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F.A.Z.-Leser helfen : Eine Leidenschaft für Flugzeugmodelle

  • -Aktualisiert am

Wand und Decke hängen voll: Flugzeugmodelle des Künstlers Hans-Jörg Georgi im Atelier Goldstein, der aktuell an einem Sechsgeschosser arbeitet. Bild: Albermann, Martin

Seit ­Jahrzehnten bastelt Hans-Jörg Georgi Flugzeuge aus Pappresten. In der Behinderteneinrichtung hat man sie als Müll entsorgt. Erst durch das Atelier Goldstein wurde Georgis Talent und der Wert seiner Kunst anerkannt.

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          Ein riesiges Geschwader von Flugzeugen aus grauer Pappe hängt unter der Decke, einige stehen in Regalen an der Wand, jedes hat eine dreistellige Nummer am Fahrwerk. Den Überblick darüber, wie viele Flugzeuge er schon gebaut hat, hat Hans-Jörg Georgi längst verloren. Der Zweiundsiebzigjährige kurvt im Rollstuhl geschickt zwischen seinem Arbeitstisch, an dem er Pappstücke zuschneidet, und einem halbfertigen Fluggerät hin und her.

          Er hatte Kinderlähmung und verbrachte Jahre in Krankenhäusern, weil seine Beine erst gebrochen wurden und dann in einem Streckbett neu zusammenwachsen sollten. Das war eine damals übliche, für die jungen Patienten aber sehr qualvolle Behandlungsmethode. Noch dazu blieb sie bei ihm erfolglos: Er hat nie richtig gehen können, bewegt sich im engen Atelier in einem Rollstuhl fort, sonst mit einer Gehhilfe. Mit den Spenden der F.A.Z.-Leser soll das Atelier in Sachsenhausen nicht nur erweitert, werden, sondern auch einen Aufzug erhalten, damit Menschen wie Georgi auch in die anderen Ateliers gelangen können.

          Viele Werke wurden zerstört

          Seit vielen Jahrzehnten skizziert und baut Georgi Flugzeuge, auf Tausenden von Zeichnungen hat er alle real existierenden Typen dargestellt und eine umfangreiche Flotte von Modellflugzeugen aus Karton gebaut. Die meisten Arbeiten, so berichten seine Unterstützer, sind vermutlich vernichtet worden, bevor Georgi vor 20 Jahren ins Atelier Goldstein kam. Niemand in der Behindertenwohneinrichtung, in der er lebte, hatte sie als Kunst betrachtet, sein Zimmer galt als zugemüllt. Bis zu dem Moment, als Christiane Cuticchio, die Gründerin des Ateliers Goldstein, dort nach Talenten Ausschau hielt und die außergewöhnliche künstlerische Begabung des Mannes entdeckte.

          Dass man zunächst ständig wegwarf und entsorgte, was er in seinem kleinen Wohnheimzimmer produzierte, hinderte Georgi nicht daran, weiter zu zeichnen und zu bauen. Papier für die Bleistiftzeichnungen und gebrauchte Kartons für seine Modelle holte er sich aus den Abfallcontainern der Behindertenwerkstatt, in der er damals arbeitete.

          Noch heute ist er in der Materialwahl bescheiden. Er zerstückelt weiterhin grauen Pappkarton – der mittlerweile aber aus dem Kunstbedarfshandel kommt – in kleine, unregelmäßige Teile und klebt sie zu stabilen, dreidimensionalen Körpern, deren Form er zwar plant, die manchmal aber erst während des Arbeitsprozesses im Detail entsteht. In einigen der größeren Flugzeuge befindet sich ein Kubus aus Holzlatten, um den Modellen mehr Stabilität und Haltbarkeit zu verleihen.

          Neben den naturgetreu abgebildeten Modellen wie etwa einer Junkers Ju entwickelt er auch fliegende Phantasiegebilde, die er „Sechsgeschosser“ nennt: Sie sehen aus wie überdimensionale Kreuzfahrtschiffe, die es in der Realität sicher schwer hätten, vom Boden abzuheben. Diese utopisch anmutenden fliegenden Städte sind für ihn eine Art Arche Noah, mit der sich die Menschheit im Fall einer Unbewohnbarkeit der Erde ins Weltall retten kann, wenn „das blöde Böse“, wie er es, so vage wie verniedlichend, nennt, wieder einmal zuschlägt. Das, so erläutert er mit besorgter Miene, werde uns dazu zwingen, die Welt eines Tages zu verlassen. Wer in solch einen Sechsgeschosser einsteigen dürfe, das werde dann er entscheiden. Dabei lässt er völlig offen, ob er dabei an einen atomaren Ernstfall denkt, eine Klimakatastrophe oder eine Pandemie, wie wir sie in der Gegenwart erleben und wie sie auch unter den kognitiv beeinträchtigten Künstlern im Atelier immer wieder Anlass zu Gesprächen, zur Äußerung von Ängsten und Sorgen, aber auch zur künstlerischen Bearbeitung gibt.

          Aufnahmen von Georgis Kunstwerken im Atelier Goldstein.
          Aufnahmen von Georgis Kunstwerken im Atelier Goldstein. : Bild: Albermann, Martin

          Am liebsten spricht Georgi aber über technische Details: Solarbetrieb soll die Geschosse in die Umlaufbahnen katapultieren, nur die Guten würden dort dann überleben. Akribisch erklärt er den Sitz der Nebelleuchten, spricht von mit Sauerstoff gefüllten Kompressoren und wie der Lift funktioniert. Manche Modelle ziert ein stilisierter blauer Lufthansa-Kranich, ansonsten sind die Flugzeuge so grau wie die Pappe, aus der er sie herstellt. Es gibt in seiner Riesenflotte auch ein zweimotoriges Campingflugzeug, das für seine Phantasie-Passagiere wie ein fliegender Bus funktionieren soll. Sein Rettungsszenario spiegelt seinen offenen und freundlichen, aber sehr besorgten Blick auf die Welt.

          Außer den Modellen und den Sechsgeschossern finden sich unter der Decke des Ateliers auch Formen von Menschmaschinen, die fliegendes Objekt und zugleich eine Art ätherisches Luftwesen sind. Sie haben geister- oder tierhafte Köpfe und Körper. Ob er sich selbst als ein solches Wesen sieht? Fliegen erscheint vermutlich als bester Ausweg, wenn die Beine nicht richtig funktionieren.

          Georgi ist einer der ältesten Künstler des Ateliers und hatte schon zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, sogar in China und in Australien. Selbst das renommierte Art Magazin widmete ihm und seiner Kunst drei ganze Seiten. Nach Auskunft seiner Förderer ist er auch ein sehr guter Zeichner, doch die Zeichnungen seien sehr persönlich und würden deshalb nicht ausgestellt. Sein volles Haar hat er dunkelschwarz gefärbt. Er trägt gerne auch Lederhose, ein bisschen wie ein alternder Rockstar. Dabei hört er viel lieber Schlager und kennt viele Texte auswendig. Wenn er erzählt, wechselt er gern übergangslos vom Hochdeutschen ins Frankfurterische und dann ins Sächsische. Er kichert dabei, wenn er sein Gegenüber damit irritiert.

          Seit etlichen Jahren ist er Rentner, muss nicht mehr in die Werkstatt. Also arbeitet er an den Tagen, an denen er nicht im Atelier ist, auch zu Hause im Wohnheim einfach weiter. Weggeschmissen wird da allerdings nichts mehr.

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