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F.A.Z.-Leser helfen : Wenn Träume wie Drachen fliegen

  • -Aktualisiert am

Drachenbauer: Nicht nur beim Bau von Flugdrachen beweist Mahmood Golestani handwerkliches Geschick. Bild: Maximilian von Lachner

Mahmood Golestani wurde als Teilnehmer für das Projekt Ina ausgewählt. Damit steigen die Chancen, in Deutschland Arbeit zu finden. Spenden von F.A.Z.-Lesern machen diesen Traum möglich.

          4 Min.

          Es ist frisch an diesem Morgen, Mahmood Golestani zieht den Reißverschluss seiner dünnen Lederjacke ganz zu. Um ein wenig Geduld bittet er die Gäste, denn sein jüngster Sohn Iman schläft noch. Drei Zimmer hat die fünfköpfige Familie in dem mit Holz und Glas sehr nett gestalteten Container in der Flüchtlingsunterkunft Bonames. Das klingt großzügig und weiträumig, ist aber ziemlich eng. Auch im Wohnzimmer stehen zwei Betten, in denen der Vierjährige und die Mutter schlafen, ein Esstisch mit fünf Stühlen, eine Kochnische, dazwischen ist kaum Platz.

          Er sei sehr zufrieden hier, und die Familie fühle sich sehr wohl, sagt der Fünfunddreißigjährige. Morgens bringt er normalerweise Iman in den Kindergarten, Saba (13) und Mehran (12) fahren mit Bus und Bahn in die Ernst-Reuter-Schule, die sie seit einem guten halben Jahr besuchen. Der Familienvater und seine Frau Shakila lernen jeden Tag Deutsch, vormittags in einem Kurs in der Unterkunft, nachmittags auf dem alten Universitätsgelände in Bockenheim. Sie haben einen großen Traum, der sehr bescheiden klingt: „Wir wollen, dass die Familie zusammenbleibt, wir ein ruhiges Leben haben können und ich hier Arbeit finde“, sagt Golestani.

          Greuel lassen ihn verstummen

          Er setzt seine ganze Hoffnung nun in das Projekt „Ina“ der Handwerkskammer, für das er ausgewählt worden ist. Soeben hat er davon erfahren und ist noch ganz überwältigt. Was genau ihn dort erwartet, weiß er nicht. „Ina“ steht für „Integration durch duale Bildung“, die diesjährige Spendenaktion „F.A.Z.-Leser helfen“ finanziert das Programm der Handwerkskammer Frankfurt. Für die Familie Golestani heißt „Ina“ nun Hoffnung auf Arbeit, auf das sichere Leben in Deutschland.

          Von der Vergangenheit spricht der junge Familienvater nicht gern. Im Haus seines Vaters in Afghanistan hat er gelebt, bis er 17 Jahre alt war, Bruder und Eltern leben noch dort. Damals ist er bereits ein erstes Mal geflohen, nach Teheran, nach Iran. „Es ist etwas passiert“, sagt er nur, presst die Lippen zusammen, und seine Augenschatten erscheinen plötzlich noch viel dunkler, als sie es ohnehin sind. Die Erinnerung quält ihn sichtbar.

          Die Taliban haben zwischen 1996 und 2001 viele Massaker an der Zivilbevölkerung verübt, eine Million Menschen waren damals in Afghanistan auf der Flucht, Zwangsverheiratungen, sexuelle und häusliche Gewalt sowie Übergriffe aller Art waren an der Tagesordnung. Welche Greuel davon ihn verstummen lassen, darüber will er nicht sprechen.

          Ein einziges Foto

          Elf Jahre hat er in Teheran gelebt, seine drei Kinder sind dort geboren. Als Maler und auf dem Bau hat er Berufserfahrung gesammelt, zehn Jahre lang zuvor in Afghanistan die Schule besucht. Gute Voraussetzungen, um vielleicht auch in Deutschland beruflich Fuß fassen zu können, sagen die Projektleiter der Handwerkskammer. Ihnen ist er wegen seiner hohen Motivation schon beim ersten Besuch hier gleich aufgefallen. Bauzeichnungen und Pläne könne er gut lesen und umsetzen, sagt er, und plötzlich richtet sich sein Oberkörper sehr selbstbewusst auf. Er will endlich wieder zeigen dürfen, was er kann, seine Familie wieder selbst ernähren.

          Was die Familie an materiellen Erinnerungen mitnehmen konnte, ist im Meer versunken. Bei ihrer von Schleppern organisierten Flucht, deren Ziel ihnen lange Zeit unbekannt blieb, mussten sie mehr als einmal um ihr Leben bangen. Als sie in einem Schlauchboot mit mehr als 50 Menschen saßen und die Wellen Unmengen von Wasser hineinspülten, warfen sie die letzten Gepäckstücke über Bord, um das Kentern zu verhindern, ihr Leben zu retten. Saba träumt immer noch fast jede Nacht von ihrer Todesangst auf der Flucht, auch Mehran erinnert sich nicht gern.

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