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Fachkräftemangel : Fitnesstraining fürs Unternehmen

Schwere Arbeit auch bei der Produktion von Pigmenten. Bild: Rüchel, Dieter

Zahlreiche Chemiebetriebe in Hessen beklagen schon einen Mangel an Fachkräften. Aber die Branche jammert nicht nur. Beispiel: Clariant.

          3 Min.

          Da kann sich Ulrich Ott ein Grinsen nicht verkneifen. Yoga, Rückenschule und Fitness im Keller des Bürokomplexes von Clariant in Sulzbach anbieten - welcher Angestellte geht nach der Arbeit schon dorthin? An Bedenkenträgern hat es auch nicht gemangelt. Doch die Prophezeiung, dies werde „eine zähe Aktion“, hat sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: 60 der 456 Mitarbeiter des Chemieunternehmens in der Taunusgemeinde pflegen im Keller nun Körper und Geist. Sogar ein alter Raucherraum ist im Dienste der Gesundheit umgewidmet worden. Clariant übernimmt jeweils die Hälfte der Kursuskosten. „Und wir überlegen, das Angebot auszubauen“, sagt Ott, der die deutsche Landesgesellschaft des schweizerischen Konzerns führt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Solche Investitionen nimmt das Unternehmen nicht von ungefähr auf sich - sie zählen zum Projekt „Generation in balance“, das Folge einer Demographieanalyse ist. Wie andere Chemieunternehmen auch ist Clariant durch den sogenannten Demographie-Tarifvertrag von 2008 verpflichtet gewesen, den Altersaufbau seiner Belegschaft zu untersuchen (siehe Grafik). Dazu gehörte auch eine Vorhersage, inwieweit die jeweilige Belegschaft altern werde. Wobei diese Frage auch für einzelne Berufsgruppen und Geschäftseinheiten beantwortet werden musste und nicht nur für den gesamten Betrieb.

          Engpässe erwartet

          „An diese Überlegungen haben Unternehmen weitere Fragen geknüpft: Wie sieht der Arbeitsmarkt für die von uns benötigten Qualifikationen aus“, erläutert Clemens Volkwein, Demographieberater des in Wiesbaden ansässigen Arbeitgeberverbands Hessen-Chemie. In der Folge sind Fitnessstudios auf Werksgeländen gebaut worden - so etwa das neudeutsch Site Health Center genannte Trainingszentrum von Infraserv Höchst, in dem auch Clariant Plätze für Arbeiter aus der Produktion gebucht hat.

          Seit 2006 ist das Durchschnittsalter der Beschäftigten um über zwei Jahre gestiegen
          Seit 2006 ist das Durchschnittsalter der Beschäftigten um über zwei Jahre gestiegen : Bild: F.A.Z.

          Allerdings erschöpfen sich die Ideen der Unternehmen nicht in Gesundheitsangeboten. Denn mit dem demographischen Wandel geht auch der Fachkräftemangel einher oder zumindest die Furcht davor. Die Chemiebranche zeigt sich in dieser Angelegenheit gespalten. Wie eine Umfrage von Hessen-Chemie unter 70 der 300 Verbandsmitglieder ergeben hat, spürt knapp die Hälfte der Unternehmen schon einen Fachkräftemangel oder erwartet Engpässe in naher Zukunft in gewissen Berufen: „Der weit überwiegende Teil der Unternehmen registriert vor allem einen Mangel an Fachkräften für Produktion und Instandhaltung sowie bei Akademikern in Ingenieursberufen.“ Sogar drei Viertel der Betriebe erwarteten einen sich verschärfenden Fachkräftemangel - 40 Prozent haben laut Verband angeben, schon jetzt einen Arbeitsplatz über längere Zeit nicht besetzen zu können.

          Schon unter Schüler wird geworben

          Mit solchen Schwierigkeiten kämpft Clariant in Rhein-Main zumindest noch nicht, wie Ott sagt. Allerdings spürt auch ein solch großes Unternehmen einen Wandel auf dem Arbeitsmarkt: „Wenn eine Firma heute einen guten Mitarbeiter haben will, muss sie ihm einen unbefristeten Arbeitsvertrag geben - sonst geht der woandershin.“ Vor ein paar Jahren sei das noch anders gewesen. Zudem müsse Personalplanung vorausschauender sein als früher. „Wenn Sie den Ersatz für den Meister, der in fünf Jahren in Rente geht, nicht schon an Bord haben, dann haben Sie 2017 keinen“, gibt der Landesleiter zu bedenken. Folglich sei das Thema Demographie auch deutlich stärker ins Bewusstsein der Geschäftsleitung und der Arbeitnehmervertreter getreten.

          Ott fordert sogar einen „Paradigmenwechsel“, wie er es nennt: Der klassische Karriere-Vierklang - solide Ausbildung, ranklotzen, aufsteigen und möglichst früh in Rente gehen - müsse von einem neuen Bild des Arbeitslebens abgelöst werden. Dazu zählen seines Erachtens kürzere Ausbildungszeiten, ständiges Lernen und regelmäßige Veränderungen im Arbeitsalltag und Wissenstransfer innerhalb der Belegschaft. Zudem schwebt ihm weniger eine Karriereleiter vor als der Einsatz in wechselnden Ebenen (Matrix). Unternehmen und Mitarbeiter seien beide gefordert, wenn es um gesunden Lebenswandel gehe und die Aufgabe, möglichst lange arbeits- und lernfähig zu bleiben. Ott schließt verschiedene Arbeitszeitmodelle und Hilfen bei Pflegebedürftigkeit von Angehörigen ebenso ein wie Angebote zur Kinderbetreuung. Auch „Gesundes Führen“ („Wie erkenne ich Defizite zu Lasten der Gesundheit?“) steht bei Clariant auf der Liste der Aufgaben.

          Um dem demographischen Wandel zu begegnen und einem Fachkräftemangel vorzubeugen, wirbt Clariant schon unter Schülern für sich. Das Unternehmen beteiligt sich auch an dem Internetprojekt „Elementare Vielfalt“, kurz Elvi genannt, und an „Start in den Beruf“, einem Höchster Angebot für ungenügend ausgebildete Schüler.

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