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F.A.Z.-Leser helfen : Das Aschenputtel von Salcajá

  • -Aktualisiert am

Folkloretanz mit Umhang: Im Anschluss an ihr Grußwort tanzt Silvia Catarina in guatemaltekischer Tracht zusammen mit anderen Drittklässlern. Bild: Frank Röth

Waisen und Halbwaisen haben im Kinderdorf der deutschen Stiftung Kinderzukunft in Guatemala Zuflucht gefunden. Dort wachsen sie behütet auf, gehen zur Schule und werden gefördert. So können sogar frühere Straßenkinder zu Königinnen werden.

          Die Aufregung ist Silvia Catarina Menchú Tzoc kaum anzumerken. Die zierliche Neunjährige braucht nicht einmal einen Zettel für ihren Vortrag. Nach dem Direktor und dem ersten Auftritt des Schulchors, der „Mi bella Guatemala“ (Mein schönes Guatemala) besungen hat, darf sie nun ans Mikrofon. Als neue „Reina escolar“, sprich Schulkönigin, begrüßt sie die Gäste aus Deutschland. Wie ein Profi meistert sie einen ihrer ersten Auftritte im Amt. Nur drei Tage lang habe sie geübt, um Grußwort und ein Gedicht auswendig sprechen zu können, berichtet sie den Gästen hinterher.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Wahl von Königinnen, sei es für die gesamte Schule, den Sport, die Freundschaft, die Musik oder den Chor, ist an Schulen in Guatemala eine Tradition. So auch in der Grundschule im Kinderdorf der im Main-Kinzig-Kreis beheimateten Stiftung Kinderzukunft, für deren Erhalt die Rhein-Main-Zeitung ihre Leser in diesem Jahr um Spenden bittet.

          Ein Jahr lang Krone und Schärpe

          Vor einem Monat hat eine Jury aus Betreuern des Kinderdorfs Silvia gekürt. Die Drittklässlerin konnte sich dank ihrer Ausstrahlung in einem Wettbewerb, bei dem Präsentation, Eleganz und freies Sprechen beurteilt wurden, gegen zwei ältere Schülerinnen durchsetzen. All dies hatte sie zuvor als Prinzessin der ebenfalls einmal im Jahr gekürten Chorkönigin trainieren können. Nun darf sie selbst ein Jahr lang Krone und Schärpe tragen.

          Das hätte Silvia wohl kaum erreicht, wenn sie nicht vor knapp vier Jahren Zuflucht im Kinderdorf in der Stadt Salcajá bekommen hätte, das der Möbelhändler und Stiftungsgründer Rudolf Walther vor fast 25 Jahren aufgebaut hat. Als sie vier Jahre alt war, hatte ihr Vater – wie so viele Männer in Guatemala – die Familie im kleinen Dorf Chipuac im Bezirk Totonicapán verlassen. Die Mutter fand zwar eine Anstellung bei einer Familie in Salcajá. Doch das Einkommen als Tortillabäckerin reichte nicht aus, um sich eine eigene Bleibe zu leisten und ihre Kinder zu ernähren. Sie hätten vermutlich auf der Straße leben und Geld dazuverdienen müssen, um nicht zu verhungern. Ein Schulbesuch wäre unmöglich gewesen.

          Die Erziehung ist nicht immer leicht

          Aber weil es ihre Kinder einmal besser haben sollten als sie, wandte sich die Mutter an das nahe gelegene Kinderdorf und bat um die Aufnahme ihrer damals sechs und sieben Jahre alten Töchter und des vierjährigen Sohnes. 2012 konnten die Geschwister tatsächlich in eines der 17 Kinderhäuser auf dem Campus ziehen. Insgesamt leben in dem Kinderdorf in Salcajá nahe Quetzaltenango, der zweitgrößten Stadt Guatemalas, fast 170 Kinder – Waisen und Halbwaisen. Mit den drei Geschwistern sind es in Haus 5 acht Kinder, die mit einer „tia“, einer Tante, zusammenwohnen.

          Der Kontakt zur eigenen Mutter blieb über die Jahre bestehen, doch Silvia möchte nicht von ihr erzählen. Mit Tränen in den Augen senkt sie den Blick. Eine feste Bezugsperson im Dorf haben die Geschwister nicht, weil ihre Hausmutter häufig gewechselt hat. Die Erziehung von acht bis zehn Kindern, die aus völlig unterschiedlichen Gegenden kommen, sei nicht leicht, berichtet Personaldirektorin Mirna Sac Coycoy. Sechs Tage in der Woche rund um die Uhr für die Kinder eines Hauses da zu sein, das habe einige Betreuerinnen in der Vergangenheit überfordert, schon bald hätten sie das Dorf wieder verlassen.

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