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F.A.Z.-Leser helfen : Ausbildung statt Ausbeutung

Museumswerkstatt: Noch müssen die Lehrlinge im Technical Center mit veralteten Werkzeugen lernen. Bild: Eilmes, Wolfgang

Straßenkinder in Indien brauchen auch als Jugendliche noch Unterstützung. Damit sie nicht als Kinderarbeiter ausgenutzt werden, will Childaid Network eine Ausbildungswerkstatt für sie aufbauen.

          Es dauert lange, bis das Gesicht von Raju Singh einmal ein Lächeln formt. Das Gespräch über seine Vergangenheit hat seine Miene verfinstert. 21 Jahre ist er jung, doch er hat die Augen eines geschlagenen Mannes. Erst bei der letzten Frage – Was wünschst Du Dir für die Zukunft? – sprudelt plötzlich Hoffnung aus ihm heraus. Ein guter Fahrer wolle er werden, der gutes Geld verdient, sagt Raju Singh. Heiraten möchte er, und auch genug Geld haben, um seiner Schwester einmal die Hochzeit zu bezahlen.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Einen wichtigen Schritt in dieses Wunschleben ist der schmächtige junge Mann gegangen. Seit einer Woche macht er eine Ausbildung zum Fahrer und Automechaniker im Don Bosco Technical Center, einer Art Berufsschule am Rande der indischen Großstadt Guwahati.

          Er blieb am dreckigen Bahnhof hängen

          Fahrer ist in Indien ein wichtiger Beruf. Kaum einer, der sich in Indien ein Auto leisten kann, will sich selbst mit dem chaotischen Verkehr und den ewigen Staus in den Städten herumschlagen. 5000 Rupien kann ein Fahrer verdienen. Nicht viel mehr als 60 Euro, aber in Guwahati im äußersten Nordosten Indiens kann man damit schon eine Menge anfangen, und oft werden Kost und Logis gestellt. Wer den Bestseller „Der weiße Tiger“ von Aravind Adiga gelesen hat, weiß, dass es für die Menschen aus den untersten sozialen Schichten ein enormer Aufstieg ist, mit Aussicht auf mehr.

          Raju Singh kommt aus jener Finsternis, als die Adiga in seinem Buch die verarmten ländlichen Gebiete jenseits der Boomregionen Indiens beschreibt. Als dort das Leben aussichtslos wurde, kam Rajus Familie in die Millionenstadt Guwahati und blieb wie so viele am dreckigen Bahnhof hängen. Dort lebten sie in einfachsten Verschlägen, schlugen sich mit Betteln und Gelegenheitsjobs durch. Raju war gerade 14, als erst sein Vater und kurz darauf seine Mutter an Tuberkulose starben. Für seine Schwester und seinen Bruder war der heute noch schmächtige Junge nun allein verantwortlich.

          Straßenkinder brauchen auch als Jugendliche noch Unterstützung

          Hilfe bekamen sie von Pater Lukose Cheruvalel. Der Pater des Don-Bosco-Ordens nahm die drei Kinder in einem seiner Waisenhäuser auf, wo sie ein warmes, sicheres Zuhause bekamen, und vor allem Liebe und Stabilität. Als Raju alt genug war, begann er in einem kleinen Hotel zu jobben, bald darauf wechselte er in die Küche eines großen China-Restaurants. Doch Straßenkinder, denen die in Indien so wichtigen Familienbünde fehlen, sind für skrupellose Arbeitgeber leichte Beute – auch wenn sie einige Jahre weg waren von der Straße. Irgendwann zahlte Rajus Chef seinen Lohn einfach nicht mehr. Sieben Monate ging das so, bis abermals Pater Lukose einsprang. Er holte Raju aus dem Restaurant und streitet mit dem Betreiber bis heute um dessen Geld. Dem jungen Mann besorgte er den Ausbildungsplatz im Technical Center.

          Wie Raju geht es vielen. Das Beispiel zeigt, dass Straßenkinder auch als Jugendliche noch Unterstützung brauchen, um einmal ein selbstbestimmtes Leben leben zu können. In einem Alter, in dem sich deutsche Kinder zwischen Skateboardfahren und Basketballspielen entscheiden, zwischen Latein und Französisch, werden die Straßenkinder von Guwahati oft zu billigen Arbeitskräften. Ungelernt und ohne Rechte.

          Ausbildung für 1500 Kinder

          Hier will der Königsteiner Martin Kasper mit seiner Stiftung Childaid Network eingreifen. Er war bis 2006 Partner bei der Unternehmensberatung Accenture, hat dann seine Anteile an der Gesellschaft verkauft und steckt nun viel Geld und Zeit in die Hilfe für Straßenkinder in Guwahati. Diese Zeitung bittet mit der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ derzeit um Spenden für Childaid Network. Mit einem Teil des Geldes soll die stark in die Jahre gekommene Ausbildungswerkstatt modernisiert werden. Außer zum Fahrer und Automechaniker werden junge Menschen hier unter anderem zu Schweißern, Schneidern und Elektrikern ausgebildet. Doch viele wichtige Geräte fehlen dafür, andere sind völlig veraltet und nicht selten gefährlich.

          „In Deutschland steht das alles im Museum“, fasst Jörg Giese den Zustand der Ausrüstung zusammen, der für Kasper die Modernisierung des Ausbildungswerkstatt organisiert. Der Lübecker Maschinenbaumeister im Ruhestand hat sein Leben lang in vielen Ländern Ausbildungswerkstätten aufgebaut, unter anderem für den Dax-Konzern Linde in China. Er weiß, was fehlt und wie die Lehrwerkstatt in Guwahati effizient für möglichst viele junge Menschen auf Vordermann gebracht werden kann.

          Mit der neuen Ausrüstung sollen in den nächsten zwei Jahren 1500 Straßenkinder eine Ausbildung dort machen können. Viele der Jugendlichen, die schon jetzt hier lernen, wollen einmal zurück in die Dörfer gehen, aus denen ihre Familien gekommen sind, um sich dort eigene Betriebe aufzubauen. Das bringt auch neue Arbeitsplätze – und etwas Licht in die Finsternis.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine / Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden, die der Notfallseelsorge in Frankfurt und Childaid Network für Hilfe im indischen Guwahati zugutekommen. Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ bitte auf die Konten:

          Nummer 11 57 11, bei der Frankfurter Volksbank (BLZ 501 900 00)

          Nummer 97 80 00, bei der Frankfurter Sparkasse (BLZ 500 502 01)

          Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten. Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Sofern die vollständige Adresse angegeben ist, wird eine Spendenquittung zugeschickt.

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