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F.A.Z.-Leser helfen : Damit Familien über sich hinauswachsen können

Einfühlsam: Der Soziologe Holger Friedler und Kinderärztin Sabine Becker hören den Eltern genau zu. Bild: Helmut Fricke

Das Kinder-Palliativteam Südhessen berät Eltern, die ein Kind mit lebensverkürzender Erkrankung erwarten. So können sie kostbare Zeit mit ihrem Baby verbringen.

          Die Schwangerschaft ist für die meisten Eltern eine Zeit der Vorfreude. Manchmal wird sie aber von Sorgen überschattet, vor allem dann, wenn bei einer Untersuchung festgestellt wird, dass das Kind nicht gesund ist. Wird eine lebensverkürzende Erkrankung beim Ungeborenen entdeckt, raten die Ärzte in der Regel zur Abtreibung. Sie wollen damit Mutter und Kind vor unnötigem Leid bewahren. Schwangerschaftsabbrüche aus medizinischen Gründen sind in Deutschland bis zur Geburt erlaubt. Doch es gibt Eltern, die sich fürs Austragen entscheiden.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Es sind meist sehr reflektierte Eltern“, sagen der Soziologe Holger Fiedler und die Kinderärztin Sabine Becker. „Sie hinterfragen alles und wägen ab. Und entscheiden sich dann dafür, der Natur ihren Lauf zu lassen.“ Diesen Eltern will das Kinder-Palliativteam Südhessen, das Fiedler und Becker leiten, helfen. Auf Wunsch ermöglicht es ihnen, das Kind nach der Geburt mit nach Hause zu nehmen. Vor allem aber beraten sie die werdenden Eltern und besprechen mit ihnen, was auf sie zukommen wird.

          Betroffene müssen sich rechtfertigen

          Die Betroffenen gerieten häufig unter Druck, müssten sich vor Ärzten, Großeltern und Freunden rechtfertigen, weiß Becker. Zumindest die Bedenken der Ärzte schwänden meist nach der Vorbesprechung mit dem Palliativteam. Denn wenn es das Neugeborene im Kreißsaal übernehme, wüssten die Klinikärzte, dass das Kind gut versorgt werde. Die Arbeit bringe selbst die Mitarbeiter des Teams „an den Rand dessen, was erträglich ist“, sagt Becker. Es sei eine große emotionale Herausforderung. „Man muss das wollen“, hebt Fiedler hervor. Das Kind müsse dank der Palliativmedizin nicht leiden. Auf lebensverlängernde Maßnahmen werde in der Regel verzichtet.

          Das Angebot sei nicht als Appell gegen einen Abbruch gedacht, hebt die 54 Jahre alte Palliativmedizinerin Becker hervor, die sich für die genetische Beratung in der Kinderheilkunde und zur Ethikberaterin im Gesundheitswesen weitergebildet hat. „Es ist unklar, was das größere Trauma verursacht: Abbruch oder Austragen.“ Für manche Eltern sei es leichter, das Kind zu einem frühen Zeitpunkt zu verlieren. Andere wollten es kennenlernen. „Allen Müttern, die wir betreut haben, war es wichtig, mit ihrem Kind unmittelbaren körperlichen Kontakt zu haben“, berichten Becker und Fiedler.

          „Ich kann nicht verhindern, dass ein Kind stirbt“

          „Ich kann nicht verhindern, dass ein Kind stirbt, aber ich kann das Leid für die Familie erträglich machen“, sagt die Kinderärztin. Das gelinge am besten, wenn die Betroffenen über ihre Situation offen reden könnten und zum Handeln befähigt würden. Den Zustand ihres Babys könnten die Eltern am besten beurteilen, erklärt Becker. Sie helfe ihnen nur, Symptome wie Schweißausbrüche, erhöhte Herz- oder Atemfrequenz richtig zu deuten. „Es macht Freude zu sehen, wie die Familien im Laufe der Zeit über sich hinauswachsen.“

          Schon in ihrer Ausbildung am Frankfurter Uniklinikum hat Becker Kinder sterben sehen. Als die gebürtige Wiesbadenerin später aus persönlichen Gründen mit der Palliativmedizin in Kontakt kam, überzeugte sie deren Arbeit derart, dass sie sich ebenfalls dafür qualifizierte. Vor rund neun Jahren wechselte sie zum Palliativteam Frankfurt, mit dem Ziel, todkranke Kinder zu versorgen. Ein derartiges Angebot existierte aber noch nicht. Auch das Palliativteam, das von einer gemeinnützigen GmbH getragen wird, sah den Bedarf.

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