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F.A.Z.-Leser helfen : Wie eine Regelschule die Inklusion eines Lehrers erlebt

  • -Aktualisiert am

Die Seifenblasen,die unter Anleitung von Julius Bockelt im Kunstunterricht der IGS Süd entstehen, sind sehr stabil. Bild: Albermann, Martin

Der Künstler Julius Bockelt von der Galerie Goldstein unterrichtet an einer Frankfurter IGS. Der Schulleiter sieht dies als gelebte Inklusion.

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          Wenn Julius Bockelt am Montagmorgen zum Unterricht kommt, dann schweben viele Seifenblasen in der Luft. Riesenblasen, die lange halten, dank Cola in der Mischung, wie er verrät. Denn Zucker macht die Seifenlösung stabil – mit Cola light funktioniert das also nicht. Er mixt und probiert, bis die beste Mischung steht. Sein Assistent Jan Lotter baut in der Zwischenzeit schon den Computerbildschirm auf. Auf dem erscheint eine halbe Stunde später ein professionelles Video, in dem Bockelt vorführt, wie man farbige Tinte in die haltbaren Seifenblasen mischt, diese auf langen Papierbahnen zerplatzen und dabei sehr hübsche Bilder entstehen lassen kann.

          Gedreht wurden die unterhaltsamen Kurzvideos in der Corona-Zeit, als Unterricht nur am Bildschirm möglich war. Jetzt sind sie eine willkommene Abwechslung, auch wenn alle wieder in der Schule sind und beim Seifenblasenmachen sogar reichlich Aerosole ausstoßen dürfen. Als die Computerstimme (absichtlich) hängenbleibt, ständig dasselbe wiederholt und dann vernehmlich flucht, lachen die Schüler, das war natürlich so geplant, was sie auch durchschauen. Höflich übergibt die Stimme dann an den Lehrer: „Der kann das viel besser als ich, denn er ist ein richtiger Mensch.“ Dafür gibt es reichlich Applaus, und Bockelt übernimmt.

          Er gibt keine weiteren Erläuterungen oder Mahnungen, sich nicht vollzukleckern, keine Belehrungen, was in welcher Abfolge zu tun ist: Er macht vor, die Kinder machen nach. Mischt dort ein bisschen mehr Cola hinzu oder mehr Tinte. Bald reicht der Platz im Atelier vielen nicht mehr, im Hof kleben nun Papierbahnen am Boden und an der Wand, überall zerplatzen die farbintensiven Seifenblasen. Manchmal geht ein Farbplatscher auch daneben, und die Tinte tropft auf Boden und Tische, aber das stört hier niemanden. Die Schüler sind im Flow, wie man so schön sagt, manche können kaum genug kriegen, nur zwei, drei sondern sich ein wenig ab, machen nicht mit, aber auch das stört niemanden. Kunst muss man wollen, nicht verordnet bekommen.

          Innere Ruhe, Konzentration und gute Laune

          Jeden Montag unterrichtet Bockelt jeweils zwei mal zwei Stunden im Werkstatt-Unterricht der Frankfurter IGS Süd. Auch andere Künstler bieten hier solche kontinuierlichen Werkstätten an, sie sind Teil des Schulkonzepts. Die Arbeitszeit von Bockelt erkennen die Praunheimer Werkstätten an, in denen der Fünfunddreißigjährige sonst beschäftigt ist. In der Schule ist er nicht der Mensch mit dem Stempel „kognitive Beeinträchtigung“, sondern der Lehrer, den die Kinder fragen, wenn sie wissen wollen, wie etwas funktioniert. Drei Tage pro Woche arbeitet Bockelt in den Praunheimer Werkstätten, an einem Tag an seinen künstlerischen Arbeiten im Atelier und einen Tag als Lehrer in der Schule.

          Das Wochenende zuvor hat er übrigens in Paris verbracht, wo eine Galerie gerade seine Werke zeigt. Da war er einfach nur der Künstler. Bockelt ist ein vielbeschäftigter Mann, der innere Ruhe, Konzentration und viel gute Laune ausstrahlt. Häufig lächelt er, auch in Momenten, in denen andere ihr Schlafdefizit, das fehlende Mittagessen oder den Stress zumindest erwähnen, wenn nicht lautstark beklagen.

          Der Unterricht für die Kinder der IGS Süd findet nicht im Schulbau, sondern ein paar Straßen weiter, in einem Hinterhof an der Schneckenhofstraße statt, dort unterhält das Atelier Goldstein eine Dependance mit Ateliers und dem großen Unterrichtsraum, gemietet von der Lebenshilfe. Wenn der Anbau steht, für den F.A.Z.-Leser in diesem Jahr spenden können, sollen alle Aktivitäten an diesem Ort gebündelt werden.

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