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Fahrschule Kirsch : Sie nannten ihn „Feuer“

„Und zack“: Wenn Frau Nowak schalten soll, gibt Ivo Duvnjak das Kommando. Aber vor der Abfahrt wird erst der Spiegel eingestellt. Bild: Fiechter, Fabian

Sie heißen Maher, Adil und Ivo, und sie bringen den Frankfurtern das Fahren bei. In der Fahrschule Kirsch unterrichten viele Migranten. Der Chef ist Deutscher.

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          Frau Nowak biegt vom Parkplatz auf die Mainzer Landstraße ab und zuckelt los. „Gib mal ein bisschen Feuer“, sagt Ivo. 90 Minuten liegen vor ihnen. Vollgestopfte Stadtstraßen, eine Autobahn, ein Beschleunigungsstreifen und ein Kreisel, der es in sich hat. 90 Minuten im roten Golf mit Ivo Duvnjak, einem Fahrlehrer voller Leidenschaft.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Goldkettchen und gute Laune, das ist Ivo. Aber nicht immer. Manchmal wird Ivo auch aufbrausend, auf eine angenehme Art. Zum Beispiel, als Frau Nowak in den Kreisel fährt und nicht auf die Schilder achtet. Wo es langgeht? Was danach kommt? Keinen Schimmer. „Das gibt es doch gar nicht“, sagt Ivo, „das hast du überhaupt nicht gesehen? Das musst du doch sehen! Das eine Auge guckt rechts, was geht da?“ In solchen Momenten geht das Temperament mit ihm durch. Dann nimmt er die Hände zu Hilfe und gestikuliert. Nicht wild, aber deutlich.

          Kroaten sind die besten Fahrer

          Vor fünf Jahren hatte Ivo die Idee, Fahrlehrer zu werden. Als er seiner Familie davon erzählte, dachten alle an einen Scherz. Er? Der ungeduldige Ivo? „Weißt du, mein Spitzname war früher Feuer“, sagt er und grinst. „Ich bin explosiv.“

          Ivo ist Kroate. Er war sieben, als die Eltern nach Deutschland gezogen sind. Seither lebt er in Frankfurt. Dass er Fahrlehrer wurde, war purer Zufall. Außer ihm arbeiten noch zwei Kroaten in der Fahrschule Kirsch. „Die sind einfach die besten Fahrer“, sagt er. Es gibt Ausnahmen: Im März ist sein erster kroatischer Schüler durch die Prüfung gefallen.

          Zur Fahrschule müssen sie alle

          Wenn Frau Nowak zu spät schaltet, sagt Ivo: „Und zack.“ Der nächste Gang, bedeutet das. Mittlerweile sind sie ein ganz gutes Team. „Und zack“, sagt er heute kaum noch.

          Reiche und Arme, Dicke und Dünne, Schwule und Heteros, Deutsche und Kroaten. Zur Fahrschule müssen sie alle. Man sitzt zusammen in einem Raum, hört Wissenswertes über Vorfahrtsregeln und nicht so Wichtiges über ökologisches Fahren und den Aufbau eines Motors. An ihren Fahrlehrer erinnern sich viele Menschen ihr Leben lang. Mindestens zwölf Mal sitzen Schüler und Lehrer 90 Minuten lang nebeneinander. Irgendwie muss man da durch. „Das ist ja Einzelunterricht. Da triffst du Leute, die du sonst nie kennenlernen würdest“, sagt Ivo.

          Die Anspannung ist dahin

          Wenn Frau Nowaks linker Fuß sich selbständig macht, sagt Ivo: „Sei kein Kupplungsdrücker. Nicht unnötig reindrücken.“ Als sie auf die Autobahn fährt und gemütlich auf den Beschleunigungsstreifen einbiegt, pflaumt er: „Ich find’s bedrohlich, wenn einer einen Beschleunigungsstreifen nicht erkennt.“

          Frau Nowak sagt, dass Ivo gut erklären kann. Er sagt nicht nur, wenn etwas falsch ist, sondern auch, warum. Früher, in den ersten Fahrstunden, war Frau Nowak immer ziemlich aufgeregt. Aber bei Ivo fühlt sie sich sicher. Heute ist sie kaum noch nervös, die Anspannung ist dahin. „Wenn du die Theorie schon hättest, würde ich dich zur praktischen Prüfung anmelden“, sagt Ivo.

          „Jeder ist ausbildbar“

          Die goldene Regel für Fahrlehrer hat Ivos Chef Ingo Kirsch ihm beigebracht: Nimm nie einen hoffnungslosen Fall am Anfang des Tages. Und nie einen am Ende. „Beides kann dir den Tag versauen.“ Je später jemand den Führerschein macht, desto härter wird es. Als Faustregel könne man das Alter in Fahrstunden übertragen, sagt Ivo. Wer den Führerschein vor dem 18. Geburtstag macht, braucht ungefähr 18 Fahrstunden. Ein Vierzigjähriger benötigt 40.

          Es gibt die Naturtalente, die schon auf dem Bauernhof der Eltern immer Traktor gefahren sind. Es gibt die Mittelmäßigen, die sich schwertun. „Mein Chef sagt immer: Jeder ist ausbildbar“, sagt Ivo. Aber nicht allen ist das Fahren in die Wiege gelegt. „Es gibt echte Problemfälle“, sagt Ivo. Was macht er, wenn beide verzweifeln, Lehrer und Schüler? Wenn es sinnlos erscheint? Neulich war Ivo drauf und dran, einer 60 Jahre alten Landsmännin zu sagen, sie solle es bleiben lassen. Aber dann hat sie ihm ihre Geschichte erzählt. Der Führerschein sei das Erste im Leben, was sie für sich tue, habe sie gesagt. „Der musste ich einfach helfen“, sagt Ivo. Die Prüfung lief dann auch richtig gut. „Ist ja wie mit Michael Schumacher hier“, habe der Prüfer gesagt.

          Inzwischen hat er fünf Zweigstellen

          In der Fahrschule Kirsch bekommt jeder Fahranfänger einen Flyer in die Hand. Da stehen die Namen sämtlicher Fahrlehrer drauf, mit Handynummer. Zoran, Maher, Ivo, Goran, Adil, Al, Mhannad, Ahmed und Firdevs. Ingo, Burkhard, Friedel, Daniel, Martin und Olaf. Die Namen von neun der 15 Fahrlehrer klingen nicht deutsch. Ingo Kirsch sagt, das sei Zufall. „Das ist halt Frankfurt.“

          Vor 20 Jahren hat er seine Fahrschule gegründet. Mit einer Filiale an der Friedberger Landstraße im Nordend fing es an, heute hat er fünf Zweigstellen: Auch in Bockenheim, im Gallus, in Sachsenhausen und in Offenbach leuchten der Schriftzug und die rote Kirsche, das Erkennungszeichen, an der Fassade. Kirschs Traum ist es, dass es einmal genügt, nur noch die Kirsche zu zeigen. Und man weiß, wer das ist.

          Neunzig Prozent schaffen die Theorie

          Mit 15 Fahrlehrern und 20 Autos ist die Fahrschule Kirsch heute der Platzhirsch in Frankfurt. 1000 Schüler lernen hier jedes Jahr das Fahren. Vier von fünf bestehen die praktische Prüfung im ersten Versuch. Neunzig Prozent schaffen die Theorie auf Anhieb.

          Wie wird man Fahrlehrer? „Allgemein oder persönlich?“, fragt Kirsch zurück. An der Wand hängt ein Schwarzweißfoto. Sein Vater zwischen Benz und Käfer. 1960 hatte er die Fahrschule Benno Kirsch in Dillenburg gegründet, aber die lief nur ein paar Jahre.

          „Viele Fahrlehrer fahren durch“

          Ingo Kirsch nennt sich einen „Autofetischisten“. Als 1998 der „New Beetle“ auf den Markt kam, hat er den sofort angeschafft. „Wir fahren immer die neuesten Autos“, sagt der Chef. Golf 7, Audi A5: „Da sind die Jungs ganz heiß drauf.“ Er least die Autos für zwei Jahre, dann gibt er sie wieder zurück. Fahrschulen sind bei den Herstellern sehr beliebt, sagt Kirsch. „Das ist das erste Auto des Kunden. Und das wissen sie.“

          Wer Fahrlehrer werden will, lernt vier Monate lang das Grundwissen. Nach der ersten Prüfung geht er in eine Ausbildungsfahrschule. Spätestens zwei Jahre danach folgt die zweite Prüfung: eine Fahrstunde mit einem Prüfer hintendrin. „Das ist sehr anspruchsvoll, viele fallen durch“, sagt Kirsch.

          „Das ist alles dein Fahrstreifen“

          Ein Fahrlehrer hat viele Freiheiten, er kann den Tag weitgehend selbst gestalten. Viele bleiben trotzdem nicht lange, die Fluktuation ist groß. „Viele denken, das ist der absolute Traumjob. Man fährt den ganzen Tag spazieren“, sagt Kirsch. So sei es aber nicht. „Man muss hellwach sein. Der Fahrschüler versucht ja permanent, sich selbst und Sie umzubringen.“ Nach acht Stunden im Auto sei man nicht am Gardasee, sondern „platt“. Auch für Ivo ist das Autofahren auf dem Beifahrersitz hart. „Man kann nie abschalten“, sagt er. Außerdem das ständige Sitzen. „Null Bewegung, man rostet ja ein.“

          Frau Nowak fährt zu weit rechts. Ivo greift ins Steuer und zeigt, wie viel Platz da noch auf der Kleyerstraße ist. „Das gehört alles dir, das ist alles dein Fahrstreifen“, sagt er und lenkt. Frau Nowak nickt und gibt Gas.

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