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F.A.Z.-Leser helfen : Der stumme Zeuge

Kinder leiden unter den psychischen Krankheiten ihrer Eltern: Seine Fragen beantworten und das Geschehene nicht ignorieren, kann helfen. Bild: Illustration Thomas Fuchs

Psychische Krankheiten sind nicht ansteckend. Die Kinder psychisch kranker Eltern sind trotzdem oft stark belastet. So wie Ben. Nun ist er erwachsen und will verhindern, dass sein Trauma auch der nächsten Generation weitergegeben wird.

          6 Min.

          Ben hatte eine beschissene Kindheit, das darf man wirklich so sagen. Sein Vater brachte sich um, da war er elf Jahre alt. Sein Bruder, der schon zuvor mit einer Schizophrenie kämpfte, wurde sehr krank, er ist bis heute ein psychisches Wrack. Seine Mutter wurde depressiv, die Schwester auch, und Ben selbst kam eigentlich auch nicht mehr klar. „Ich habe mir gesagt: Du musst alles genau beobachten, du musst alles behalten, damit du erklären kannst, was passiert ist, wenn endlich jemand kommt, um uns zu retten.“ Aber es kam niemand. Ben, der eigentlich anders heißt, blieb, was er war: ein stummer Zeuge jener Grausamkeiten, mit denen das Leben offenbar beschlossen hatte, ihm aufzuwarten.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ben sitzt auf der Couch der „Starken Bande“. Es ist sein erstes Treffen mit Patricia Trautmann-Villalba, zumindest von Angesicht zu Angesicht. Telefoniert haben sie schon oft. Trautmann-Villalba leitet die Geschäfte der Stiftung, die auf aufsuchende Familientherapie spezialisiert ist, aber sie ist auch selbst Psychologin und unterstützt den jungen Mann seit einiger Zeit.

          Denn Ben hat ein Problem: Sein eigenes Leben ist eine eher holprige Veranstaltung. Als Kind psychisch kranker Eltern hat er eine komplizierte und auch düstere Kindheit durchgemacht, entwickelte selbst eine Angststörung und Depression, die es ihm unmöglich machte, sein Studium abzuschließen. Er konnte nicht mehr schlafen, hatte bestialische Prüfungsangst. Ben war in vielen Therapien, er hat Medikamente ausprobiert und kämpft sich irgendwie durch. Aber deshalb ist er nicht da. Es geht um seinen Neffen, einen Teenager. Der hat begonnen, sich auffällig zu verhalten. Und Ben hat Angst: Wird das Leben seines Neffen jetzt auch zu der Tortur, die er selbst erlebt hat?

          „Ich hatte Angst, dass ich schuld bin“

          Alles begann für Ben mit dem Tod seines Vaters. Wenn er von ihm spricht, hört man, wie sehr er ihn mochte. Ben beschreibt ihn als „ziemlich cool“, offen, klug. Aber der Vater hatte auch Probleme. Er versuchte, seine Depression in einer Klinik unter Kontrolle zu bringen. Dann verschwand er. Eines Tages klingelte die Polizei und brachte die Nachricht von seinem Suizid. „Ich hatte Angst, dass ich schuld bin“, sagt Ben. „Vielleicht, weil meine Eltern mir nicht das Werkzeug an die Hand gegeben haben, damit umzugehen.“

          Ein solches Werkzeug wäre offene Kommunikation gewesen, sagt Sarah Kittel-Schneider. Mit dem Kind sprechen, seine Fragen beantworten und das Geschehene nicht ignorieren. Sarah Kittel-Schneider, Professorin für Entwicklungspsychiatrie in Würzburg und eine Koryphäe auf dem Gebiet, arbeitet oft mit Kindern psychisch kranker Eltern. Sie sagt: „Nach einem so dramatischen Ereignis wie einem Suizid sprechen Erwachsene oft nicht mit den Kindern – weil sie sie nicht belasten wollen.“ Doch das geht oft schief: Die meisten Kinder kriegen sehr wohl mit, was passiert ist. Darum rät Kittel-Schneider, mit den Kindern zu reden, wenn nötig auch mit therapeutischer Unterstützung. „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, aber sie verstehen sehr viel.“

          Wird nicht über das traumatische Erlebnis oder die psychische Krankheit der Eltern gesprochen, fühlt sich das Kind mitunter alleingelassen. Oft kann es das Verhalten von Mutter oder Vater nicht verstehen. Sie sind unzuverlässig, handeln unlogisch, manchmal auch beängstigend für das Kind. Das führt zu dauerhaftem Stress, wie Kittel-Schneider sagt, und kann gefährlich werden: Stress erhöht das Risiko, einmal selbst an psychischen Krankheiten zu leiden.

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