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F.A.Z.-Leser helfen : „Wir haben den Schlüssel in der Hand“

Blickkontakt: Eine Ärztin der Fundación Visión untersucht ein Kleinkind in der Stadt Coronel Oviedo. Bild: Frank Röth

Der deutschstämmige Rainald Duerksen von der Fundación Visión kämpft in Paraguay für das Augenlicht von Frühgeborenen. Die F.A.Z.-Spendenaktion soll ihm dabei helfen.

          Herr Dr. Duerksen, warum sind Sie Augenarzt geworden?

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das war eigentlich eine egoistische Entscheidung. Ich wusste, dass in Paraguay, wo ich als Kind deutscher Eltern aufgewachsen bin, Augenärzte gesucht werden. Außerdem müssen Augenärzte keine Nachtschichten machen, und ich wollte einen Beruf, den ich mit der Familie vereinbaren kann.

          Aus diesem pragmatischen Ansatz ist eine Berufung geworden. Wie kam es dazu?

          Zunächst habe ich mich niedergelassen, eine Privatklinik gegründet und war auch ziemlich erfolgreich damit. Durch den Kontakt mit der Christoffel Blindenmission wurde ich aber vor Fragen gestellt. Ich sah nicht mehr nur, wie viele Patienten ich behandele, sondern auch, wie viele von keinem Arzt betreut werden.

          Wie viele sind das in Paraguay?

          Bei uns haben 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung keinen Zugang zu Augenheilkunde. Nur etwa 20 Prozent haben eine private oder staatliche Krankenversicherung. Deshalb habe ich mich damals entschieden, einen Tag im Monat aufs Land zu fahren und armen Leuten zu helfen. Das war eine Art Hobby. Aber aus dem einen Tag wurden zwei Tage, und ich merkte, dass wir mindestens 20 Augenärzte in Vollzeit brauchten, um die Masse der Menschen zu versorgen. Deshalb habe ich mich von der Privatpraxis verabschiedet. Denn wenn ich einen Privatpatienten nicht behandele, wird es jemand anderes tun. Wenn ich jemandem, der keinen Arzt bezahlen kann, nicht helfe, wird es wahrscheinlich niemand tun.

          Kam es so zur Gründung der Augenklinik Fundación Visión in der Hauptstadt Asunción?

          Für meine Frau und mich war das ein Wendepunkt in unserem Leben. Wir konnten auch Kollegen dafür begeistern – die Überraschung war groß, dass viele Augenärzte und auch Institutionen bereit waren mitzumachen. Auch die Christoffel Blindemission ist in den letzten 20, 30 Jahren mit Rat und Tat dabei gewesen.

          Wie groß ist die Fundación heute?

          Jeden Tag untersuchen unsere Augenärzte und Techniker 700 bis 800 Patienten. Unabhängig davon, ob jemand Geld hat oder ob es eine Finanzierung vom Staat gibt. Manchmal reicht eine Operation von 15 Minuten, um eine Erblindung zu verhindern.

          Ein besonderes Anliegen, das durch die diesjährige F.A.Z.-Spendenaktion unterstützt werden soll, ist es, Erblindungen bei Frühgeborenen zu verhindern. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

          In den neunziger Jahren habe ich die Kinder in einer Blindenschule untersucht. Ich versuchte, herauszufinden, warum sie blind geworden waren. Dabei stellte ich fest, dass etwa ein Drittel von ihnen Frühgeburten waren. Die Augen hatte sich durch eine unbehandelte Retinopathie nicht entwickelt.

          Also durch eine Netzhautablösung, hervorgerufen von einer mangelhaften Reife des Auges. Ist das ein spezielles Phänomen in Paraguay?

          Nein, das Risiko dafür besteht für Frühgeburten überall. Das Typische in den Schwellenländern ist, dass es Kliniken mit Neugeborenenstationen gibt und viele frühgeborene Kinder überleben, es dann aber keine Kontrollen und keine Aufklärung über Augenerkrankungen gibt.

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          Was kann man tun?

          Die Fortbildung von Neonatologen ist wichtig. Aber wirklich effektiv ist, wenn man jede Woche in die Krankenhäuser geht und alle Kinder untersucht, die die Kriterien erfüllen, also sehr früh geboren oder stark untergewichtig sind.

          Wäre das nicht Aufgabe des staatlichen Gesundheitssystems?

          Ja, es muss ein staatliches Programm für solche Untersuchungen geben. Mit unserer Arbeit wollen wir das Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig das ist. Das muss Routine werden, wie in den meisten entwickelten Ländern. Aber bis es soweit ist, wird sich die Fundación Visión für jedes einzelne Kind einsetzen.

          Was motiviert Sie?

          Unsere christliche Überzeugung hat einen starken Einfluss. Stellen Sie sich vor, jemand ist hinter einer Tür eingesperrt und ich habe den Schlüssel zu der Tür. Er bittet mich, die Tür zu öffnen. Da kann ich doch nicht sagen: „Schieben Sie 1000 Euro unter der Tür durch – und wenn Sie sie nicht haben, dann melden Sie sich wieder, wenn Sie sie haben!“ Als Ärzte haben wir die Möglichkeit, Augenlicht zu retten. Wir haben den Schlüssel in der Hand, wir können die Tür öffnen, und wir werden es auch machen, so lange wir können.

          Die Fragen stellte Matthias Trautsch.

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