https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/f-a-z-leser-helfen-die-jungen-muetter-im-slum-mathare-18452112.html

F.A.Z.-Leser helfen : Die jungen Mütter im Slum Mathare

Zwei Kinder: Eine minderjährige Mutter ist mit ihrem Baby ins Beratungszentrum „Linda Binti“ der German Doctors gekommen und wartet auf ihren Gesprächstermin. Bild: Frank Röth

Eine von fünf Jugendlichen in Kenia ist schwanger oder hat schon ein Kind zur Welt gebracht. In den Slums sind es mehr. Die durch die Spendenaktion „F.A.Z-Leser helfen“ unterstützten German Doctors geben ihnen dort wieder eine Perspektive.

          4 Min.

          Mandasi waren ihr Untergang. Die frit­­tierten Teigkrapfen, die es in den Slums von Nairobi an jeder Ecke zu kaufen gibt, haben Saras Leben zerstört, so sieht sie das. Aber eigentlich hat der Hunger Saras Träume beendet. Sie hungerte oft, die Arbeit ihrer Mutter in einer Wäscherei warf nicht so viel ab, dass die kleine Familie genug Lebensmittel kaufen konnte. Der Vater ist seit zehn Jahren tot. Aber es gab da einen Freund. Der Mann, der Sara immer mal ein paar Krapfen zugesteckt hat, wollte irgendwann eine Gegenleistung. Das 16 Jahre alte Mädchen lebt in Mathare, dem zweitgrößten Slum der kenianischen Hauptstadt. Sie hatte nichts. Er fand trotzdem etwas, was er von ihr wollte. Sie schlief mit dem Mann.

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun wölbt sich ihr Bauch unter dem weißen T-Shirt, sechster Monat. Sara, die eigentlich anders heißt, hat den Blick auf ihren Schoß gerichtet, während sie mit einer Beraterin des Projekts Linda Binti der German Doctors in Nairobi spricht. Es ist ihr peinlich, dass auch sie nun eine von denen ist, die ihre Schulprüfung im kommenden Winter hochschwanger ablegen müssen, dass auch sie danach abgehen muss, um ihr Baby zu versorgen.

          Linda Binti – „Schütze die Tocher“

          Linda Binti ist Suaheli und bedeutet „Schütze die Tochter“. Das Projekt ist im Slum Mathare angesiedelt und wird von den German Doctors betreut, für deren Engagement in den Slums von Nairobi in diesem Jahr mit der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ Spenden gesammelt werden. Die German Doctors wollen damit eine Klinik im Slum Korogocho aufbauen und Projekte wie Linda Binti ausbauen. Schon jetzt bieten sie jungen Frauen in beiden Slums Hilfe an.

          Eines von fünf Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren in Kenia ist schwanger oder hat schon ein Kind. Das sagen die offiziellen Statistiken des ostafrikanischen Landes. In den Slums sind es mehr. Und seit die Pandemie Lieferketten unterbrochen hat, Preise gestiegen sind, die Schulen lange geschlossen waren und die Menschen noch mehr Hunger leiden, sei sie Zahl weiter ge­wachsen, sagt Dominic Oyugi, der das Projekt Linda Binti als Lokalkraft leitet.

          Sein Ziel: Teenager-Schwangerschaften verhindern. Das ist ziemlich schwierig. Denn Verhütungsmittel sind im stark katholisch geprägten Kenia per Verfassung verboten für Minderjährige. Die Mitarbeiter gehen also in die Schulen in Mathare und Korogocho, klären auf und predigen Abstinenz. Sie lehren die Kinder auch, wie sie sich verteidigen können. Denn sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung.

          Verzweiflung und Hoffnung: Joyce (Mitte) wurde durch eine Vergewaltigung schwanger und hat vor Kurzem entbunden. Da sie seitdem unter Depressionen leidet, kümmert sich ihre Schwester Treezer um sie und das Baby.
          Verzweiflung und Hoffnung: Joyce (Mitte) wurde durch eine Vergewaltigung schwanger und hat vor Kurzem entbunden. Da sie seitdem unter Depressionen leidet, kümmert sich ihre Schwester Treezer um sie und das Baby. : Bild: Frank Röth

          „Was willst du denn mal werden?“

          ­Wenn all das schief geht, muss Linda Binti ein neues Ziel verfolgen: Die Schwangeren betreuen, me­dizinisch, psychisch und bei der ganzen Bürokratie. Ein halbes Jahr nach der Geburt versuchen sie, die Mädchen wieder in die Schule schicken. Das plant die Sozialarbeiterin Anne Ochieng nun auch für Sara, die mit ihrer Mutter in das unauffällige, sechsgeschossige Gebäude im Norden von Mathare zur Beratung ge­kommen ist.

          „Wenn die Prävention scheitert, sind wir immer für das Leben“, sagt Anne Ochieng. Sie muss das sagen. Auch Abtreibungen sind in Kenia verboten. Sehr wenige Frauen lassen trotzdem ei­ne vornehmen, doch das kann extrem ge­fährlich sein, da Stöcke oder Kleiderbügel dafür benutzt werden, das ungeborene Kind aus der Gebärmutter zu kratzen. Auch Adoption ist keine Option – die jugendlichen Mütter dürfen ihr Kind laut Gesetz erst zur Adoption freigeben, wenn sie volljährig sind. „Wenn sie ein paar Jahre mit dem Baby verbracht haben, geben sie es nicht mehr her“, sagt George Audi, der als Landesdirektor für alle Projekte der German Doctors in Kenia verantwortlich ist.

          Topmeldungen

          Mitten im Park liegt der zerstörte Fernsehturm von Cherson

          Im befreiten Cherson : Verbrannte Erde

          Cherson ist wieder frei, aber russische Truppen haben vor ihrem Rückzug alles zerstört, was man zum Leben braucht. Die Einwohner, die geblieben sind, richten sich ein, so gut es geht.
          Hat künftig das Sagen im Repräsentantenhaus:
 Der Republikaner Kevin McCarthy

          Die Agenda der Republikaner : Sand im Getriebe oder Zirkus?

          Mehrheit ist Mehrheit, sagt Kevin McCarthy, der im Januar Sprecher des Repräsentantenhauses werden will. Die Republikaner wollen die Biden-Regierung jagen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.