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„F.A.Z.-Leser helfen“ : Frauen eine Stimme geben

  • -Aktualisiert am

Ganz Ohr: Malihe Passar, Somaye Rezai und Etminan Zahra (von Links) lernen mit Hilfe des Mädchenbüros Milena Deutsch. Bild: Wolfgang Eilmes

Der Weg aus der Sprachlosigkeit führt über das Lernen von unregelmäßigen Verben. Doch im Deutschkurs von Milena können die Frauen über mehr als nur Grammatik reden.

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          Lückentexte als Prüfungsaufgaben haben es in sich. „Du liebst Billy noch immer, ... doch mit ihm.“ Im Sprachkurs B2 des Mädchenbüros Milena schwirren die Vorschläge der Frauen, welches Wort da fehlt, wild durcheinander: „Heirate“ und „verlobe“, das sind die am meisten gemachten Vorschläge. Abgesehen davon, dass beides grammatikalisch nicht passt, zeigt dieses Beispiel ganz deutlich, dass es im Sprachkurs um viel mehr als um reine Sprachvermittlung geht. Kulturelle Unterschiede offenbaren sich in einem einfachen Satz. Welche moderne junge Frau denkt bei Liebe gleich an Hochzeit? Oder doch?

          Martha Buzura ist verantwortlich für die Deutschkurse, die bei Milena angeboten werden. Der Verein, für den die F.A.Z. in diesem Jahr Spenden sammelt, hat sich der Integration von Mädchen und Frauen mit und ohne Fluchthintergrund verschrieben. Buzura weiß, dass ihre Sprachübungen immer auch den kulturellen Rahmen abbilden, aus dem die Frauen kommen und in dem sie gerade leben. Die Frauen, die an diesem Tag am Kurs teilnehmen, stammen aus Syrien, Iran, Afghanistan, Äthiopien und Angola. Sie sind längst verheiratet, im Nebenraum spielen ihre Kleinkinder, betreut von anderen Flüchtlingsfrauen.

          Während die Frauen weiter über Lückentexten grübeln und herauszufinden versuchen, wie man Begriffe wie „Imker“ oder „Verband“ am besten definiert, erzählt Birgen Tecirlioglu von ihren Erfahrungen mit der Sprachvermittlung. Die elegant gekleidete Frau lebt in Bad Soden und fährt einmal pro Woche in die Einrichtung, um dort ehrenamtlich Deutsch zu unterrichten. Sie ist als Kleinkind mit den Eltern aus Istanbul nach Deutschland gekommen und hat Germanistik studiert. „Ich musste immer mit meinen Eltern zu allen Behörden gehen, weil sie die Sprache nicht konnten“, erinnert sie sich.

          Gegen Stereotype und Vorurteile

          Vor dieser Abhängigkeit will sie die Frauen bewahren. Viele von ihnen wollen gern einen Beruf erlernen, einen Schulabschluss und eine Ausbildung machen. Andere lernen Deutsch, weil sie beim Elternabend in der Schule verstehen wollen, worum es dort überhaupt geht, sie wollen mitreden.

          „Sie haben oft einen sehr unterschiedlichen Sprachhintergrund, aber weil ich selbst auch Türkisch kann, verstehe ich manche arabischen Begriffe ganz gut“, sagt die Lehrerin. Jenseits von Grammatik- und Vokabelübungen falle es vielen Schülerinnen schwer, das Gelernte auch anzuwenden. „Ich ermutige sie immer, einfach auf ihre Nachbarn zuzugehen.“ Doch der Enthusiasmus bleibt laut Tecirlioglu manchmal auf der Strecke, wenn Vorurteile und Stereotype den geflüchteten Frauen entgegenschlagen. Die meisten, die an den kostenfreien Sprachkursen teilnehmen, sind Mitte 20 bis Mitte 40, auch einige wenige Analphabetinnen sind dabei. Sie mussten erst einmal lernen, wie man mit Stift und Papier umgeht.

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