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F.A.Z.-Leser helfen : Mit der Sprache des Herzens

Wahlverwandtschaften: Dimitry Zolotashko, seine ehrenamtliche Begleiterin Monika, sein Bruder Volodymyr und Mutter Maryna. Bild: Samira Schulz

Eine ehrenamtliche Helferin begleitet einen schwerstkranken ukrainischen Jungen und seine Familie in eine neue Zukunft. Der Kinderhospizdienst Löwenzahn hat sie darauf vorbereitet.

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          An diesem frostigen Nachmittag waren sie zum ersten Mal alleine spazieren: Dimitry warm eingepackt im neuen Rollstuhl, Monika hat ihn geschoben. Mit kalten Nasen, aber sichtlich entspannt, sind sie in das Einzimmerapartment in einem Kelsterbacher Hotel zurückgekehrt, das sich der ukrainische Junge mit seiner Mutter Maryna Zolotashko und seinem Zwillingsbruder Volodymyr teilt. Für Monika, die als Ehrenamtliche im Auftrag des Hospizdienstes Löwenzahn die Familie begleitet, aber ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, ist der Ausflug eine Premiere und damit eine große Sache gewesen – weitab von allen Helfern ist sie mit dem schwerstkranken Jungen allein gewesen. Das bedeutet in diesem Fall, nicht nur einen Rollstuhl zu schieben, sondern die Verantwortung für einen Menschen zu tragen, der sich in keinem Fall selbst helfen kann. Was, wenn der Rollstuhl an der Bordsteinkante umkippt, sich der Junge verschluckt oder etwas anderes Unvorhergesehenes passiert?

          Monika Ganster
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dafür bringt Monika die wichtigste Tugend der ehrenamtlichen Helfer mit: handeln zu können. „Man darf nicht in Schockstarre verfallen, wenn etwas nicht wie erwartet läuft“, sagt Kerstin Lüttke vom Kinderhospizdienst Löwenzahn. Die Organisation, die erst im vergangenen Jahr ihre Arbeit in Frankfurt aufgenommen hat, kümmert sich zur Zeit vor allem um etwa zwanzig Familien, die mit ihren schwerstkranken Kindern vor dem Krieg in der Ukraine geflohen sind und Unterschlupf in einem Hotel in der Nähe des Frankfurter Flughafens fanden, wo sie von der Stadt Kelsterbach versorgt werden. Um die weitere Betreuung kümmert sich das Team um Lüttke, das diese Zeitung mit der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ fördern will.

          „Man wird ja auch Teil der Familie, ein Freund“

          Lüttke bereitet freiwillige Helfer des Hospizdienstes in einem viermonatigen Kurs auf ihre Rolle als Begleiter der behinderten Kinder, deren Lebenserwartung verkürzt ist, vor. Dass der Kurs so lange dauert, habe nicht nur mit den vielfältigen Inhalten zu tun, sagt Lüttke. Die Teilnehmer sollen dabei auch prüfen, ob sie sich auf eine längerfristige Verpflichtung einlassen können. „Man wird ja auch Teil der Familie, ein Freund“, sagt sie. Das erfordert Verbindlichkeit und Ausdauer. Die Themen der Kurse sind vielfältig: Dazu gehört beispielsweise ein Erste-Hilfe-Kurs für Kinder, den das Rote Kreuz organisiert. Trauerarbeit steht auf der Agenda, Auseinandersetzung auch mit der eigenen Sterblichkeit. Die Teilnehmer sollen auch lernen, Grenzen zu setzen und Nein sagen zu können, um nicht von ausgebrannten Angehörigen vereinnahmt zu werden. Denn der Bedarf an Hilfe ist fast unendlich.

          Schließlich geht es auch um den Umgang mit Sorgen, die die Teilnehmer umtreiben. Monika hatte sich anfangs gefragt, ob ihr das Schicksal der geflüchteten Familie wohl emotional zu nahe gehen, ob sie der Aufgabe gewachsen sein würde. Befürchtungen, die sich im Laufe des Kurses zerstreut hätten. Andere hätten anfangs Berührungsängste, sagt Lüttke, weil sie noch nie zu einem schwerstbehinderten Kind eine Beziehung aufgebaut hätten. Auch deshalb gehen Helfer und Familien in kleinen Schritten aufeinander zu.

          Zeit ist kostbar: Volodymyr möchte seine Mutter Maryna manchmal nur für sich.
          Zeit ist kostbar: Volodymyr möchte seine Mutter Maryna manchmal nur für sich. : Bild: Samira Schulz

          Daher war es ein kleines Wunder, dass sich Dimitry und Monika auf Anhieb „verstanden“. Nicht mit Worten, denn sprechen kann der Junge, dessen Gesichtszüge gelähmt sind, nicht, aber „mit dem Herzen“, wie Monika es beschreibt. Anfangs sei sie wortwörtlich nur langsam an Dimitry herangerückt. Habe austesten wollen, ob er Nähe mag und sie auch erträgt. Aber schon beim ersten Treffen habe er ihre Hand genommen und nicht mehr losgelassen. Da wussten alle: Das passt. Schon beim zweiten Treffen schien er sie wiederzuerkennen, ist Monika überzeugt, und Mutter Maryna bekräftigt das mit einem fröhlichen Zwischenruf: „Dimitry liebt Monika!“

          Im Juni 2022 haben sich Monika und Dimitry zum ersten Mal getroffen, im Beisein einer Dolmetscherin und der Mutter, seitdem sehen sie sich fast jede Woche einmal, nun auch allein. In diesen Begegnungen muss sie auch Stille aushalten können, demütig werden, sagt Monika, sich selbst zurücknehmen. Zu viel wird ihr das bis heute nicht, „aber ich mache das auch nur drei Stunden in der Woche“. Wie wichtig die Zuwendung, die Beschäftigung mit ihm ist, zeigen Dimitrys Fortschritte in Deutschland: Während er in der Ukraine nur gefahren werden konnte, fange er nun sogar zu laufen an, steigt sogar ein paar Treppenstufen hinauf. Für Maryna sind die kleinen Schritte ihres Sohnes großartige Ereignisse: „Er wackelt, aber er läuft!“

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