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F.A.Z.-Leser helfen : Wie die German Doctors im Slum Mathare arbeiten

Kinder einer Tuberkulosepatientin spazieren durch den Mathare-Slum. Die ältere Schwester sorgt für ihr Geschwisterchen. Bild: Frank Röth

Norbert Kohl hat Jahrzehnte Erfahrung als Kinderarzt. Seit 20 Jahren ist der Mediziner aus Bad Vilbel für die German Doctors im Einsatz. In Kenia ist er neu – doch die lokalen Kräfte helfen.

          4 Min.

          Mit dem Finger klopft Norbert Kohl auf Kingslis Bauch. „Das ist jetzt nicht so stark“, murmelt er mehr zu sich als zu seinem Patienten. Eigentlich würde er dem Jungen auf seiner Behandlungsliege gern eine Ernährungsberatung und Pfefferminztee verschreiben. Der Bauch des Vierzehnjährigen ist nicht besonders aufgebläht. Trotzdem klagt er über starke Blähungen, manchmal sei ihm schwindelig. Kohl hat schnell geschaltet und einige Details abgefragt. Doch alles scheint unauffällig.

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Norbert Kohl wendet sich trotzdem seiner Übersetzerin Janerose zu. Er will ihre Meinung wissen. „Die Mutter hat gesagt, dass es vor sechs Monaten losging, als er die Schule gewechselt hat“, sagt sie. Janerose hat eine Theorie: Das Wasser dort sei wahrscheinlich nicht sauber. Ein Bakterium könnte Kingsli, der hier wie alle Patienten nur beim Vornamen genannt wird, befallen haben.

          Facharzt, aber kein lokaler Experte

          Norbert Kohl hatte dieses Bakterium auch schon im Verdacht. Es ist nicht das erste Mal für den 70 Jahre alten Kinderarzt, dass er in einem Entwicklungsland praktiziert. Doch die Symptome, etwa ein stark geblähter Bauch, sind in diesem Fall so gering ausgeprägt, dass er sich nicht sicher ist. „In Deutschland würden wir einen Antigentest machen“, sagt er. Doch in Kenia gibt es den nicht – zumindest nicht in „Baraka“, der Ambulanz der German Doctors im Slum Mathare, dem zweitgrößten in der Hauptstadt Nairobi.

          Zuhören und heilen: Der Kinderarzt Norbert Kohl und seine Übersetzerin Janerose untersuchen jeden Tag viele Patienten im Behandlungszimmer im Baraka Health Center der German Doctors im Mathare-Slum, dem zweitgrößten Slum in Nairobi.
          Zuhören und heilen: Der Kinderarzt Norbert Kohl und seine Übersetzerin Janerose untersuchen jeden Tag viele Patienten im Behandlungszimmer im Baraka Health Center der German Doctors im Mathare-Slum, dem zweitgrößten Slum in Nairobi. : Bild: Frank Röth

          Das Niveau der medizinischen Versorgung in Kenia ist durchaus vergleichbar mit dem an einer deutschen Universitätsklinik – wenn man zahlen kann. Wer wenig Geld hat, für den gibt es nur schlecht ausgestattete staatliche Krankenhäuser. Oder auswärtige Projekte wie die German Doctors. Die Organisation entsendet in Länder, in denen es an medizinischer Grundversorgung mangelt, ehrenamtliche deutsche Ärzte für mehrere Wochen. Sie nutzen dafür meist ihren Jahresurlaub, zahlen auch den Flug selbst. So kommen die Spenden, um die in diesem Jahr auch in dem Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ gebeten wird, direkt der Medizin und den lokalen Angestellten, Krankenschwestern und Sozialarbeitern zugute.

          Kinderarzt Norbert Kohl und seine Übersetzerin Janerose bei der Untersuchung eines Kindes im Behandlungszimmer.
          Kinderarzt Norbert Kohl und seine Übersetzerin Janerose bei der Untersuchung eines Kindes im Behandlungszimmer. : Bild: Frank Röth

          Norbert Kohl hat keinen Urlaub. Er ist im Ruhestand, seine Praxis in Bad Vilbel führt inzwischen seine Frau. Er hilft in diesem Herbst in Nairobi trotzdem noch mit seiner Arbeitskraft. Fünf Tage die Woche von morgens um sieben bis nachmittags behandelt er mit seinen Kollegen die Bewohner des Slums in der Ambulanz Baraka – Suaheli für „Segen“. Zudem führt er den Verein der Freunde der German Doctors in Frankfurt, einen Zusammenschluss von Ärzten aus dem Rhein-Main-Gebiet, die die Arbeit der German Doctors, deren Hauptsitz in Bonn liegt, unterstützen.

          In Kenia ist Kohl das erste Mal. Und weil er weiß, dass er zwar Facharzt, aber kein lokaler Experte ist, gibt er viel auf die Meinung von Janerose. Die Lokalkraft der German Doctors übersetzt während der Anamnese vom Englischen in Suaheli. Dem deutschen Arzt teilt sie mit, welche Symptome die Patienten schildern. Den Kranken übermittelt sie die Diagnose. Zwar ist Englisch in Kenia Amtssprache. Im Slum wird aber vor allem Suaheli gesprochen. Janerose arbeitet schon lange dort, in Mathare. Und wenn sie als Ursache für die Schmerzen im Bauch auf das Bakterium aus dem schmutzigen Wasser tippt, dann hört Kohl auf sie. Testen kann er ohnehin nicht. Er verschreibt Kingsli ein Antibiotikum.

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