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Leihräder : Gelb und Orange mischen sich

Getrennt radeln und vereint abstellen: Mainz und Wiesbaden arbeiten bei den Mietrad-Angeboten zusammen. Bild: Mainzer Stadtwerke

In Wiesbaden leihen und in Mainz abstellen – oder umgekehrt. Die beiden Landeshauptstädte links und rechts des Rheins haben ihre Fahrrad-Verleihsysteme harmonisiert.

          3 Min.

          Zwei Landeshauptstädte, ein Verleihsystem. Es hat deutlich länger gedauert als geplant, doch nun haben Eswe Verkehr und Mainzer Mobilität ihre Fahrradverleihsysteme technisch kompatibel gestaltet und die Tarife harmonisiert. Wer in Wiesbaden eines der orangenen Fahrräder ausleiht, kann es fortan in Mainz abstellen und umgekehrt. Das Mietentgelt streicht der jeweilige Betreiber der Ausleihstation ein.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Damit ist zu erwarten, dass an den mehr als 120 Mainzer Verleihstationen schon bald vermehrt orange Räder aus Wiesbaden auftauchen und an den 86 Wiesbadener Stationen die gelben Räder aus Mainz. Das ist gewollt. Allerdings geht die Kooperation nicht so weit, dass kaputte Mainzer Räder auch in Wiesbaden repariert werden. Sie werden gesammelt, bis ein Lastwagen voll ist, und dann über den Rhein hinweg ausgetauscht.

          Der Vorteil für die Mietkunden ist dennoch beachtlich. Im Raum Mainz / Wiesbaden gibt es jetzt mehr als 200 Stationen und mehr als 1200 Leihräder, von denen 500 Eswe gehören. Ingelheim und Budenheim sind linksrheinisch schon an das System angeschlossen, rechtsrheinisch soll der Rheingau bald folgen.

          „Der Radverkehr hat eine grandiose Zukunft“

          Besonderheiten gibt es aber weiterhin, die aus der Vorgeschichte herrühren. Denn Mainz hat nach drei Jahren Vorbereitung schon 2012 mit dem Verleihsystem begonnen, Wiesbaden folgte erst im Sommer 2018. Mainz wollte ein geordnetes Stadtbild und hat deshalb feste Stationen gebaut, an denen die Räder angedockt werden müssen. Der große Nachteil: Ist die Station belegt, muss der Nutzer weiterradeln.

          Wiesbaden hat darauf verzichtet und Radständer aufgestellt, in deren unmittelbarem Umkreis dank Satellitenüberwachung beliebig viele Räder abgestellt werden können. Mainz behält zwar seine festen Stationen, folgt aber künftig dem Wiesbadener Beispiel, denn die Wiesbadener Radständer kosten mit bis zu 4000 Euro nur ein Sechstel der Mainzer Docking-Stationen. Verkehrsdezernentin Katrin Eder (Die Grünen) sieht deshalb die Chance, auch in solchen Mainzer Ortsteilen Leihräder anbieten zu können, die bislang aus Kostengründen außen vor blieben. „Der Radverkehr explodiert in Mainz“, sagte Eder. Nach ihren Angaben hat der Radverkehr inzwischen einen Anteil von 20 Prozent. In Wiesbaden sind es rund sechs Prozent.

          Eders Wiesbadener Kollege Andreas Kowol (Die Grünen) will möglichst schnell aufholen. Nicht nur durch das Anlegen neuer Radwege und Radschutzstreifen, sondern auch durch eine absehbare Erweiterung des Angebots mit E-Bikes und Lastenfahrrädern. Um den stromübergreifenden Radverkehr zu stärken, soll zudem die Kaiserbrücke auf jeder Rheinseite mit einer stufenlosen Auffahrrampe versehen werden. Dafür hofft Kowol auf Fördermittel. Eder wiederum hat einen Neustart des Mainzer Verleihsystems beim Berliner Dieselfonds zur Förderung angemeldet und hofft auf bis zu sieben Millionen Euro. „Der Radverkehr hat eine grandiose Zukunft“, sagt Kowol.

          Oberbürgermeister loben verbesserte Mobilität

          Das sehen auch die beiden Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende und Michael Ebling (beide SPD) so. Mende sagte, Insellösungen taugten nicht mehr zur Verbesserung der Mobilität. Dem Fahrrad falle im urbanen Verkehr der Zukunft eine zentrale Rolle zu. Das gemeinsame Leihsystem sei vor diesem Hintergrund ein großer Fortschritt. Für Ebling ist die absehbare Vermischung des gelben und orangenen Radfuhrparks ein gutes Zeichen angesichts der Tatsache, dass die Pendlerzahlen zwischen Mainz und Wiesbaden kontinuierlich zulegten. In Mainz habe das Leihfahrrad inzwischen einen Kultstatus. Das System in enger Kooperation weiter auszubauen sei „alle Mühen wert“.

          Bislang wird das Leihangebot in Mainz deutlich stärker genutzt als in Wiesbaden. Die Mainzer Mobilität hat 30.000 Kundenkarten ausgegeben und erwartet bis zum Jahresende drei Millionen Ausleihvorgänge seit dem Start vor sieben Jahren. Wiesbaden hat bislang 10.000 Kunden und 62.000 Ausleihvorgänge verzeichnet.

          Alle bisherigen Kunden müsse nun aber ihre App auf dem Smartphone aktualisieren und ihre Tarifmodelle neu wählen. Die erste Stunde auf dem Leihrad wird in Mainz und Wiesbaden künftig im Standard-Tarif mit 1,50 Euro berechnet. Danach kostet jeder weitere 30-Minuten-Takt ebenfalls 1,50 Euro. 50 Prozent günstiger wird es für Kunden, die ein ÖPNV-Abonnement besitzen. Regelmäßigen Nutzern bieten die Verkehrsunternehmen Komfort-Tarife an. In der Startphase des interkommunalen Leihsystems schenken beide ihren Kunden bis zum 30. September die erste Stunde auf dem Rad.

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