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Komplette Gleichstellung : Trauung auch für Homosexuelle

Die evangelische Kirche stellt gleichgeschlechtliche Trauung gleich. Bild: dpa

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau setzt die komplette Gleichstellung um. Das wird künftig Auswirkungen für homosexuelle Paare haben.

          Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau traut vom nächsten Jahr an auch Homosexuelle – und macht damit keinen Unterschied mehr zu heterosexuellen Paaren. Die Synode, das Kirchenparlament, entschied, die seit 16 Jahren erlaubte Segnung gleichgeschlechtlicher Paare vom nächsten Jahr an offiziell als Trauung zu bezeichnen. Die Segnung war schon seit fünf Jahren formal mit einem Eintrag ins Kirchenbuch einer Trauung von Heterosexuellen gleichgestellt, nun gilt das auch für die Bezeichnung. Seit 2002 sind laut Landeskirche, die etwa 1,5Millionen Mitgliedern zählt, 320 gleichgeschlechtliche Paare vor den Altar getreten.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Ich habe die Debatte dazu als eine Sternstunde der Synode erlebt“, sagte Präses Ulrich Oehlschläger gestern während einer Pressekonferenz, in der die wichtigsten Beschlüsse des seit Mittwoch tagenden Kirchenparlaments vorgestellt wurden. Die 140Mitglieder beschlossen bei zwei Gegenstimmen und zwei Enthaltungen zudem, dass evangelische Pfarrer gegen eine Trauung Homosexueller keine grundsätzlichen Vorbehalte mehr geltend machen dürfen. Falls sie ein homosexuelles Paar nicht trauen wollen, haben sie das künftig in jedem Einzelfall zu begründen und sich um einen Ersatzpfarrer zu bemühen.

          Eine solche Trauung abzulehnen zieht aber keine dienstrechtlichen Konsequenzen nach sich, wie Kirchenpräsident Volker Jung sagte. Schon jetzt dürften evangelische Geistliche andere „Kasualien“ wie Taufe und Beerdigung ablehnen, wenn sie der Ansicht seien, damit gegen Schrift und Bekenntnis zu verstoßen. Das komme sehr selten zum Beispiel bei Beerdigungen vor, wenn der Verstorbene ausgetreten sei und sich immer wieder gegen die Kirche ausgesprochen habe.

          Jung berichtete der Synode außerdem über das Ausmaß sexueller Gewalt in den eigenen Reihen. Bekannt seien mittlerweile 50Verdachtsfälle seit der Gründung in der Landeskirche im Jahr 1947. In dieser Zahl enthalten seien auch die Opfer unter den Heimkindern. „Das bedeutet aber nicht, dass das alles wäre“, sagte Jung. Weitere Fälle seien aber nicht bekannt. 16Mal seien Pfarrer beschuldigt worden, in 34Fällen Erzieher und Ehrenamtliche.

          Von den 16Pfarrern konnte in zwölf Fällen den Vorwürfen nicht mehr nachgegangen werden, weil die Beschuldigten verstorben waren, als die Vorwürfe erhoben wurden, wie Jung weiter erläuterte. In einem Fall hätten sich die Anschuldigungen als falsch erwiesen, in drei Fällen seien kirchenrechtliche Verfahren eingeleitet worden. Zu den 34Fällen bei Erziehern und Ehrenamtlichen nannte Jung keine Details. Er hob hervor, dass die Landeskirche „immer auch mit der Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet“ habe. Man werde nun prüfen, ob es „systemische Risiken“ für sexuelle Gewalt und Missbrauch gebe.

          Mehr Geld in die Bauverwaltung

          Die Synode beschloss darüber hinaus den Haushalt für das nächste Jahr. Er sieht Aufwendungen von rund 701 Millionen Euro vor. Das Defizit, also das Jahresminus, wird nach den Worten von Finanzdezernent Heinz Thomas Striegler 52 Millionen Euro betragen. In diesem Jahr sei mit einem Defizit von 68 Millionen Euro zu rechnen. Es solle jeweils aus Rücklagen gedeckt werden. Hauptgrund für die negativen Zahlen sei die Umstellung von der kameralistischen auf die doppelte kaufmännische Buchführung. Dadurch müssten im Etat der Landeskirche Rückstellungen für Vorsorge- und Beihilfeaufwendungen in erheblicher Höhe gebildet werden.

          Den mit rund 321 Millionen Euro größten Einzelposten bilden Striegler zufolge die Personalkosten. Aus der Kirchensteuer erwarte er für 2019 Einnahmen von rund 530 Millionen Euro. Der Finanzdezernent kündigte an, mehr Geld für das Bauen bereitzustellen. Viele Gebäude im Eigentum der Landeskirche stammten aus den sechziger und siebziger Jahren und müssten in den nächsten Jahren saniert werden. Fünf Millionen Euro mehr im Jahr würden daher zur Verfügung gestellt. Das Geld soll auch für sechs zusätzliche Stellen in der Bauverwaltung verwendet werden. Nur so könne der Sanierungsstau nach und nach aufgelöst werden.

          Keine Entscheidung fällte die Synode über die Zukunft des Bibelmuseums in Frankfurt. Die Ausschüsse sollen in den nächsten Monaten fünf Varianten prüfen. Sie reichen von einer Kürzung des Zuschusses bis hin zu einem 23-Millionen-Euro-Neubau.

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