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Sachen auf Rädern : „Wir sind der Gegenpol zu Amazon“

Auf Tour: Ein Mitarbeiter von „Sachen auf Rädern“ unterwegs in der Frankfurter Freßgass’. Bild: Michael Braunschädel

Mit dem Frankfurter Lieferdienst „Sachen auf Rädern“ kommen Blumen, Wein und belegte Brötchen schnell und umweltfreundlich ans Ziel. Inhaber Klaus Grund hat noch mehr Logistik-Visionen.

          Auch die Frankfurter Rösterei Wissmöller ist jetzt dabei. Bisher verschickte sie die Pakete mit Kaffeebohnen an Besteller in der Stadt mit DHL, das heißt, der Kaffee wurde erst von Bockenheim aus zu einem Logistikzentrum in die Region gekarrt und von dort wieder zurück in die Stadt. „Was für ein Unsinn“, sagt Klaus Grund, Inhaber des Lieferdienstes „Sachen auf Rädern“. Oder die Bio-Bäckerei Kaiser: Die belegten Brötchen für das Café im Bahnhofsviertel, die aus Platzgründen in der Filiale an der Berger Straße geschmiert werden, kamen bisher per Taxi ans Ziel. Seit Herbst managt „Sachen auf Rädern“ den Transport.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Kaiser und Wissmöller sind zwei von inzwischen etwa zwei Dutzend Händlern, die regelmäßig den Frankfurter Lieferdienst ordern, alles in allem stehen 40 Besteller in der Kartei, unter diesen Blumengeschäfte (Blumen-Meister, Blütentraum, Liebesdienste), Weinhandlungen (Dr. Teufel, Frankhof), Metzgereien, Bäckereien und Caterer, aber auch Geschäfte wie das Haushaltswarengeschäft Lorey. Zu den Kunden dieser Auftraggeber gehören Unternehmen, die regelmäßig Blumen ordern oder etwas zu feiern haben; Schulen, die Essen bestellen, aber auch Privatpersonen. Mitunter rufen diese direkt an, um sich einen Sprudelkasten oder ein Möbelstück mit dem Fahrrad nach Hause liefern zu lassen. 6,50 Euro (plus Mehrwertsteuer) zahlen die Auftraggeber für den Transport, egal wie groß die Menge und wie weit der Weg ist. Diese Flatrate habe sich bewährt, sagt Grund. Etwa 90 Prozent der Lieferungen könnten im Frankfurter Stadtgebiet binnen 15 Minuten abgewickelt werden. Nur bei etwa fünf Prozent der Wege lege er drauf.

          Regionale Händler stärken

          Grund tritt selbst mit Lust in die Pedale, sitzt aber gerade gehandikapt zu Hause. Zwei Tage vor Weihnachten hatte er sich bei einem Fahrradunfall das Schienenbein verletzt. Die Folge: sechs Wochen Zwangspause. Der Patient nimmt es gelassen. Überhaupt scheint den Sechsundfünfzigjährigen so schnell nichts aus der Ruhe zu bringen. „Organisieren und Jonglieren, das kann ich“, sagt er im Hinblick auf sein Berufsleben. Viele Jahre arbeitete Grund im Marketing und Vertrieb, war zehn Jahre auch selbständig mit einer Event-Agentur, bevor er den Entschluss fasste, seinem Arbeitsleben noch einmal eine neue Wendung zu geben. Am 1. Januar 2016 wurde „Sachen auf Rädern“ gegründet.

          Der Wunsch, die regionalen Händler zu stärken, ist dabei ein wichtiger Beweggrund. „Wir wollen der Gegenpol zu Amazon sein“, sagt der Gründer. Als vertrauensvoll und unkompliziert beschreibt er die Zusammenarbeit mit seinen Kunden. „Man kennt sich, das ist ein nettes Miteinander.“ Grund genießt es, wie er sagt, nachdem er jahrelang nur mit Konzernen und komplexen Vertragswerken zu tun hatte. Aber auch das Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit liegt ihm am Herzen. Grund ist Mitglied bei den Grünen, nutzt mit seiner Frau privat Carsharing und sitzt unter anderem im Nachhaltigkeitsausschuss der Frankfurter Industrie- und Handelskammer.

          Kiezkaufhaus in Wiesbaden

          Aus einer ähnlichen Motivation heraus wurde vor knapp drei Jahren das Kiezkaufhaus in Wiesbaden gegründet. Der Dienstleister, Ableger der Werbeagentur Agentur Scholz & Volkmer, bündelt die Angebote inhabergeführter Geschäfte in einem Online-Shop und bringt Bestellungen gegen eine Servicepauschale von 5 Euro und 7 Euro mit dem Lastenrad zu den Kunden. Rund 30 Händler machen mit, vorwiegend aus der Lebensmittelbranche. Bei der Auswahl der Händler sind die Wiesbadener recht anspruchsvoll. Das Geschäftsmodell rechnet sich noch nicht. „Ich würde auch nicht auf Karstadt oder Kaufhof zugehen“, sagt Grund, die Schwelle setze er gleichwohl etwas niedriger an. „Es muss nicht bio sein.“

          Inzwischen rollen vier elektrische Lastenfahrräder für das Frankfurter Unternehmen mit einer Ladekapazität von bis zu 100 und einem Eigengewicht von 45 Kilogramm. Damit sind die Räder gerade noch wendig genug, um auch auf dem Radweg fahren zu dürfen. „Wir sind die Sprinter“, sagt Grund. Die Zahl der Aufträge liegt bisher bei durchschnittlich 25 bis 30 am Tag. „Davon kann ich schon leben.“ Ein Mitarbeiter wurde gerade in Teilzeit fest angestellt, drei arbeiten auf Minijob-Basis. Damit sei er der größte Lieferant auf Rädern für Produkte in der Region, sagt Grund.

          Preisgelder für Räder und Depots

          Beim Geschäftsaufbau geholfen haben dem Gründer 20000 Euro Preisgeld für einen ersten Platz beim EU-geförderten Klimaschutz-Ideenwettbewerb des Frankfurter Energiereferats. Damit konnte Grund die ersten beiden Räder finanzieren, und für den Aufbau einer Website und fürs Marketing sei auch noch etwas übrig geblieben. Beim jüngsten Klimaschutz-Wettbewerb der Stadt konnte er wieder punkten, diesmal mit der Idee, kleine Depots am Stadtrand einzurichten und Waren von dort mit der Straßenbahn zu einer weiteren Sammelstelle in der Innenstadt zu fahren. Die sogenannte letzte Meile soll dann das Fahrrad übernehmen. Für das Projekt haben er und sein Projektpartner Herbert Riemann, ein Industriedesigner, knapp 32000 Euro Preisgeld zur Verfügung. In diesem Sommer soll die Pilotstrecke – die Straßenbahnlinie 12 von einem Waren-Depot auf dem Neckermann-Areal zu einem am Hauptbahnhof – den Betrieb aufnehmen.

          Sein Unternehmen selbst will Grund parallel weiter voranbringen. Geplant sind ein Online-Shop für Produkte regionaler Anbieter, parallel dazu aber auch eine gemeinsame Verkaufsstelle, etwa in der Kleinmarkthalle. Mittelfristig sind 50 bis 60 feste Touren am Tag das Ziel. Grund hat keinen Zweifel, dass das klappen wird. Er glaubt an sein Geschäft. „Das Fahrrad in der Stadt ist die Zukunft.“

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