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Marathon zum Aufwärmen : So fühlt es sich an, 100 Meilen zu laufen

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Lacht laufend: Joe Kelbel nimmt an Wettkämpfen teil, um Erinnerungen zu sammeln. Bild: Rainer Wohlfahrt

Der Start bei einem Marathon ist für Joe Kelbel nur ein leichtes Aufwärmtraining. Der Extremsportler nimmt auch an 100-Meilen-Läufen teil. Hier spricht er über seine unkonventionellen Durchhalte-Tipps.

          Joe Kelbel läuft sich den Kopf frei. Schritt für Schritt. Kilometer für Kilometer. Stunde für Stunde. Am liebsten geht er alleine auf die Strecke. Hunderte Kilometer durch den Dschungel, über Berge, quer durch die Wüste. „Wenn man in der Sahara durch die Nacht läuft und den Sternenhimmel sieht, fühlt man sich einfach frei“, sagt er. Eine Freiheit, die ihn schon mehrmals in lebensgefährliche Situationen gebracht hat. Etwa damals, als er nicht merkte, dass sein Körper Unterzucker-Symptome zeigte, oder als er sich in den Weiten der Wüste verlaufen hatte. „Das sind die Momente, in denen fühle ich mich nicht wohl“, sagt der 54Jahre alte Frankfurter. Schnell wird deutlich: Wer an einem Stück einhundert Meilen läuft, neigt nicht zu lautem Klagen.

          Für den mittelgroßen Mann mit breitem Kreuz und braun-grauem Dreitagebart ist selbst die Teilnahme am Frankfurtmarathon nicht mehr, als ein einfacher Trainingslauf. Wöchentlich nimmt er an Wettkämpfen teil. Manchmal wählt er die Marathondistanz, oft geht er auf die Ultrastecke, läuft also 42 Kilometer und mehr. Kelbel, nach eigenen Aussagen der „aktivste Laufreporter der Welt“, wird mittlerweile zu Wettkämpfen eingeladen, um darüber zu berichten. Während der Woche bleiben die Laufschuhe im Schrank. Kelbel trainiert nicht gerne. „Ich brauche den Wettkampf, um mich aufzuraffen.“ Außerdem sei es ihm „zu langweilig“, im Grüneburgpark oder am Mainufer zu laufen. Nur zu Dehn-, Kraft- und Stabilisationsübungen lässt er sich hinreißen. „Das muss schon sein.“

          Das Laufen ist zum Lebensinhalt geworden

          Insgesamt hat er schon 416 Marathon- und Ultraläufe bestritten. Bei fünf davon lief er eine Strecke von 161 Kilometern, also einhundert Meilen. Natürlich ohne Pause. Er ging in Sri Lanka, Portugal, Schweiz, Patagonien und Marokko an den Start. Sein längster Lauf dauerte 36 Stunden und führte Kelbel mehrmals über 3500 Höhenmeter im Atlasgebirge. „Da gehen einem bei schlechter Versorgung schnell die Kräfte aus.“ Die erschöpften Beine seien aber nicht das größte Problem. „Die ganze Verdauung liegt danieder, das heißt Kotzerei und Durchfall.“ Das komme bei langen Läufen oft vor. „Ich habe aber mittlerweile keine Angst mehr davor.“

          Über die Landschaften, die er durchquert, die Menschen die er getroffen, die Geschichten, die er auf seinen Reisen „laufend“ erlebt, schreibt er Bücher, Reportagen und Blogeinträge, er macht Fotos, sammelt Eindrücke. Das Laufen ist zu seinem Lebensinhalt und zu seinem Lebensunterhalt geworden. Ihm kommt es nicht auf Spitzenzeiten an, sondern darauf, einen Schritt vor den anderen zu setzen, die Umgebung wahrzunehmen.

          Es geht über Stock und Stein – und manchmal auch durch die Wüste.

          Lange war Kelbel ein Getriebener. Immer im Laufschritt unterwegs, kein Blick nach rechts, kein Blick nach links. Kelbel arbeitete an der Börse. „Das war ein hektischer und aufreibener Job.“ Nach dem 11.September 2001 sei er nervlich erschöpft gewesen. Er entschied sich auszusteigen. „Früher hatte ich mal viel Geld, heute habe ich wenig und ich lebe trotzdem.“ Damals, als er ausstieg, sei sein Kopf zwar müde gewesen, sein Körper aber sei nicht zur Ruhe gekommen. Kelbel fing an, exzessiv zu laufen. 2008 startete er bei seinem ersten Ultralauf. Sechs Stunden benötigte er, um die 60 Kilometer zurückzulegen. Schnell realisierte er, dass er auch auf seinen Reisen seinem Hobby nachgehen konnte. Es folgten Läufe durch Kambodscha und Sri Lanka–aber auch durch die unterschiedlichen Regionen in Deutschland.

          „Da hat der Körper seinen Widerstand aufgegeben“

          Der Vierundfünfzigjährige macht auch dann weiter, wenn andere Sportler längst abgebrochen haben. 2013 startete er bei einem Einhundert-Meilen-Lauf in Berlin. Nach 124 Kilometern riss ihm die Achillessehne. Da hatte Kelbel noch 37 Kilometer vor sich. Statt das Ganze zu beenden, ignorierte er den Schmerz. „Solange man nicht weiß, was es ist, geht es.“ Mit einer gebrochenen Rippe lief er beim Trans-Atlas-Marathon 2016, mit einem gebrochenen Fuß beendet er im vergangenen Jahr seinen vierhundertsten Marathon. „Die Schmerzen werden ja beim Laufen nicht unbedingt mehr“, sagt er. Der Körper schütte körpereigene Schmerzmittel und Endorphine aus, „da merkt man den Schmerz nicht mehr so“.

          Aus nach 100 Meilen: Auch ein Ultramarathon geht irgendwann zu Ende.

          Kelbel weiß, dass seine Obsession die Leute manchmal irritiert. Er macht trotzdem weiter. Andere Leute hätten Spaß daran, Geige zu spielen, er laufe eben gerne. „Wenn jemand etwas kann, muss er das machen.“ Was Kelbel bestens schafft: die eigene Leistung kleinreden. Die ersten 15Kilometer seien oft die anstrengendsten, aber von Kilometer 40 an gehe es ihm „richtig gut“. „Da hat der Körper seinen Widerstand aufgegeben.“

          Auf der Jagd nach Erinnerungen – nicht nach Medaillen

          Was ist es, was Joe Kelbel auch dann noch weiterlaufen lässt, wenn andere schon längst aufgeben hätten? Wille? Die Bereitschaft, Schmerzen auszuhalten? Starrsinn? Die Antwort des Extremsportlers überrascht. „Bier!“ Das Getränk sei genau das Richtige, wenn durch die Anstrengung kein Blut mehr in den Verdauungsorganen sei. „Es beruhigt den Magen und hat die Kalorien, die man braucht.“

          Nach dem Lauf gibt es eine Medaille und viele Erinnerungen.

          Mit seinen Läufen will Kelbel keine Medaillen, wohl aber Erinnerungen sammeln. „Niemand erinnert sich an den Tatort, den er letzten Sonntag gesehen hat“, sagt er. Die Läufe, die ihn an die unterschiedlichsten Orte der Welt geführt hätten, seien jedoch für immer in seinem Kopf verankert. So wie sein allererster Einhundert-Meilen-Lauf. „Der war durch wunde Stellen am Körper sehr schmerzhaft. Das kann schon quälend sein, wenn man 24Stunden mit aufgeriebener Haut läuft.“

          Als er bei den ersten längeren Läufen nach Stunden endlich ins Ziel gekommen sei, habe er sich oft erschöpft hinlegen müssen. Zitternd und krampfend, nicht mehr in der Lage, auch nur einen Schritt vor den anderen zu setzen. „Das war schon unangenehm.“ Mittlerweile hat er gelernt, die Kräfte besser einzuteilen. Die Freude, nach Stunden angekommen zu sein, feiert er gerne bei einem Bier. „Da ich selbst nie einen Pokal gewinnen kann, muss ich mich anders belohnen.“

          Der Extremläufer

          Laufen bis es knallt: Pleiten, Pech und Pannen eines Ultraläufers. Erschienen im Verlag MainBook. 220 Seiten.

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