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F.A.Z.-Leser helfen : Der weite Weg aus dem Teufelskreis

Kleines Reich: Josef Kiari (Dritter von links) lebt mit seiner Familie in einfachsten Verhältnissen vor den Toren Nairobis. Bild: Helmut Fricke

Dass Josef Kiari schlecht sieht, hatten seine Eltern gar nicht bemerkt. Doch dann bekam der kenianische Junge unverhofft Hilfe.

          3 Min.

          Die Milchbrötchen aus der Plastiktüte sind ein Festmahl, und das muss gefeiert werden. Josef Kiari hat sich mit drei seiner vier Geschwister auf die alte Couch gedrückt, auf der eine karierte Decke die zahlreichen Löcher verdeckt. Die Gäste aus Europa haben den Tee mit der frischen Milch von Nachbars Kuh angenommen und getrunken, die dunklen Brötchen dazu aber abgelehnt. Also machen sich die Kinder strahlend und jubelnd darüber her, ausnahmsweise, denn: Milchbrötchen sind Luxus für den zehn Jahre alten Josef und seine Familie. Und Luxus gibt es hier nicht.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Himmel über der kenianischen Hauptstadt Nairobi ist leicht bedeckt, als der kleine Geländewagen über eine rote Schotterpiste zum Land von Josef und seiner Familie holpert. An der Straße eines Slums leicht außerhalb der Millionenstadt reihen sich winzige Häuser und windschiefe Wellblechbuden dicht aneinander. Neben einer Frau, die im Schlamm hockend Gemüse aus weißen Säcken verkauft, wartet ein an einen Karren gespannter Esel vor einem kleinen Supermarkt auf Gepäck. In diesem Viertel wohnt Josef Kiari. Sein Vater Godfrey Karanja hat gerade erst die letzten acht Hühner verkauft, um von dem Erlös den älteren Bruder von Josef ein weiteres Jahr in die Schule schicken zu können. Der 45 Jahre alte, großgewachsene Mann arbeitet hier und da als Tagelöhner, doch nun weiß er nicht mehr, wie er seine Familie ernähren soll. „Wir können nur noch beten.“

          Existentielle Sorgen

          Wahrscheinlich sind diese existentiellen Sorgen der Grund dafür, dass die Familie Josefs massive Sehschwäche übersehen hat. Zu Hause sei er immer normal gewesen, berichtet seine Mutter, während sie in dem winzigen, fensterlosen Raum steht, in dem sie auf offenem Feuer und matschigem Boden den Tee kocht und dabei vor lauter Rauch kaum zu erkennen ist. In der Schule jedoch sei er kaum mitgekommen und habe zwei Klassen wiederholen müssen, erzählt Josefs Lehrerin Hannah Karuchi. Doch der Junge ist nicht dumm, das Zeugnis, das sein Vater aus einem alten Schrank kramt, beweist das. Er sieht nur sehr schlecht, und das schon sein Leben lang. In der Schule saß er deshalb direkt vor der Tafel, wurde von seinen Freunden deshalb gehänselt und ausgegrenzt.

          In Kenia ist dieses Phänomen nicht behandelter Augenkrankheiten ein großes Problem und häufig der Ausgangspunkt eines Teufelskreises. Vielen blinden oder sehbehinderten Kindern ist der Zugang zu Bildung verwehrt, sie bleiben in der Regel für immer arbeits- und perspektivlos. Die Schule ist gleichzeitig eine Wette auf eine ungewisse Zukunft. Sie kostet Gebühren, und Kinder, die den Unterricht besuchen, können kein Geld verdienen. Entsprechend hoch ist der Druck, der auf den Söhnen und Töchtern lastet: Die Eltern hoffen, dass sie eines Tages genug Geld verdienen, um ihre Familien zu ernähren. Godfrey Karanja schickt mehrere Kinder zur Schule, denn je mehr einen Abschluss schaffen, umso größer die Chance, eines Tages aus dem Teufelskreis zu entfliehen.

          Für den zehn Jahre alten Josef wäre diese Perspektive fast schon dahin gewesen, bevor sie sich überhaupt aufgetan hatte. Mit seiner Sehschwäche hatte er in der Schule keine Chance auf einen Abschluss. Dass das nun anders ist, hat er seiner Lehrerin, einer Augenklinik und der Christoffel-Blindenmission mit Sitz im hessischen Bensheim zu verdanken.

          Behandlung von Blindheit und Sehschwächen

          Nenemiah Macharia ist bei der kenianischen Tochter der Blindenmission dafür zuständig, den Rückstand in der Behandlung von Blindheit und Sehschwächen, der sich über Jahrzehnte hinweg in Kenia aufgestaut hat, aufzuarbeiten. Macharia sagt, viele Kenianer wüssten nicht, dass man Augenkrankheiten behandeln könne. Also kommen die Menschen selten von selbst in das im ganzen Land berühmte Krankenhaus nach Kikuyu. Dass dort trotzdem jährlich rund 70. 000 Patienten behandelt werden, hat mit Menschen wie Macharia und auch mit der Ausbildung der Lehrer zu tun. Denn Hunderte Lehrer in Kenia können heute erkennen, wenn Kinder Augenleiden haben – und sie dann zu einer Reihenuntersuchung schicken, die von der Blindenmission und der Augenklinik in Kikuyu wöchentlich auf dem Land durchgeführt wird. Josefs Lehrerin war aufmerksam, brachte den Jungen zu einer solchen Massenuntersuchung. Es war sein Glück. Nun trägt Josef nach einer Untersuchung in Kikuyu eine Brille, seine Leistungen in der Schule sind seitdem gut.

          Um die Arbeit in Kenia weiter zu fördern, bittet diese Zeitung um Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“. Das Geld kommt unter anderem der Augenklinik in Kikuyu zugute, damit Kinder wie Josef Kiari die Chance haben, der Armut zu entfliehen.

          Zu Hause wohnt er mit seiner Familie auf engstem Raum: Die Toilette hat kein Dach, das Wohnzimmer ist winzig. Dennoch: Bei dem Besuch der Familie ist deren Lebensfreude ansteckend, die Gastfreundschaft rührend. Godfrey Karanja sagt immer wieder, er habe der Augenklinik von Kikuyu viel zu verdanken, weil seinem Sohn dort geholfen worden sei. Auch die Kinder sind sehr freundlich zu den Gästen. Dass diese die eigens gekauften Milchbrötchen ablehnen, dagegen haben sie trotzdem nichts einzuwenden. Immerhin hat ihnen diese Entscheidung zu einem kleinen Feiertag verholfen.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagzeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für das Frankfurter Mädchenbüro Milena, das sich der Integration von Mädchen und Frauen mit und ohne Fluchthintergrund verschrieben hat sowie für die in Bensheim ansässige Christoffel- Blindenmission, die Augenkliniken in Kenia unterstützt. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11 - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00 Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.

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