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Fahrt mit dem Rettungsdienst : Eine Nacht und eine böse Ahnung

  • -Aktualisiert am

Einsatzbereit: Rettungsassistent Thomas Müller-Witte kontrolliert vor seiner Schicht das Sauerstoffgerät im Rettungswagen. Bild: Cornelia Sick

Manchmal sehen sie Dinge, die sie nicht sehen möchten. Doch die Rettungsassistenten Thomas Müller-Witte und Christian Reis machen ihre Arbeit gerne. Jede Fahrt ist eine neue Herausforderung.

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          Nicht das Blut ist schlimm. Auch die Einsätze mit den spektakulärsten Bildern sind es nicht. Es sind eher die Umstände manchen Unglücks, die Thomas Müller-Witte in Erinnerung bleiben. „Wenn man merkt, das hätte auch den eigenen Freunden passieren können“, sagt der 40 Jahre alte Rettungsassistent. Dann nimmt ihn das mit.

          Vor 18 Jahren ist Müller-Witte zum Rettungsassistenten des Arbeiter-Samariter-Bunds in Frankfurt ausgebildet worden. Vieles hat sich ihm besonders eingeprägt. Er erinnert sich zum Beispiel an einen Unfall, den ein Ferrari-Fahrer vor einigen Jahren verursacht hat. Mit hoher Geschwindigkeit hatte er auf der Autobahn einen Lastwagen gestreift. Der Fahrer des Lastwagens verriss das Lenkrad, der Wagen überschlug sich und fing Feuer. „Der Fahrer ist aus dem Führerhaus gefallen und mehrmals überfahren worden“, sagt Müller-Witte. Der Mann war schuldlos an dem Unfall. In solchen Momenten werden Menschen einfach aus dem Leben gerissen. „Es ist besser, wenn man so was nicht erlebt.“

          Nicht allein in schwierigen Situationen

          Inzwischen arbeitet Müller-Witte ehrenamtlich als Rettungsassistent. Hauptberuflich ist er bei einem Leasing-Unternehmen angestellt. Doch an zwei bis vier Nächten im Monat sitzt er immer noch im Rettungswagen, weil er die Herausforderung mag. Auch die Teamarbeit erlebt er in einer Form, die er so in anderen Jobs noch nicht kennengelernt hat: „Man ist aufeinander angewiesen und muss viel gemeinsam meistern.“ In schwierigen Situationen weiß er außerdem, dass er nicht allein ist.

          An diesem Tag sitzt Christian Reis mit ihm im Einsatzwagen. Er arbeitet seit sechs Jahren hauptberuflich als Rettungsassistent. „Die meisten Leute sind dankbar, und man erfährt Wertschätzung“, sagt der 36 Jahre alte Mann. Nach dieser Arbeit könne ihn außerdem nichts mehr so schnell aus der Ruhe bringen.

          Der Abend ist bisher „sehr übersichtlich“, wie Thomas Müller-Witte findet. Kurz bevor er vor einer Dönerbude parken will, piept es im Einsatzwagen. Eine Stimme vor rauschigem Hintergrund ist zu hören. Das Funkgerät schaltet auf null. Das ist der Status, der den Eingang eines Notrufs dokumentiert. „An der Hanauer Straße ist ein betrunkener Mann gestürzt“, berichtet Reis. Müller-Witte schaltet das Blaulicht ein. „Das war’s dann mit dem Essen.“

          Betrunkene verweigert sich dem Krankenhaus

          Der Notarzt ist schon da. Er stützt den schwankenden Mann, der nur eine zerfetzte Jeans und Schuhe trägt. „Er hat eine Wunde am Hinterkopf“, sagt der Arzt. Er vermutet, dass der Betrunkene mit dem Kopf an eine Hauswand gestoßen ist. Der Verletzte beachtet die Rettungskräfte nicht. Er hat gerötete Augen, dicke Adern im Gesicht und eine Alkoholfahne. „Kein Hospital“, lallt er in Richtung des Rettungswagens.

          Doch genau dort gehört er nach Ansicht der Rettungskräfte hin. „Es ist nur ein kleiner Riss“, stammelt er noch, bevor Christian Reis ihn davon überzeugen kann, sich im Einsatzwagen behandeln zu lassen. Die Wunde am Hinterkopf deckt Reis mit einem sterilen Verband ab. Zusammen mit dem Arzt versucht er herauszufinden, wie der Mann heißt. Der hat keine Versichertenkarte bei sich - und sowieso andere Sorgen. Er möchte wissen, wie er vom Krankenhaus wieder nach Hause kommen soll.

          Die Arbeit in der Nacht habe „etwas Faszinierendes“

          Müller-Witte rechnet damit, dass es in dieser Nacht noch einige solcher Einsätze in Sachsenhausen geben werde. „Wir entlasten die Polizei ein wenig.“ In Krankenhäusern seien betrunkene Patienten oft besser versorgt als in Ausnüchterungszellen. Denn dort seien Betrunkene schon an ihrem Erbrochenem erstickt. „Im Krankenhaus werden sie wenigstens beobachtet“, fügt er hinzu. Die Einsätze sind nicht immer ungefährlich. „Einige Kollegen haben auch schon einmal einen Schlag oder einen Boxhieb abbekommen.“

          Es ist kurz nach Mitternacht, als Müller-Witte und Reis wieder zurück in die Wache fahren. Im Rettungswagen sind das Summen der Klimaanlage und das Scheppern der Schubladen zu hören. Ansonsten ist es ruhig. Müller-Witte arbeitet gerne in der Nacht. „Es hat etwas Faszinierendes.“ Manchmal überfällt ihn schon eine Art „Déjà-vu“ oder eine böse Ahnung. „Wenn man die Nachricht bekommt, dass irgendwo jemand herumliegt.“ In dem Moment leuchtet das Funkgerät auf. Ein weiterer Alarm ertönt. Es handelt sich um einen Notfall ohne Blaulicht: „Eine Frau mit einem Gewicht von 180 Kilogramm kommt nicht mehr aus dem Fernsehsessel.“

          Für schwere Patienten besondere Tragen nötig

          Am Einsatzort in Obertshausen ist die Feuerwehr schon da. Eine Reihe Schaulustiger hat sich unter dem Wohnzimmerfenster der Frau versammelt. „Alle mal ein Stück weitergehen“, ruft ein verärgerter Feuerwehrmann der Menge zu. Auf dem Weg zum Hauseingang dreht sich ein Nachbar noch einmal nach dem Fenster um. Müller-Witte hat selbst erlebt, wie erniedrigend solche Situationen für die Patienten sein können. Ein 340 Kilogramm schwerer Mann sei am Flughafen ausgelacht worden, als die Rettungskräfte versucht hätten, ihn ins Krankenhaus zu transportieren, erinnert er sich. Auch die Ärzte hätten improvisieren und ihn auf mehrere Matratzen legen müssen.

          Inzwischen wird in solchen Fällen ein Sonderrettungswagen eingesetzt. Müller-Witte erklärt, dass der Wagen mit einer speziellen Trage und einer Hebebühne ausgestattet sei. Die Trage hebe ein Gewicht von 750 Kilogramm, normale Tragen schafften nur 175 Kilo. Auch die Feuerwehr habe sich auf besonders schwere Fälle vorbereitet und ein neues Gerät angeschafft. „Die neue Hubrettungsbühne ist eine große Erleichterung“, sagt der Rettungsassistent. Sie könne perfekt angewinkelt werden und fahre „nicht nur in den Himmel rein“.

          Der nächste Fall: verwirrte Person an der Haltestelle

          Auf dem ausgefahrenen Gelenkmast des neuen Geräts werden jetzt zwei Feuerwehrmänner langsam zu dem Fenster im zweiten Stock hochgefahren. Oben wird die Frau in einer Schleifkorbtrage vorsichtig auf die Bühne gewuchtet und dann heruntergefahren. Als sie den Boden erreicht, schaut sie unsicher und erschöpft. Mit dem übergroßen Tragetuch versuchen schließlich zehn Rettungskräfte, die Frau auf die Liege des Rettungswagens zu hieven. „Wir haben es fast geschafft“, ruft ein Feuerwehrmann ihr zu. Im Inneren des Krankenwagens sind auf ihren Beinen rote Stellen zu sehen, die von den Füßen aufwärts bis hin zu den Knien führen. Reis erläutert, dass die Frau Fentanylpflaster gegen Schmerzen genommen habe. „Die haben sich nicht gut mit der Hitze vertragen.“

          Inzwischen ist es zwei Uhr in der Nacht. Der nächste Notruf geht ein. Reis hält sich das Funkgerät ans Ohr: „Eine verwirrte Person an einer Bushaltestelle.“ Im fahlen Licht eines Laternenmasts finden die Rettungsassistenten wenig später einen jungen Mann vor, der eine Hand gegen den Hals drückt. „Ich bin von einer Biene gestochen worden“, stößt er mit aufgequollenen Augen hervor. Dann beugt er seinen Körper zur Seite, als habe er Mühe, aufrecht zu stehen. Reis zeigt auf die Rötungen auf dem Arm des Mannes. „Er hat Quaddeln.“ Der Mann muss ins Krankenhaus gebracht werden. Reis vermutet eine allergische Reaktion leichterer Art. „Aber die Situation kann sich schnell verschlechtern.“

          „Ein Luftröhrenschnitt ist immer heikel“

          Im Krankenhaus atmen die Rettungskräfte auf. „Hätte sich sein Zustand verschlechtert, wäre ein Luftröhrenschnitt notwendig gewesen“, sagt Reis. Der sei immer heikel. Reis weiß nicht, ob ihn in einem solchen Moment vielleicht der Mut verlassen hätte. „Selbst erfahrene Rettungskräfte sind da vorsichtig.“

          Um halb vier wollen die Männer etwas ausruhen. Doch meistens wird daraus nur ein sehr leichter Schlaf. „Es gehen einem immer noch sehr viele Gedanken durch den Kopf“, sagt Müller-Witte. Doch das findet er normal. „Es wäre kritisch, wenn es nicht so wäre.“ Trotzdem gibt es für ihn keine sinnvollere Arbeit.

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