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F.A.Z.-Spendenprojekt : Hilfe für Suizidgefährdete ist weder Tabu noch Normalität

Dunkle Gedanken bekämpfen: Suizidprävention braucht Unterstützung. Bild: Julia Zimmermann

Wer Suizide verhindern möchte, der muss darüber sprechen. Insbesondere über Erkrankungen, die dem Todeswunsch meist zugrunde liegen. Und auch über Auswege aus seelischen Krisen. Das ist ein Ziel des diesjährigen F.A.Z.-Spendenprojekts.

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          Von den griechischen Tragödien über die Werke des Sturm und Drangs bis hin zur Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ – seit alters her bewegt das Thema Suizid die Menschen, inklusive des öffentlichen Widerhalls in der Kultur und den Medien. Zugleich ist der „Selbstmord“ aber auch tabuisiert. Das Christentum betrachtete ihn bis in die jüngere Zeit als schwere Sünde. Wer sie beging, dessen Leichnam erwartete ein „Eselsbegräbnis“ außerhalb der Friedhofsmauern.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Noch heute wird in vielen Familien und Freundeskreisen über das Thema schamhaft geschwiegen. Dabei ist so gut wie jeder im näheren oder weiteren Umfeld schon einmal davon berührt worden: Alljährlich nehmen sich in Deutschland etwa 10.000 Menschen das Leben, 90 bis 100 sind es in Frankfurt. Sie hinterlassen eine vielfache Zahl von trauernden, teils traumatisierten Angehörigen. In der Altersgruppe der jungen Erwachsenen ist der Suizid die häufigste Todesursache.

          Es gibt nachvollziehbare Gründe, das Thema zu meiden. Der wichtigste ist der sogenannte Werther-Effekt. Nach dem Erscheinen von Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ soll es in der bürgerlichen Jugend, die sich mit dem Titelhelden identifizierte, zu einer zweistelligen Zahl von Selbsttötungen gekommen sein. Von einem solchen Effekt ist die Rede, wenn Medien über einen Suizid berichten und sich im Anschluss sogenannte Nachahmungstaten ereignen.

          Wer Selbsttötungen verhindern möchte, muss darüber sprechen

          Dementsprechend kontrovers hat auch die Redaktion der Rhein-Main-Zeitung darüber diskutiert, ob die Suizidprävention zum Anliegen der diesjährigen Spendenaktion „F.A.Z.-Leser helfen“ gemacht werden sollte. Denn wer Selbsttötungen verhindern möchte, der kommt nicht umhin, auch darüber zu sprechen oder, im Fall der F.A.Z., darüber zu schreiben.

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          Die Redaktion stützt sich auf die Expertise der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Frankfurter Uniklinik. Das Team um Klinikdirektor Andreas Reif ist der Kooperationspartner des Spendenprojekts, dessen Einnahmen dazu dienen sollen, Menschen in seelischen Notlagen zu erreichen – auch solche, die nicht von sich aus den Weg zu einem Facharzt oder in eine Klinik finden. Finanziert werden durch die Spenden der F.A.Z.-Leser sollen unter anderem regelmäßige Sprechstunden in jenen Frankfurter Siedlungen, in denen die Probleme besonders drängen, die Versorgung mit psychiatrischer und therapeutischer Hilfe aber dünn ist.

          Eine Studie, an der die Uniklinik beteiligt war, gibt Hinweise auf Wohnquartiere, in denen Selbsttötungen besonders häufig sind. Zu bedenken ist in diesem Kontext, dass die allermeisten Suizide und Suizidversuche auf psychische Erkrankungen zurückgehen. Am relevantesten sind Depressionen, die oft unerkannt bleiben. Nur 65 Prozent der Betroffenen erhalten überhaupt ärztliche Hilfe, davon wird wiederum nur die Hälfte korrekt diagnostiziert und hiervon nur ein Drittel adäquat therapiert.

          Mit dem F.A.Z.-Spendenprojekt „Lokale, niederschwellige Krisenintervention in Frankfurt“ (Loki) will das Team um Andreas Reif die Menschen erreichen, die sich gar nicht erst in ärztliche Hilfe begeben. Dass sie das nicht tun, kann viele Gründe haben. Die meisten haben mit Unwissen zu tun: Unwissen über die Symptome einer Depression, Unwissen über Zugänge zur Therapie, unrealistische Einschätzungen der Konsequenzen einer Beratung und Angst vor Stigmatisierung. Vor diesem Hintergrund sei es nicht nur erlaubt, sondern geboten, auch öffentlich über Themen wie Depression und Suizidalität zu reden, sagt der Klinikdirektor.

          Reif spricht von „Suizidalität“, umgangssprachlich Lebensmüdigkeit, also einem psychischen Zustand, in dem die Gedanken und das Verhalten eines Menschen darauf ausgerichtet sind, sich das Leben zu nehmen. Über einen konkreten Suizid dagegen sollten Medien nach Reifs Meinung nur unter bestimmten Voraussetzungen und in einer bewusst gewählten Form berichten. Unter gar keinen Umständen dürfe eine Selbsttötung heroisiert oder stilisiert werden, etwa durch Formulierungen wie „er hat den Kampf verloren“, wie es zum Beispiel nach dem Tod des Fußball-Nationaltorhüters Robert Enke geschehen sei. Sich umzubringen sei kein Ausweg aus einer Krise, vielmehr seien Suizidimpulse Symptome einer Krankheit, die behandelt werden müsse.

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