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Tomislav Kezharovski : Der Kampf im Exil

Darmstadts Autor im Exil: Tomislav Kezharovski zeigt sein Buch. Bild: Marcus Kaufhold

Der mazedonische Journalist Kezharovski hat Aufnahme in Darmstadt gefunden. Er berichtet von seiner Haft und Verfolgung in seiner Heimat.

          3 Min.

          Tomislav Kezharovski ist nicht so bekannt wie Julian Assange, der Wikileaks-Sprecher, über dessen Auslieferung an die Vereinigten Staaten wegen Geheimnisverrat gerade in London verhandelt wird. Aber der mazedonische Journalist und Schriftsteller hat, wie Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) am Dienstagabend im Literaturhaus sagte, „eine ähnliche Geschichte“. Auch bei ihm handele es sich um einen verfolgten investigativen Journalisten, bei dem gelte: „Wer ihn verteidigt, verteidigt die Pressefreiheit.“

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Kezharovski ist Stipendiat des deutschen Zweigs der Schriftstellervereinigung Pen, der im Rahmen des Programms „Writers in Exile“ in Darmstadt ein Stipendium erhalten hat. Untergebracht im Baltenhaus am Herdweg, bekommt er die Chance, „wieder zur Ruhe zu finden und neue Kraft zu schöpfen“, wie Partsch sagte. Während der Veranstaltung des Pen wurde freilich deutlich, dass der Gründer und Chefredakteur zweier Wochenzeitungen in Nordmazedonien, der wegen seiner Recherchen zu mehr als vier Jahren Gefängnis verurteilt worden war, sich nicht nur erholen, sondern auch seinen Kampf um die Presse- und Meinungsfreiheit in Südhessen konsequent fortsetzen will. Er habe vor, seine eigenen Prozessakten und „Tausende von Geheimdienstakten“, die ihm zugespielt worden seien, zu einem zweiten Buch zu verarbeiten. „Viele würden gerne sehen, dass ich aufgebe. Aber ich bin stark. Die Wahrheit ist geduldig, sie kommt irgendwann ans Licht.“

          Sein Schicksal trieb die Menschen auf die Straße

          Mazedonien ist, wie Leander Sukov, Pen-Vizepräsident und Beauftragter für Writers in Exile, zu Beginn der Gesprächsrunde sagte, „in Europa die große Unbekannte“. Daran hat der Status des Landes als offizieller EU-Beitrittskandidat auch nicht viel geändert. Auf Kezharovskis Schicksal, das 30.000 Menschen in seinem Land auf die Straßen trieb, haben vor allem Schriftstellervereinigung oder Reporter ohne Grenzen aufmerksam gemacht. Internationale Organisationen, die Botschaft der Vereinigten Staaten und die Europäische Union schlossen sich den Protesten an. Die Folge war seine Entlassung nach 172 Tagen in Haft, die er in einer mazedonischen Gefängniszelle von wenigen Quadratmetern unter schlimmen hygienischen Zuständen und Erniedrigungen verbracht hatte. Rehabilitiert wurde er vom Obersten Gerichtshof bisher nicht. Stattdessen verlor seine Frau ihre Arbeit, und es kam zu ominösen Wohnungsdurchsuchungen.

          Kezharovski nahm angesichts der anhaltenden Repression die Einladung einer Stiftung in Hamburg an, reiste nach Deutschland und wechselte schließlich von der Elbe nach Darmstadt in das Elsbeth-Wolffheim-Stipendium, das nach einer 2002 verstorbenen Schriftstellerin benannt ist, die sich im Pen für Menschenrechtsfragen eingesetzt hatte. Eine Rückkehr in sein Heimatland hält Kezharovski im Moment für ausgeschlossen. Auch wenn der Regierungschef gewechselt habe, „das alte Regime ist noch immer an der Macht, und Verwaltung und Gerichte sind weiter völlig korrumpiert“. Tröstlich sei für ihn nur, dass eines Tages wieder bessere Zeiten kommen können.

          Kezharovskis erstes, nach seiner Freilassung geschriebenes Buch trägt den Titel „Life in the box“ und erzählt von seiner Zeit der Inhaftierung. Es war früh an einem Morgen des Jahres 2013, als die Tochter die noch schlafenden Eltern weckte mit dem Hinweis, „jemand“ sei im Garten. Kurz darauf drangen 35 schwerbewaffnete Männer einer Spezial-Einsatzgruppe für „Gefahrenabwehr“ in die Wohnung der Familie ein und nahmen Kezharovski mit, der schon seit einigen Jahren vom Geheimdienst überwacht worden war. Der Grund, sagte Sukov, seien dessen Recherchen zu Korruption und organisierter Kriminalität in Regierungskreisen gewesen. Offiziell vorgeworfen wurde ihm, in einem Artikel die Identität eines geschützten Zeugen in einem Strafprozess aufgedeckt zu haben.

          Recherchierte zum Tod Mladenovs

          Vor seiner spektakulären Verhaftung hatte Kezharovski zum Tod von Nikola Mladenov recherchiert, dem unter ungeklärten Umständen bei einem Autounfall getöteten Verleger der unabhängigen mazedonischen Zeitung „Fokus“. Für die vielen Demonstranten, die für ihn auf die Straßen gingen und Reporter ohne Grenzen war seine Verhaftung ein staatlicher Versuch, Journalisten einzuschüchtern. „Einen Journalisten dafür zu verhaften, dass er sein verfassungsmäßiges Recht auf Unterrichtung der Öffentlichkeit ausübt, ist nicht nur illegal, sondern auch völlig unvereinbar mit europäischen Standards“, hieß es in einer Erklärung, in der Reporter ohne Grenzen auch darauf verwies, dass Mazedonien auf der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 116 rangiert – von 179 Plätzen insgesamt. Auch der Pen konstatiert eine langjährige Kultur der Straflosigkeit. Nur bei einem Bruchteil von Bedrohungen und Beleidigungen gegen Journalisten durch hochrangige Regierungsvertreter sei es zu Ermittlungen gekommen.

          „Life in the box“ ist der Bericht über eine Form von Wahnsinn, der nach Kezharovskis Worten nur schwer zu begreifen ist. Das Gefängnis sei „wie eine Rolltreppe in den Untergang“ gewesen. Es gebe dort keine „roten Linien“: „Es ist ein Ort, der jeden Menschen verändert.“ Gebrochen haben ihn die schlimmen Erfahrungen aber nicht. „Kartoffeln werden beim Kochen weich, Eier hart“, sagte der Fünfundfünfzigjährige. Was sein Land brauche, sei ein „radikaler Neuanfang“. Dazu wolle er durch sein Buch beitragen, an dem er in seinem Exil arbeite.

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