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F.A.Z.-Leser helfen : Plötzlich erwachsen

Mit Klammern werden die Einschnitte des Lebensweges markiert. Bild: Lakuntza, Nerea

In einer Trauergruppe für Teenager geht es nicht nur um den Tod. Sondern vielmehr um die Frage, wie das Weiterleben gelingen kann, wenn ein Elternteil verstorben ist und der ganze Alltag auf den Kopf gestellt wurde.

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          Die Frauen im Stuhlkreis weinen um das Leben, das sie einst hatten. Tim würde gern um das weinen, das er nie haben wird. Er hat sich einer Trauergruppe angeschlossen. Einige der Frauen sind jenseits der siebzig, Tim ist gerade einmal acht Jahre alt. Die Frauen haben ihren Partner verloren, Tim seinen Vater. Bis zu seinem Tod blieben den beiden nur wenige Jahre. Für Tim war es dennoch „ein Leben lang“. Denn ein Leben ohne seinen Vater, das kannte er bis dahin nicht. Mehr noch: Er ahnte nicht, dass das überhaupt möglich sein würde. Es ist möglich. Das weiß Tim mehr als fünf Jahre später.

          Marie Lisa Kehler
          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Unmöglich sei es aber für ihn gewesen, die Trauergruppe für Erwachsene weiter zu besuchen, erzählt er. Dort habe er sich nicht verstanden gefühlt. Vielleicht hat er auch nie etwas gesagt. So ganz weiß er es nicht mehr. Jetzt ist er froh, dass er nicht mehr neben weinenden Witwen sitzt, sondern neben Ida und Christian, neben Jonathan, Mara und Kevin, der eigentlich einen anderen Namen trägt.

          Auch schweigen und lachen ist in Ordnung

          Die Jugendlichen, alle im Alter zwischen elf und 16 Jahren, kennen sich untereinander. Manche nennen sich Freunde. Denn das sind sie hier in den vergangenen Monaten geworden. Mindestens aber eine Schicksalsgemeinschaft. Sie alle haben erlebt, wovor sich viele fürchten. Sie haben ein Elternteil verloren. Manche in der Gruppe haben ihre Mütter oder Väter durch schwere Krankheitsphasen begleitet. Für andere kam der Tod von Mutter oder Vater plötzlich, etwa durch einen Unfall. Ihr Leben teilt sich seither in ein Vorher und ein Nachher.

          In der Gruppe müssen sie das nicht erklären. Überhaupt müssen sie hier nicht über das reden, weshalb sie eigentlich zusammengefunden haben. Auch schweigen ist in Ordnung. Lachen sowieso. Aber wenn sie reden wollen, dann fühlen sie sich hier verstanden. An diesem Morgen wollen sie das nicht. Sie sind müde. Die Nacht war kurz. Am Abend zuvor haben sie noch bis weit nach Mitternacht zusammen am Lagerfeuer gesessen und das getan, was Teenager tun, wenn sie in einer Jugendherberge übernachten. Sie sind zu spät ins Bett gegangen, haben zu viele Süßigkeiten gegessen und den Gedanken, am nächsten Morgen früh aufstehen zu müssen, konsequent ignoriert.

          Nun sitzen sie in dem kleinen Raum in der Jugendherberge in Schmitten und halten in den Händen ein Bild der Verstorbenen. Katerstimmung. Kerzen werden angezündet. Heute ist Stillarbeit angesagt. Zwei Stunden Zeit geben ihnen die Leiterinnen der Gruppe, Claudia Vormann und Anke Ziehm, den von ihnen bisher zurückgelegten Lebensweg mit Hilfe von Schnüren nachzubilden. Große emotionale Ereignisse, die traurigen, aber auch die ausgelassenen, sollen sie markieren. Dafür stehen ihnen kistenweise Bastelutensilien zur Verfügung. Federn und Perlen, bunte Pappe und Stifte.

          „Kinder unterdrücken oft ihre eigenen Gefühle“

          Tim macht sich erst einmal ein Konzept. Er zieht sich mit Papier und Stift zurück, versucht sich an das zu erinnern, was er im Alltag wegzudrängen versucht. Die anderen beginnen, ihre Schnüre zu spannen. Quer durch den Raum, unter Tischen hindurch. Es dauert nicht lange, da kreuzen sich die ersten Fäden. Die Jugendlichen halten inne. Ihnen wird bewusst: Auch sie sind miteinander verbunden, auch ihre Lebenswege haben sich gekreuzt. Schweigend entsteht so ein Spinnennetz, vollgehängt mit persönlichen Erinnerungen.

          „Wir wollen den Jugendlichen Räume außerhalb der Familie bieten“, sagt Gruppenleiterin Claudia Vormann. Ein Raum, in dem die Trauer ihren Platz findet, aber auch Gefühle wie Angst, Wut oder Verzweiflung. Und natürlich Leichtigkeit. Die, so sagt Vormann, dürfe nicht fehlen. Auch deshalb soll die Übung an diesem Tag helfen, den Blick für das Schöne im Leben zu schärfen. Begegnungen mit Menschen, ausgelassene Momente. „Jede gute Erfahrung macht einen guten Unterschied“, sagt sie. Vormann und ihre Kollegin Anke Ziehm sind Trauerbegleiterinnen. „Wir sind keine Therapeutinnen.“ Sie wollen den Jugendlichen eine Anlaufstelle bieten, die ihnen ermöglicht, sich so zu zeigen, wie sie sich gerade fühlen.

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