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Europazentralen in Rhein-Main : Schnell beim Kunden und im Heimatland

Gute Lage: KPMG im Squaire. Bild: Eilmes, Wolfgang

Unternehmen aus aller Welt betreiben im Rhein-Main-Gebiet ihre Europazentralen. Dafür gibt es viele Gründe - die Steuern sind es nicht.

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          Es sind große Worte, die der Sprecher der KPMG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft wählt: „The Squaire in Frankfurt ist der beste Standort in Europa.“ Seit Mai 2011 haben rund 2000 Mitarbeiter des Unternehmens ihr Büro in dem Gebäudekomplex über dem Fernbahnhof am Flughafen. Ein Wegweiser in der Eingangshalle sagt am besten, warum sich das Unternehmen entschlossen hat, hier seine Europazentrale zu eröffnen: London 1,5Stunden, Shanghai 10,5Stunden, steht dort zum Beispiel. „Durch die Anbindung an den Flughafen, die Bahn und die Autobahn können alle viel Reisezeit und Reisekosten sparen - nicht nur unsere KPMG-Fachleute in der ganzen Welt, sondern auch unsere Mandanten“, sagt der Sprecher.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          KPMG sitzt im Squaire besonders nah an allen Verkehrsknotenpunkten. Aber Europazentralen internationaler Unternehmen finden sich im ganzen Rhein-Main-Gebiet - dort ist für gute Anbindung an Kunden auf dem ganzen Kontinent und im Heimatland gesorgt. Gerade erst hat der japanische Kosmetikkonzern Kao bekannt gegeben, sein Europageschäft mit Marken wie Guhl und Goldwell künftig von Darmstadt aus zu betreiben. Bis 2013 will das Unternehmen nur wenige Meter von der Autobahn5 entfernt ein neues Verwaltungsgebäude für rund 330Mitarbeiter errichten, 15Millionen Euro soll es kosten. Der chinesische Autohersteller Brilliance möchte von Ginsheim-Gustavsburg aus den Kontinent erobern. Hyundai hat gerade seine Europazentrale in Offenbach erweitert. Der Chef der Frankfurter Wirtschaftsförderung, Peter Kania, weiß um die Vorteile solcher „European Headquarters“, wie er sie gerne nennt. „Es ist wichtig, solche Entscheidungszentren hier zu haben.“ Vor allem, wenn internationale Unternehmen über Neustrukturierungen im Ausland nachdächten, gingen sie doch selten so weit, dass sie ihre Europazentrale aufgäben oder verlegten.

          Steuerliche Begünstigungen durch die Niederlande

          Lange Zeit sei es fast unmöglich gewesen, Europazentralen für die Rhein-Main-Region zu gewinnen, berichtet Kania. Er führt das vor allem auf das unübersichtliche deutsche Steuersystem zurück. „Wir stellen die falschen Preise ins Schaufenster“, findet der Wirtschaftsförderer. Wegen der komplizierten Bemessungsgrundlage mancher Steuern sei es für internationale Unternehmen schwierig, die tatsächliche Steuerlast in Deutschland auszurechnen. Erst die Unternehmenssteuerreform vor einigen Jahren habe auch deutschen Städten im Wettbewerb um die Ansiedlung von Europazentralen wieder Vorteile verschafft.

          Doch die Niederlande zum Beispiel hätten Sonderregeln, die die Ansiedlung der Europazentralen für ausländische Unternehmen steuerlich begünstigten, sagt Kania. In Frankfurt gibt es dafür keine Ausnahmen und keine Subventionen. So hätten auch die Deutsche Börse und die New York Stock Exchange Euronext im Fall ihrer Fusion ihre Zentrale nach Amsterdam verlegen wollen - aus steuerlichen Gründen, wie es damals unter anderem hieß.

          „Das Gravitationszentrum in Europa ist Deutschland“

          Eine etwas eigenartige Organisation hat sich der amerikanische Großkonzern General Electric in Europa zugelegt. Zwar ist der offizielle Sitz der Europazentrale in Brüssel, und in München unterhält das Unternehmen sein europäisches Forschungszentrum. Doch Europachef Ferdinando Beccalli-Falco führt die mehr als 90.000 Mitarbeiter in Europa, Russland und Nordasien seit Anfang 2011 vom Opernturm in Frankfurt aus.


          „Das Gravitationszentrum in Europa ist Deutschland; es wird der Motor für das Wachstum sein“, sagte der Manager damals zur Wahl des Standorts. Natürlich würde der Italiener am liebsten nach München ziehen, doch er kennt nach eigenen Worten die Realitäten und Prioritäten: Frankfurt sei nun einmal das Wirtschafts- und Finanzzentrum in Deutschland.

          Nicht nur Vorteile

          Verschiedene Branchen haben ihre eigenen Magneten am Main. Die Europäische Zentralbank ist für viele Banken der Grund, zumindest ihre Geschäfte mit der europäischen Gemeinschaftswährung in Frankfurt zu bündeln. Die alle zwei Jahre stattfindende Internationale Automobilausstellung hat zum Beispiel für den koreanischen Autobauer Kia mit den Ausschlag gegeben, in die Mainmetropole zu kommen. Die großen Datenautobahnen, die in den Rechenzentren zusammenlaufen, haben eine Reihe internationaler Telekommunikations- und Internetunternehmen angezogen.

          Doch die hohe Dichte an Europazentralen hat nicht nur Vorteile. Denn auch wenn ein „European Headquarter“ größere Befugnisse und einen höheren Rang in einem internationalen Unternehmen hat als eine einfache Niederlassung oder Filiale, so bleibt eine solche Einheit doch aus dem Ausland ferngesteuert, wie etwa Hartmut Schwesinger hervorhebt, der Chef des regionalen Standortmarketings Frankfurt/Rhein-Main. „Ein sehr großer Teil der Arbeitsplätze in der Region ist dadurch abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung und von Entscheidungen außerhalb des Landes.“ Allerdings weist Schwesinger sicher nicht ohne Eigeninteresse auf diesen Umstand hin. Denn seine Antwort darauf ist, dass die Region ihr Image im Ausland gut pflegen sollte - und das ist Schwesingers eigener Job.

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