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„F.A.Z.-Leser helfen“ : Lernen, um endlich arbeiten zu können

  • -Aktualisiert am

Oase des Zusammenhalts: Das Flüchtlingscafé Milena an der Rödelheimer Landstraße in Frankfurt. Bild: Wolfgang Eilmes

Malihe Passar ist aus Iran nach Deutschland gekommen. Im Flüchtlingscafé Milena hat sie anderen Migrantinnen geholfen. Und darüber die eigenen Sorgen eine Weile vergessen.

          3 Min.

          Malihe Passar kam 2015 mit ihrem damals 13 Jahre alten Sohn nach Deutschland. Warum sie Iran verlassen hat, möchte sie nicht sagen. Knappe Andeutungen lassen hässliche Bilder im Kopf entstehen. Acht Jahre vor ihrer Flucht hatte sie sich scheiden lassen. „In meiner Heimat konnte ich aber nicht einfach sagen, ich bin jetzt geschieden.“ Eine alleinerziehende Frau sei dort Anzüglichkeiten und Übergriffen aller Art ausgesetzt. „Du hast keinen Mann, also willst du sie, das denken alle, egal ob jung oder alt.“ Für Passar ist sehr wichtig, dass das in Deutschland anders ist.

          Sie nahm ihren Sohn und ging, ließ Mutter, Onkel und Geschwister zurück. Über Rom, München, Gießen und Kassel kam sie nach Frankfurt, wohnte in einer ehemaligen Kaserne, in Gemeinschaftsunterkünften und schäbigen Hotels, kämpfte gegen ihr Asthma, Schmerzen in Rücken und Schulter und für ihren Jungen, der in Sossenheim endlich die Schule besuchen konnte. Mittlerweile hat sie eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in Sachsenhausen für sich und den Sohn und büffelt im Sprachkurs des Flüchtlingscafés Milena, für das diese Zeitung um Spenden bittet. Ihr Ziel ist es, die B2-Sprachprüfung zu schaffen. „Das ist sehr schwer für mich“, sagt sie, denn mit 48 Jahren ist sie die Älteste und auch die einzige alleinerziehende Mutter.

          Weg in die Selbstständigkeit

          Nach zwei Stunden Unterricht vormittags ist sie schon auf dem Sprung zum nächsten Sprachkurs im Verein Berami für berufliche Integration. Dann kauft sie ein, kocht für den Sohn, der jetzt die Fachoberschule der Werner-von-Siemens-Schule besucht und später Informationstechnik studieren will. Auf die erste eigene Wohnung nach vier Jahren ist sie sehr stolz, alles hat sie selbst gestrichen, die Löcher für Regale gebohrt, Lampen aufgehängt. Auch wenn ihr manches schwerfällt, geht sie konsequent auf ihr nächstes Etappenziel zu: „Ich will eine Ausbildung als Erzieherin machen.“ Erste Hürde ist das Sprachzertifikat, dann müsste die Sozialbehörde die kostspielige Ausbildung genehmigen und finanzieren. Schließlich hofft sie, dass sie mit ihrer Berufserfahrung als Sekretärin und Kunstlehrerin für Grundschulkinder vielleicht die Ausbildung verkürzen kann.

          „Noch drei ganze Jahre“, sagt sie seufzend und verdreht die Augen. Immer weiter abhängig sein, das wolle sie eigentlich nicht, sondern endlich wieder richtig arbeiten. Zu Hause falle ihr sonst die Decke auf den Kopf. Zumal ihr Sohn bald zum Studium wegziehen will.

          An die erste Zeit in Deutschland denkt Passar nicht gern zurück. „Ich war sehr allein, hatte keine Familie, keine Freunde.“ Doch nach einem Jahr erzählte ihr jemand vom Flüchtlingscafé Milena und den Angeboten nur für Frauen. Sie fuhr in die Rödelheimer Landstraße und erlebte dort, was sie so lange vermisst hatte: Solidarität unter Frauen, Ansporn, Ermutigung zu eigenen beruflichen Zukunftsplänen.

          Eine Zeitlang hat sie dann dort in der Kinderbetreuung mitgearbeitet. Denn während die Frauen vormittags die Sprachkkurse der verschiedenen Niveaus besuchen – von Angeboten für Analphabetinnen bis zur Vorbereitung auf den Aufnahmetest für die Abendschule oder das Sprachzertifikat –, sind ihre kleinen Kinder in der Obhut der anderen Flüchtlingsfrauen. Man hilft, fördert und unterstützt sich gegenseitig. „Ich habe hier viele Freundinnen gefunden, das ist eine sehr familiäre Gruppe“, sagt Passar. Ihr Engagement in der Kinderbetreuung half ihr selbst über Kummer und Verzweiflung hinweg. „Ich habe so viel geholfen, weil ich da meine Probleme vergessen habe.“

          Oase Flüchtlingscafé

          Um ihr Deutsch zu verbessern, spricht sie oft Menschen in ihrer Umgebung freundlich an, versucht so viel mitzunehmen, wie sie kann. Die Familie in Teheran hat sie seit fünf Jahren nicht mehr gesehen, nur das Telefon und der Computer bleiben, um den Kontakt zur Familie aufrechtzuhalten. Als im Deutschkurs der Begriff „Imker“ erklärt werden muss, wird die sonst eher zurückhaltende Frau plötzlich sehr gesprächig. Ihr Onkel in Iran hatte Bienen, sie kennt sich aus, erläutert und erklärt, die Worte sprudeln nur so aus ihr heraus. Sie erzählt von Bienen, die selbst in Wüstenoasen überleben, und ihre sonst etwas müden Augen strahlen, obwohl sie heftig mit den deutschen Wörtern ringt. Zu einer Oase, das merkt man deutlich, ist für sie auch das Flüchtlingscafé Milena geworden.

          Die Frage, ob sie mittlerweile wieder einen Freund oder Verlobten habe, beantwortet sie mit einem Lachen. „Man braucht sehr viel Zeit für Männer, aber ich habe keine Zeit, denn ich will arbeiten.“ Punkt. Sie sei im Vergleich zu den anderen Frauen „sehr stark“, weil sie seit zwölf Jahren ohne Mann lebe. „Ich muss alles allein machen.“ Dass sie das kann, darin bestärken sie die haupt- und ehrenamtlichen Helferinnen des Flüchtlingscafés gerne.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagzeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für das Frankfurter Mädchenbüro Milena, das sich der Integration von Mädchen und Frauen mit und ohne Fluchthintergrund verschrieben hat sowie für die in Bensheim ansässige Christoffel-Blindenmission, die Augenkliniken in Kenia unterstützt.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten:

          - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11

          - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00

          Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de

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