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„Zehn Prozent aus Osteuropa“ : Weniger bezahlbare Wohnungen, mehr Obdachlose

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Draußen daheim: Obdachlose auf der Gutleutstraße in Frankfurt Bild: Bernd Kammerer

Im Winter steigt die Anzahl an Wohnungslosen vielerorts. Das stellt die Städte im Land vor Herausforderungen: Während in Frankfurt viele Obdachlose aus Osteuropa kommen, beschäftigt die Stadt Darmstadt vor allem die Situation obdachloser Frauen.

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          Wohnungen sind vor allem in den Ballungsräumen Hessens knapp, und diese Entwicklung trifft Obdachlose in besonderem Maß. „Der Wohnungsmarkt hat sich verschärft“, sagte Steffen Müller, Leiter der Obdachlosenunterkunft der Diakonie in Groß-Gerau. „Wohnungen sind teuer geworden. Es gibt auch weniger.“ Vermieter würden oft gleich abwinken. Das führe zu einem Teufelskreis: „Wer keine Wohnung hat, findet keine Arbeit. Wer keine Arbeit hat, findet keine Wohnung.“ Gerade jetzt im Winter versuchen die Kommunen im Land, Menschen ohne Wohnung Möglichkeiten zur Übernachtung bereit zu stellen.

          Arbeitslosigkeit sei einer der Gründe, warum Menschen obdachlos werden, sagte Müller. Sie könnten die Miete nicht mehr bezahlen. Ursachen seien auch Krankheit und Suchtprobleme. In Groß-Gerau seien in diesem Jahr bis Oktober 165 Menschen in die Unterkunft gekommen. Ein Drittel von ihnen sei jünger als 30 Jahre gewesen. Unter den Obdachlosen gebe es „gefühlt mehr jüngere als früher“. Die Lage dürfte sich weiter verschärfen, vermutete Müller.

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          In Frankfurt leben im Winter immer mehr Obdachlose aus Osteuropa. Allein in einer Nacht hätten Mitarbeiter des Kältebusses 209 obdachlose Menschen in der Stadt gezählt, darunter 165 aus Osteuropa: „Die meisten davon übernachten in der B-Ebene, da sie keinen rechtlichen Anspruch auf eine Unterbringung haben“, sagte Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) am Donnerstag. Die B-Ebene ist der unterirdische Bereich der U- und S-Bahn-Station Hauptwache. Zur Zeit des Weihnachtsmarkts kämen besonders viele Menschen nach Frankfurt, um zu betteln oder mit Gelegenheitsjobs Geld zu verdienen, das sie anschließend in ihre Heimat schickten.

          In Darmstadt sind laut Stadtverwaltung derzeit rund 200 Menschen in Obdachlosenunterkünften untergebracht. Herausfordernd sei die Situation obdachloser Frauen. Das Angebot sei erweitert worden. Seit Jahresanfang gebe es eine Mutter-Kind-Einrichtung, in der laut Stadt „Mütter mit Kindern und schwangere obdachlose Frauen spezielle Unterstützung erhalten“.

          „Fünf bis zehn Prozent aus Osteuropa“

          In Offenbach gibt es nach Angaben der Stadt nur zwei Menschen, die rund um die Uhr auf der Straße leben. Sie nähmen keine Hilfe an, sagte ein Sprecher. „Sie werden in der kalten Jahreszeit regelmäßig von der Stadtpolizei aufgesucht, um im Notfall reagieren zu können.“ Die Notunterbringung von Menschen ohne Wohnung sei hier deutlich rückläufig.

          Die Lage von Obdachlosen habe sich in Fulda nicht gravierend verändert, teilte ein Sprecher mit. „Der Anteil von Obdachlosen aus EU-Ländern, insbesondere aus Osteuropa, liegt konstant bei rund fünf bis zehn Prozent.“

          Die Tagesaufenthaltsstätte Panama des Vereins Soziale Hilfe ist die zentrale Anlaufstelle für Wohnungslose in KasselL. Sie können dort duschen, Wäsche waschen, essen und Kleidung bekommen. Immer öfter haben die Sozialarbeiter aber mit Obdachlosen aus dem EU-Ausland zu tun: „Das hat zugenommen“, sagte Leiter Stefan Jünemann. Es sei eine Gratwanderung, diesen Betroffenen zu helfen, aber keine Erwartungen zu wecken, die man nicht erfüllen könne.

          In Gießen gibt es laut der Stadtverwaltung zwei Hauptanlaufstellen: Die Diakonie betreibt die „Brücke“, eine Fachberatungs- und Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose. Hier kümmert man sich im Schnitt um mehr als 40 Personen täglich ohne feste Meldeadresse. Der Sozialverband AWO hat ebenfalls eine Beratungsstelle mit Wärmestube. 30 Menschen suchen hier jeden Tag Hilfe. Die Zahl der Wohnungslosen in Gießen sei „relativ konstant“, sagt Ines Müller, Leiterin des Sozialamtes.

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