft. Provenienzforschung heißt der Fachbegriff. Betrieben wird sie auch in anderen hessischen Museum, darunter das Ledermuseum in Offenbach und das Städel in Frankfurt am Main.

          Für Merz ist neben dem Zeitpunkt der Anschaffung auch der Preis ein wichtiger Anhaltspunkt. Wenn das Bild für sehr wenig Geld angekauft wurde, liege der Verdacht nahe, dass der Verkauf nicht freiwillig stattfand, sagt sie.

          Dadurch zusätzliches Gemälde

          Ergebnis ihrer Tätigkeit ist unter anderem der Rückkauf von zwei Bildern von Erben des ursprünglichen Besitzers: Es handelt sich um Werke des italienischen Künstlers Gennaro Greco aus dem 17. Jahrhundert. Die Bilder hatten einem jüdischen Sammler gehört, der emigrierte. Voss ersteigerte die Werke 1943 zu einem günstigen Preis.

          Die Provenienzforschung hat dem Museum Wiesbaden sogar ein zusätzliches Gemälde eingebracht. Ein in Argentinien lebender Erbe eines Kunstwerks sah einen Fernsehbericht über dessen detaillierte Arbeit auf dem Gebiet und entschloss sich zu einer Dauerleihgabe.

          Raubkunst auch nach 1945

          Hätte es mehr Geld, würde das Museum auch noch mehr tun, sagt Peter Forster, der Abteilungsleiter für Provenienzforschung im Museum Wiesbaden. Denn eigentlich dürfe die Untersuchung nicht im Jahr 1945 haltmachen: Auch danach erworbene Kunstwerke könnten NS-Raubkunst sein. An der Finanzierung der Forschung müsse sich auch das Land Hessen beteiligen, sagt Forster.

          Ob sein Vorschlag, die nötigen Mittel in die Provenienzforschung zu stecken, Chancen auf Erfüllung hat, kann das hessische Wissenschaftsministerium derzeit aber nicht beantworten.

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