https://www.faz.net/-gzg-a06sv

Klimawandel in Hessen : Heiße, trockene Sommer werden normal

Eine Folge des Klimawandels: Die Zahl der Waldbrände, so wie dieser im Juli 2018 zwischen Taunusstein und Wiesbaden, steigt auch in Hessen. Bild: dpa

Der Klimawandel zeigt sich: In Hessen sind 2019 mehr Bäume abgestorben denn je, und in Frankfurt ist mit 40,2 Grad der bisher höchste Temperaturwert gemessen worden.

          3 Min.

          Die Ankündigung klingt ziemlich verheißungsvoll: „Das Wetter wird wieder wärmer und freundlicher, der Tag heiter.“ Und die Informationen und der Tonfall des Deutschen Wetterdienstes legen nahe, dass der Niederschlag der vergangenen Woche nur als etwas angesehen werden soll, was man schnell hinter sich lassen muss. Offenbar, so wird es jedenfalls durch die Wortwahl suggeriert, sorgen verregnete Tage für schlechte Stimmung. Dabei hat es an einem in den vergangenen Jahren nicht gefehlt: an „Sommertagen“. Das sind solche, an denen die Temperatur über 25 Grad steigt. An der Messstation im Frankfurter Westend, die für das Stadtgebiet repräsentativ sein soll, sind im Jahr 2018 insgesamt 108 Sommertage registriert worden, so viele wie noch nie seit der Wetteraufzeichnung im Jahr 1881. Im vergangenen Sommer waren es 90 Tage. Diese Zahl wurden in den vergangenen 30Jahren nur im legendären Sommer 2003 übertroffen, als es 91 Tage waren.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Den beiden vergangenen Sommern lassen sich in Hessen und in der Rhein-Main-Region noch weitere meteorologische Superlative zuordnen: 2018 war mit einer Jahresmitteltemperatur von 10,5 Grad das wärmste Jahr, 2019 in Frankfurt mit 40,2 Grad ist der höchste Tageswert seit Beginn der Wetteraufzeichnung gemessen worden – mit unübersehbaren Folgen für Mensch und Natur. Das zeigen die steigende Zahl von Waldbränden und absterbenden Bäumen, aber auch der immer frühere Beginn der Apfelblüte, Starkregen und die Intensität von Hitzeperioden.

          Prognose und Wirklichkeit decken sich

          „Der Klimawandel ist in Hessen angekommen.“ – Für Experten wie Heike Hübener vom Fachzentrum Klimawandel Hessen des Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie in Wiesbaden ist diese Feststellung keine „Genugtuung“, dass die Wirklichkeit sich mit den Prognosen der Fachwelt deckt. Ihre Aufgabe ist es, deutlich zu machen, wie sich Kommunen und Menschen auf Veränderungen einstellen können. Dazu gehören Starkregen und noch mehr heiße Nächte, in denen die Temperaturen nicht unter 20 Grad sinken. Aber auch der immer frühere Beginn der Obstbaumblüten, die gefährdet sind, wenn späte Frostnächte folgen. Von dem immer mehr aus den Fugen geratenen Zusammenspiel von Flora und Fauna, von mehr Pilzkrankheiten und eingewanderten Schädlingen ganz zu schweigen.

          Um deutlich zu machen, welche Folgen der Klimawandel in Hessen voraussichtlich haben wird, weist Hübener auf Modellrechnungen hin. Da kein Modell perfekt ist, betrachten die Klimawissenschaftler die Ergebnisse von vielen verschiedenen Modellen. Für Hessen zeigt der Mittelwert der 27 ausgewerteten Modellergebnisse, dass die Jahrestemperatur bis 2100, wenn dem „Weiter wie bisher“-Szenario gefolgt wird, um fast vier Grad steigen wird. Die Zahl der heißen Tage, an denen die Höchsttemperatur bei 30 Grad und darüber liegt, wird in diesem Szenario von bisher fünf bis sechs Tagen im Jahr bis zum Zeitraum 2071 bis 2100 um zirka 20 zusätzliche Tage auf dann 25 bis 26 ansteigen. Für viele Menschen bedeuten diese Temperaturen eine Gesundheitsbelastung, für Ältere können sie tödlich sein.

          Zum Vergleich: Im Extremjahr 2018 hat es in Hessen bereits diese 25 heißen Tage gegeben. 2019 waren es „nur“ 16, sagt Hübener. Werde auch nach der Corona-Pandemie der Klimaschutz nicht verstärkt, „dann werden wir weitere Extremjahre wie 2018 und 2019 haben“, prognostiziert die Klimaforscherin. Und in 50 Jahren, vom Jahr 2071 an, wird ein Sommer wie der im Jahr 2018 nicht mehr eine Ausnahme sein, sondern „im Mittel liegen – im schlimmsten Fall sogar zu den kühleren Sommern zählen“.

          Waldbrandgefahr steigt

          „Wir sollten uns überlegen, wie wir nach der Pandemie weitermachen wollen“, meint Hübener. Auch, um die sich infolge der beiden vergangenen Sommer zeigenden verheerenden Folgen nicht weiter zu verstärken. Dazu zählt die bisher in dem Maße nicht bekannte Sterblichkeitsrate von Bäumen. Bisher war 1983 als das katastrophalste Jahr registriert worden. Damals starben 0,89 Prozent aller Bäume im Wald ab. Der Sommer 2019, ein trockener Sommer, der auf einen langen heißen, trockenen Sommer 2018 folgte, durch den Bäume bereits in einem hohen Maß vorgeschädigt waren, hat dazu geführt, dass die Mortalitätsrate auf 2,3 Prozent gestiegen ist. „Damit sind 2019 zehnmal so viele Bäume abgestorben wie 2018“, sagt Hübener. „Und die Folgen werden in diesem Jahr und vermutlich auch noch in den folgenden mehr als deutlich zu sehen sein.“

          Ein weiterer Indikator für die Fachleute ist die Waldbrandgefahr. Der sogenannte Waldbrandindex für Hessen zeigt seit 1961 auf, wie hoch die Gefährdung ist. Die Tendenz ist eindeutig. Die Zahl der Tage mit höherer Waldbrandgefahr lag zuletzt bei durchschnittlich 25 Tagen. Im Jahr 2018 war die Waldbrandgefahr aber an 80 Tagen sehr hoch, und auch 2019 lag sie immer noch bei knapp 40 Tagen. In diesem Jahr gab es bereits die ersten Waldbrände in der zweiten Märzhälfte. „Das Wetter unterliegt immer natürlichen Schwankungen“, betont Hübener. Auch dieser Sommer könne noch ein verregneter werden, der nächste Winter schneereich sein. „Aber Regen im Sommer, Schnee im Winter – das wird seltener“, sagt Hübener.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

           Der Sarg des getöteten Wissenschaftlers am Sonntag in der iranischen Stadt Mashhad

          Mord an Atomwissenschaftler : Ein Stich ins iranische Herz

          Der „Vater“ des iranischen Atomprogramms wird Opfer eines Anschlags. Kaum jemand zweifelt daran, dass Israel dahinter steckt. Das Attentat ist auch ein Fingerzeig für Joe Biden und seinen Umgang mit Iran.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.