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F.A.Z.-Leser helfen : Erste Hilfe in Stunden großen Schmerzes

Trauer, Hilflosigkeit: Gerade der plötzliche Tod eines Menschen lässt Angehörige und Freude fassungslos zurück. Bild: ullstein bild

Die Notfallseelsorge ist da, wenn man sie braucht – an jedem Tag, 24 Stunden. Für Menschen, die einen Angehörigen verloren haben, sind die Mitarbeiter eine wichtige Stütze.

          Was sagt man einer Frau , wenn ihr Freund sich das Leben genommen hat und sie ihn in der Wohnung findet? Was einem Mann, der mit seinem Wagen einen Radler überfahren hat? Wie begegnet man einer Mutter, die ihren Sohn bei einem Unfall verloren hat, wie dem Kind des Opfers? Es gehört zum Alltag von Pfarrerin Irene Derwein und der Psychologin Silvia Ehlert, sich schweren Fragen wie diesen zu stellen: Sie arbeiten in der Notfallseelsorge Frankfurt.

          Stefan Toepfer

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wichtigstes Ziel ist, die Menschen, auf die sie in extremen Krisensituationen treffen, wieder zu stabilisieren. „Sie aus ihrer psychischen Erstarrung zu holen und soziale Kontakte herzustellen“, wie Derwein es ausdrückt. Dazu brauchen sie und ihre Kollegin viel Fingerspitzengefühl – für die jeweilige Situation und dafür, was die Menschen gerade empfinden – absolute Fassungslosigkeit zum Beispiel, Trauer oder Schuld. Entscheidend ist Ehlert zufolge vor allem, „zu akzeptieren, wie die Menschen reagieren“.

          Die Ereignisse besser bewältigen

          Die beiden Frauen sind erfahrene Helferinnen, mancher Einsatz geht aber auch an ihnen nicht spurlos vorbei – etwa die Überbringung von Todesnachrichten gemeinsam mit der Polizei. Derwein leitet die Notfallseelsorge, Ehlert ist die einzige weitere hauptamtliche Mitarbeiterin. Hinzu kommen rund 45Ehrenamtliche.

          Mit Hilfe der diesjährigen Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ soll eine weitere hauptamtliche Stelle geschaffen werden. Sie ist nötig, weil die Anforderungen an die Akuthilfe gestiegen sind. Außerdem soll die Hilfe für Einsatzkräfte, zum Beispiel Feuerwehrleute, gestärkt werden, damit sie den mit belastenden Ereignissen verbundenen Stress besser bewältigen können.

          Rund um die Uhr verfügbar

          Rund 200Mal wurde die beim Diakonischen Werk angesiedelte Notfallseelsorge im vergangenen Jahr gerufen. Die Helfer haben mehr als 480Menschen betreut. „Jeder Einsatz ist eine Herausforderung“, sagt Pfarrerin Derwein, die seit 1999 dabei ist, seit es die Notfallseelsorge gibt. Vor fünf Jahren ging der damalige Leiter in Ruhestand, sie bewarb sich um die Aufgabe. Sie und Ehlert haben jeweils eine halbe Stelle inne. Die Psychologin ist seit 2009 bei der Notfallseelsorge; dorthin kam sie über ihr Engagement in der Telefonseelsorge.

          Verfügbar sind die Nothelfer an jedem Tag, rund um die Uhr. „Wir bleiben so lange bei den Menschen, zu denen wir gerufen werden, bis deren soziales Umfeld aktiviert ist“, schildert Derwein. Niemand soll alleine sein mit einer schrecklichen Nachricht.

          Oft haben die Angehörigen Schuldgefühle

          Ein Einsatz kann bis zu drei, vier Stunden dauern. Gerufen wird die Notfallseelsorge von der Leitstelle der Feuerwehr. Für jeden Tag im Monat sind zwei Mitarbeiter eingeteilt. Ein Dienst beginnt immer um 22Uhr und dauert 24Stunden. Ehlert weiß, dass ein Notfallseelsorger viel bewirken kann, auch wenn er nicht viel sagt. Schon seine Gegenwart sei „eine enorme Hilfe. Es geschieht manchmal mehr an Unterstützung als man wahrnimmt.“ Gehören Kinder zu den Hinterbliebenen, empfiehlt die Psychologin, sie – gemäß ihrem Alter – in das Gespräch einzubeziehen und sie nicht abzuschotten. „Kinder sollten es gleich erfahren.“

          Besonders schwierig findet es Pfarrerin Derwein, Todesnachrichten zu überbringen. Eine solche Botschaft wollten die Hinterbliebenen zunächst nicht wahrhaben, schildert sie. Geht es um Suizide, kommen nicht selten Schuldgefühle hinzu, wie sie sagt. „Wir wollen den Angehörigen helfen, das Geschehene zu akzeptieren“, fügt Ehlert hinzu. „Denn auf die quälenden Fragen nach Gründen und Schuld bekommen sie niemals eine hinreichende Antwort, werden vielleicht niemals wirklich verstehen, warum sich dieser Mensch das Leben genommen hat.“

          Auf der Suche nach noch mehr Ehrenamtlichen

          Wichtig ist in all diesen Situationen, Hilfe zu organisieren – durch Verwandte, Freunde oder Nachbarn. Einmal ist es Ehlert gelungen, einen Taxifahrer zur Unterstützung eines Mannes zu finden, dessen Frau gestorben war. Die beiden hatten außer ihm niemanden näher gekannt, er war ihre Vertrauensperson, weil er den pflegebedürftigen Mann öfter als Fahrgast gehabt hatte.

          Irene Derwein kann kaum in Frankfurt unterwegs sein, ohne dass sie dabei an ihre Einsätze denkt. Sie ist aber keine Frau, die sich davon niederdrücken lassen will. „Es geht darum, eine Balance zwischen Tod und Leid auf der einen und den freudvollen Momenten des Lebens auf der anderen Seite zu finden.“ Dabei hilft ihr, wie sie sagt, Sport, ihre Religiosität und ihre soziales Umfeld.

          Zum Austausch über die Einsätze stehen Derwein und Ehlert den ehrenamtlichen Helfern zur Verfügung, wenn sie dies wünschen. Derwein würde sich freuen, wenn sich noch mehr Ehrenamtliche fänden, so dass sich die Dienste besser verteilen ließen. „Schön wäre es, wenn wir einen Stamm von 60 Mitarbeitern hätten.“

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine / Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden, die der Notfallseelsorge in Frankfurt und Childaid Network für Hilfe im indischen Guwahati zugutekommen.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ bitte auf die Konten:

          Nummer 11 57 11 bei der Frankfurter Volksbank (BLZ 501 900 00)

          Nummer 97 80 00 bei der Frankfurter Sparkasse (BLZ 500 502 01)

          Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten. Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Sofern die vollständige Adresse angegeben ist, wird eine Spendenquittung zugeschickt.

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