https://www.faz.net/-gzg-9sfr1

Digitale Kirche : Gottesdienst mit Tablet und Smartphone

Pfarrerin Heike Schuffenhauer (rechts), Dorit Lassner und der Moderator während des digitalen Gottesdienstes in der Talkirche Bild: Michael Kretzer

Die evangelische Kirche testet per Pilotprojekt den digitalen Gottesdienst. Der Aufwand ist groß, der Einsatz hoch, doch das Interesse ist überschaubar.

          3 Min.

          Um 19.05 Uhr wirft der Beamer einen der letzten Beiträge an die Leinwand vor dem Altarraum. „Toller Gottesdienst ... etwas modernere Lieder wären schön“, erscheint oben in der Liste. Pfarrerin Heike Schuffenhauer bedankt sich bei allen, die an diesem Samstagabend mitgemacht haben. Dann spendet sie den Segen – und der digitale Gottesdienst ist vorbei.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Techniker sind Stunden zuvor angerückt. Seit halb eins werkeln sie in der Eppsteiner Talkirche im Main-Taunus-Kreis. Mittlerweile ist es viertel vor sechs; noch 15 Minuten, dann muss alles funktionieren. Vor der ersten Bank liegen Kabel, zwei Laptops stehen bereit, der Beamer leuchtet. Der Gottesdienst in der kleinen Kirche soll unter der Adresse „sublan.tv“ live im Internet übertragen werden.

          Dafür gibt es zwei Kameras. Die eine ist auf der Orgelbühne postiert und liefert die Totale, die andere ist vorne links zu finden und überträgt Redner und Details. Das ist nicht alles: Wer will, kann sich mit Beiträgen anonym einschalten, Fragen stellen, Anregungen geben, Fürbitten schicken. Auch aus den Kirchenbänken heraus.

          Wird die neue Form angenommen?

          Vorne stehen drei Leute, zwei Frauen und ein Mann. Die eine Frau ist Pfarrerin Schuffenhauer, die andere Frau heißt Dorit Lassner und arbeitet im Kirchenvorstand. Beide halten ein Tablet in der Hand. Der Mann stammt ebenfalls aus der Gemeinde und ist der Moderator. Seine Rolle bleibt bis zum Schluss unklar, denn Schuffenhauer und Lassner kämen auch gut allein klar. Dass die Rollen der drei Protagonisten zu Beginn ebenso wenig eindeutig erläutert werden wie der besondere Ablauf des Abends, führt bei einem älteren Herrn zu Verwirrung. „Wofür ist der Typ im karierten Hemd da?“, fragt er seine Begleiterin. Wenig später versteht er nicht, warum auf der Leinwand immer „Beitrag“ vor den Beiträgen steht.

          Das Projekt „sublan.tv“ ist ein Pilotprojekt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Seit etwa vier Jahren testen die Initiatoren ungefähr einmal im Monat in einer anderen Gemeinde, wie diese neue Gottesdienstform angenommen wird. Der Erfolg lässt sich schwierig messen. Zwar sitzen an diesem Abend nur gut 20 Teilnehmer in der Talkirche, von denen die fünf Jugendlichen in der ersten Bank womöglich bloß gekommen sind, weil sie regelmäßig die Smartphones zücken dürfen.

          Doch wie viele Leute sich den Gottesdienst im Internet anschauen, ist erst einmal unklar. Eine Faustformel der Projektmacher sagt: etwa doppelt so viele, wie tatsächlich in der Kirche sind. Dann würde die Gemeinde an diesem Samstagabend insgesamt 60 Leute umfassen. Angesichts dessen wäre der technische Aufwand eines solchen Gottesdienstes immens. Außerdem stellt sich die Frage: Sind 60 Teilnehmer ein Erfolg oder nicht?

          Die Eppsteiner Gemeinde ist zum vierten Mal bei „sublan.tv“ dabei. Pfarrerin Schuffenhauer ist wie gemacht für das Format. Sie spricht deutlich und beherrscht die Technik bestens. Ohne Schwierigkeit wechselt sie zwischen den Ansichten. Auch die Liedtexte sind auf der Leinwand zu sehen. „Ich finde toll, dass das eine dialogische Form des Gottesdienstes ist“, sagt die 57 Jahre alte Pfarrerin. Das Angebot richte sich zum Beispiel an Leute, die am Sonntagmorgen lieber ausschliefen oder es zu mühsam fänden, in die Kirche zu kommen. „Wir müssen neue Wege suchen, um den Menschen die Botschaft von der Liebe Gottes weiterzugeben.“

          Katholische Kirche hat Interesse

          Der stärkste Part des Gottesdienstes ist tatsächlich eine Art moderierter Predigtersatz. Dazu haben Schuffenhauer und Mitmoderatorin Lassner vor einem längeren Lied zwei Thesen aufgestellt, die diskutiert werden sollen: „Christ sind wir nicht nur am Sonntag, sondern jeden Tag der Woche“ und „Glaube ist Auftrag zum Handeln“. Die nach und nach eintreffenden Online-Beiträge arbeiten sie in den nächsten zwanzig Minuten ab und verknüpfen sie mit eigenen Gedanken. Damit kein digitaler Müll auf Leinwand und Tablets erscheint, sortieren zwei Helfer in der Sakristei die Beiträge vor und leiten sie weiter. Die technische Ausstattung für einen „sublan“-Gottesdienst können die Gemeinden nach den Worten eines Technikers für 300 Euro beim evangelischen Medienhaus in Frankfurt leihen.

          Projektchef und Initiator ist Rasmus Bertram. Der evangelische Pfarrer aus Kriftel setzt die Hälfte seiner Arbeitszeit für „sublan.tv“ ein. Bisher finanziert die hessisch-nassauische Kirche das Projekt allein. Doch Bertram ist zuversichtlich, dass die Evangelische Kirche in Deutschland demnächst einsteigt und die Kosten mitträgt. Von dem neuen Format ist er überzeugt. „Es ist weder an einen Gottesdienst noch an eine Konfession gebunden“, sagt er. Die katholische Kirche soll schon Interesse gezeigt haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trotz geringer Einwohnerzahl: Mit mehr als einer Billion Dollar ist der norwegische Staatsfonds der größte der Welt.

          Staatsfonds in Deutschland : Schaut nach Norwegen

          Deutschland altert, das Rentensystem stößt an seine Grenzen. Kommt als Lösung nun ein deutscher Staatsfonds? Klarheit könnte der anstehende CDU-Parteitag bringen.
          Donald Trump jr. im Oktober in San Antonio

          Die Familie des Präsidenten : Wahlkampf mit Trump Junior

          In der Familie von Präsident Donald Trump hat fast jeder seine Aufgabe. So ist Donald Trump jr. auf Wahlkampftour, während Schwester und Schwager direkt im Weißen Haus arbeiten. Zielgruppe sind besonders junge Leute.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.