https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/f-a-z-leser-helfen-1/f-a-z-leser-helfen-sprechstunde-im-slum-an-der-muellkippe-18418768.html

F.A.Z.-Leser helfen : Sprechstunde im Slum an der Müllkippe

Menschen im Müll: Auf der Deponie sammeln die Bewohner von Korogocho Abfall, um zu überleben. Das macht viele krank. Bild: Frank Röth

Im Slum Korogocho in Nairobi kann sich kaum jemand einen Arzt leisten. Die German Doctors wollen dort mit Spenden der F.A.Z.-Leser eine Klinik aufbauen.

          5 Min.

          Norbert Kohl wickelt den Säugling aus seiner Decke. Er ist winzig, gerade zwei Wochen alt, gibt keinen Ton von sich, sondern verzieht nur sein knittriges Gesicht. Kohl hört seine Lunge ab, tastet mit den Fingerspitzen seine Lymphknoten ab. „Sieht gut aus“, sagt er. Nur eine Bronchitis. Kohls Übersetzerin Janerose erklärt der Mutter auf Suaheli, wie sie dem Kleinen die Tropfen gegen die Infektion geben soll. Kohl macht ein paar Notizen. Kaum ist die Mutter mit dem jungen Patienten vom Plastikstuhl aufgestanden, rückt die nächste Frau auf. Hunderte Patienten warten noch.

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist ein besonderer Tag in Korogocho: Sprechstunde. Der Saal des Jugendzentrums, in dem sie stattfindet, ist voll – auf einfachen Bänken sitzen Frauen, Männer und Kinder und schauen den Ärzten bei der Anamnese und Behandlung zu, bis sie selbst an der Reihe sind. Privatsphäre gibt es nicht.

          Oft kommt es nicht vor, dass Ärzte in dem Slum im Norden der kenianischen Hauptstadt Nairobi ihre Dienste anbieten. Die Wellblechhütten neben den morastigen bis staubigen Wegen am Fuß der gigantischen Müllkippe sind das Zuhause von etwa 200.000 Menschen, von denen die meisten ihren Lebensunterhalt damit verdienen, dass sie auf der Deponie Müll sammeln. Dorthin wandern alle Abfälle aus Nairobi.

          Kein Röntgen, kein Ultraschall und keine HIV-Tests

          Wer wissen will, was Basismedizin ist, kann ins Jugendzentrum der Ayiera Initiative in Korogocho gehen. Das zweigeschossige Haus, in dem eigentlich Tanzkurse, Fußballtraining und Nachhilfeunterricht für die Kinder aus dem Slum stattfinden, verwandelt sich einmal im Monat in eine Behelfsklinik. An die Wände haben die Jugendlichen schwarze Müllsäcke für den medizinischen Abfall geklebt. Bedruckte A4-Blätter weisen den Weg zur Notaufnahme und zum Labor. Durch das offene Fenster wabert ein unangenehmer Geruch, irgendwie sauer. Das sind die Chemikalien von der Müllkippe. Es gibt kein Röntgen, keinen Ultraschall und derzeit auch keine HIV-Tests. Sie sind nicht lieferbar. Es gibt jedoch drei Ärzte von den German Doctors, die sich die Patienten anschauen und so gut es geht behandeln. Norbert Kohl ist einer von ihnen.

          Die German Doctors, hier der Arzt Norbert Kohl, kommen einmal im Monat in das Jugendzentrum der Ayiera Initiative, um erkrankte Menschen zu behandeln.
          Die German Doctors, hier der Arzt Norbert Kohl, kommen einmal im Monat in das Jugendzentrum der Ayiera Initiative, um erkrankte Menschen zu behandeln. : Bild: Frank Röth

          Auf seinem langen Klapptisch liegen ein Reflexhämmerchen, Desinfektionsmittel, eine Lampe und das Taschenbuch „Antibiotika am Krankenbett“, eine zerfledderte Ausgabe aus den Achtzigern, aber Kohl schaut lieber einmal zu viel nach als zu wenig. Die Krankheiten, die er hier sieht, unterscheiden sich nämlich von denen in der Heimat. Welches deutsche Kind hat noch Mumps? Oder Parasiten wie jene, die nach einem Tag auf der Müllkippe die Organe befallen? Kohl – schlank, weißer Kurzhaarschnitt, 70 Jahre alt – ist ein pensionierter Kinderarzt aus Bad Vilbel. Er sitzt dort auch dem Verein der Freunde der German Doctors vor, seine Praxis führt inzwischen seine Frau. Für die German Doctors war er schon viele Male im Einsatz, meist auf den Philippinen, in Bangladesch oder Indien. Das Konzept sieht vor, dass deutsche Ärzte für sechs Wochen dort arbeiten, wo es an medizinischer Versorgung mangelt. Sie werden nicht bezahlt, müssen selbst für ihren Flug aufkommen; viele opfern dafür ihren Jahresurlaub.

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