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F.A.Z.-Leser helfen : Suizid als soziales Problem

Die Hemmschwelle, Hilfe zu beanspruchen, sei häufig hoch: Christine Reif-Leonhard ist leitende Oberärztin in der Frankfurter Uniklinik. Bild: Aders, Hannah

Ob Lebensmüde Hilfe bekommen, hängt auch von ihrem Wohnort und Umfeld ab. Die Spenden der F.A.Z.-Leser sollen direkt in besonders betroffenen Siedlungen wirken.

          3 Min.

          Die sogenannte Suizidrate fasst menschliche Schicksale in eine nüchterne Zahl. In Frankfurt beträgt sie 12,03. So viele Menschen nahmen sich von 2014 bis 2018 je 100.000 Einwohner und Jahr das Leben. Der Wert liegt etwas höher als im deutschen Durchschnitt, was am weiten Einzugsgebiet der Rhein-Main-Metropole liegen dürfte: Mehr als 300.000 Pendler kommen täglich in die Stadt, es gibt viele Obdachlose, der Flughafen und der Hauptbahnhof sind Drehkreuze des internationalen Verkehrs. Etwa 20 Prozent der Selbsttötungen im Stadtgebiet werden von Menschen begangen, die nicht in Frankfurt gemeldet waren.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch in anderer Hinsicht ist die Statistik erläuterungsbedürftig. Denn längst nicht alle Suizide werden als solche erkannt; noch höher ist die Dunkelziffer der Versuche. Etwas Licht ins Dunkel hat seit 2018 das „Frankfurter Projekt zur Prävention von Suiziden mittels Evidenz-basierter Maßnahmen“ (FraPPE) gebracht. Beteiligt sind unter anderem die psychiatrischen Kliniken, das städtische Gesundheitsamt, das Institut für Rechtsmedizin des Uniklinikums und das Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität. Allein durch einen Abgleich der Leichenschauscheine des Gesundheitsamts und der Daten des Instituts für Rechtsmedizin ermittelte das wissenschaftliche Forschungsprojekt, dass die Suizidrate um etwa zehn Prozent höher liegt als angenommen.

          Die korrekte Datenbasis ist für das vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Projekt wichtig, aber letztlich nur ein Mittel zum Zweck. Der besteht darin, die Zahl der versuchten und vollendeten Selbsttötungen zu senken. Wertvolle Hinweise dazu liefert die sogenannte Geocodierung, also die Erfassung der Orte von Suiziden und Suizidversuchen. Wie Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Frankfurter Uniklinik, sagt, verteilt sich das Geschehen keineswegs gleichmäßig auf die Stadt. Eine deutliche Häufung zeige sich in Wohngebieten, die sozial belastet sind, etwa in der Ginnheimer Platensiedlung, dem Mainfeld in Niederrad und in Teilen von Preungesheim.

          Projekte haben bisher die Zielgruppe oft verfehlt

          „Diese Daten bieten einen Ansatzpunkt für eine gezielte lokale Intervention“, sagt Reif. In anderen Worten heiße das: „Wir müssen dahin gehen, wo die Leute sind.“ Bisherige Projekte zur Suizidprävention hätten die Zielgruppe oft verfehlt, was auch an den Orten der Angebote gelegen habe. In bürgerlichen, wohlhabenden Stadtteilen sei die Versorgung mit Psychiatern und Therapeuten ohnehin hoch – genauso wie die Bereitschaft, solche Angebot in einem Krisenfall auch anzunehmen.

          Bewohner von sozial schwachen Stadtteilen hätten in ihrem Umkreis dagegen nur wenige bis gar keine Anlaufstationen, sagt Christine Reif-Leonhard, leitende Oberärztin in der Uniklinik und Koordinatorin für das Bündnis gegen Depression Frankfurt am Main. Zudem sei in manchen Bevölkerungssegmenten, etwa im Einwanderermilieu, die Hemmschwelle hoch, psychiatrische Hilfe zu beanspruchen. Sprachliche, aber auch bürokratische Hürden hielten die Menschen ab, eine Facharzt-Praxis aufzusuchen. Hinzu komme eine Tabuisierung von psychischen Erkrankungen, die in den allermeisten Fällen dem Drang zugrunde lägen, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

          Bedauerlicherweise gelinge es nicht immer, traditionelle medizinische Multiplikatoren wie Hausärzte für die Suizidprävention und die Kooperation mit den psychiatrischen Kliniken zu gewinnen, sagt Klinikdirektor Reif. Lege man die Schätzung der Weltgesundheitsorganisation über die Zahl der Suizidversuche zugrunde, so gelange in Frankfurt nur etwa ein Viertel der Menschen, die versucht haben, sich umzubringen, in eine psychiatrische Klinik.

          Dem Ziel, die Hilfe direkt zu den gefährdeten Menschen zu bringen, dient die diesjährige Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“. Mit den Spenden der Leser soll das von der Klinik für Psychiatrie des Uniklinikums initiierte Projekt „LoKi“ finanziert werden. Die Abkürzung steht für „Lokale, niederschwellige Krisenintervention in Frankfurt“. Dort, wo versuchte und vollendete Selbsttötungen besonders häufig sind, also in den genannten Siedlungen, aber auch in Teilen von Seckbach, Sossenheim und des Gutleutviertels, soll es regelmäßig offene Krisen-Sprechstunden geben.

          Bild: F.A.Z.-Karte Levinger

          Als Ort dafür kommt etwa ein Gemeindezentrum, ein Bürgeramt oder eine andere kirchliche oder kommunale Einrichtung in Frage. Anmelden müssen sich die Hilfesuchenden nicht, eine Krankenkassenkarte müssen sie auch nicht mitbringen, auf Wunsch müssen sie nicht einmal ihren Namen nennen. In Abgrenzung zu reinen Lebensberatungs- oder Seelsorgeangeboten soll ihnen aber ein Facharzt für Psychiatrie gegenübersitzen. Somit soll der Zugang zwar leicht, die Versorgung von Menschen in akuten Krisen oder mit psychischen Erkrankungen aber so qualifiziert wie möglich sein.

          Hilfe zur rechten Zeit kann ein Leben retten

          Aufgabe des Arztes ist es, eine erste Diagnose zu treffen und dann eine Lotsenfunktion wahrzunehmen. Leidet der Betroffene an eher psychosozialen Problemen, vermittelt der Arzt an andere Stellen, zum Beispiel an die Schuldnerberatung oder das Sozialamt, liegt hingegen eine manifeste psychische Erkrankung vor, kann er eine Behandlung, etwa eine ambulante oder in schweren Fällen stationäre Therapie, in die Wege leiten.

          Reif und sein Team sind überzeugt, dass sich die Zahl der Suizide und Suizidversuche senken lässt. Anders als es einem verzweifelten, eventuell in einer tiefen Depression gefangenen Menschen erscheine und als es auch in der Öffentlichkeit nach einer Selbsttötung manchmal dargestellt werde, ist der Weg bis zu diesem unumkehrbaren Schritt keineswegs vorgezeichnet. Hilfe zur rechten Zeit, unter Umständen nur ein kleiner Anstoß, kann ein Leben retten – und damit auch den Angehörigen und Freunden den Verlust eines geliebten Menschen ersparen. Die Zahl von 12,03 muss nicht hingenommen werden.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

           

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für die Stiftung „Starke Bande“, die Familien in schwierigen Lebenssituationen durch aufsuchende, individuelle Psychotherapie unterstützt, sowie für das Projekt „Lokale niederschwellige Krisenintervention in Frankfurt“ (LoKi) der Universitätsklinik Frankfurt, das Menschen mit Suizidabsichten hilft.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten:
          - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11
          - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00Spenden können steuerlich abgesetzt werden.

          Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.

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