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Europawahl 2019 : Grüne in Frankfurt stärkste Kraft

Genießt den Triumph: Marcus Blocket hat für die Grünen ein historisches Ergebnis erzielt. Bild: Wonge Bergmann

Bei der Europawahl bestätigt sich der Höhenflug der Grünen auch in Frankfurt. SPD und CDU fahren schlechte Werte ein.

          3 Min.

          Die Nachricht des Abends überbringt Jan Schneider gegen 19.30 Uhr. Die Landessoftware zur Stimmeingabe ist stabil. „Das Wahl-Web Hessen läuft solide“, sagt der CDU-Politiker, der für die Organisation verantwortlich ist. Eine Überlastung dieses Systems bei der Landtagswahl im vergangenen Oktober war ein wesentlicher Grund für das Chaos damals gewesen.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zu diesem Zeitpunkt ist es im Römer so leer wie sonst nie an solchen Abenden. Die Europawahl zieht deutlich weniger Politiker und Journalisten an. Als um 18 Uhr die erste Prognose auf einem großen Bildschirm erscheint, jubeln fünf: Sie sind Mitglieder der Satirepartei „Die Partei“, die drei Sitze im Europaparlament gewinnen könnte. Das soll mit einigen Flaschen „Sonnebräu“ gefeiert werden, aber der Sprecher von Oberbürgermeister Peter Feldmann will ihnen den Alkohol untersagen. Die Jubler schert das wenig.

          Weit vorn sind die Grünen

          Das Stadtoberhaupt lässt sich bis in den späten Abend hinein nicht sehen. „Ist ja Europa“, sagt der Sprecher. Das stimmt, aber der Sozialdemokrat Feldmann hat sicher auch genug politisches Gespür, um zu ahnen, dass es für die SPD steil abwärtsgehen wird. Warum sich mit in den Sog begeben? Feldmann lässt später mitteilen, er freue sich über die höhere Wahlbeteiligung. Die ist von 44,5 Prozent im Jahr 2014 auf gut 60Prozent deutlich gestiegen. Trotzdem verliert Feldmann eine Wette mit der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, denn in Köln liegt die Beteiligung bei annähernd 64 Prozent. Nun muss Feldmann am Kölner Straßenkarneval teilnehmen.

          Weit vorn sind die Grünen. Sie schaffen gut 31 Prozent und lassen ihre städtischen Koalitionspartner in Schwarz und Rot weit hinter sich. „Das ist ein schönes Ergebnis“, sagt der Stadtverordnete Uwe Paulsen. Für Vorstandssprecher Bastian Bergerhoff zeigt das Abschneiden, „dass Klima und Umwelt endlich die Topthemen sind“, besonders für die jungen Leute, was sich an den „Fridays for Future“-Demonstrationen zeige. Da hätten die Grünen die größte Kompetenz. Derweil färbt sich die Stadtkarte auf dem Bildschirm immer grüner. Mit Blick auf das Gesamtergebnis sagt der Landtagsabgeordnete Marcus Bocklet: „Man muss das Wort historisch in den Mund nehmen.“ Zum ersten Mal in einer Wahl auf Bundesebene lägen die Grünen vor der SPD.

          SPD sackt auf 15 Prozent runter

          Bei den Sozialdemokraten ist die Stimmung düster. Auch in Frankfurt sackt die SPD auf rund 15 Prozent. Während die Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen die Schuld bei Martin Schulz sieht, der als „Selbstdarsteller“ zur Unzeit eine Debatte um die Führung der Bundestagsfraktion angestoßen habe, sieht das der hiesige Vize-Parteichef Oliver Strank anders: „Unserer Partei ist es nicht gelungen, auf die drängenden Zukunftsfragen wie den Klimawandel eine Antwort zu geben.“ Er finde es „lebensfremd, zu sagen, dass das mit der Parteispitze nichts zu tun hat“.

          Auch nicht fröhlich schauen die CDU-Leute drein. Ihre Partei dümpelt den Abend über immer knapp unter der 20-Prozent-Marke herum – und schafft den Sprung darüber am Ende nicht. 19,7Prozent, damit kann der Kreisvorsitzende Jan Schneider nicht zufrieden sein. „Da haben wir im Vorstand einiges zu besprechen“, sagt er. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Michael zu Löwenstein findet, dass das eigene Resultat „natürlich bei der nächsten Kommunalwahl deutlich besser werden muss“. Allerdings enthalte das Frankfurter Ergebnis bei der Europawahl auch kaum kommunale Elemente, sondern werde von bundespolitischen Themen dominiert. Das sehen an diesem Abend andere Politiker genauso.

          Stimmung bei den Linken ist gemischt

          Zum dritten Mal vergeblich hat Verena David kandidiert. Die CDU-Stadtverordnete wird auch in den nächsten fünf Jahren nicht im Europaparlament sitzen. Platz drei der Landesliste reicht nicht. In Europa dabei sein hingegen wird der hessische Spitzenkandidat Sven Simon, der kurz vorbeischaut. Der Gießener sieht seine Partei und die neue Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer durch das Ergebnis der Europawahl gestärkt.

          Die FDP bangt. Der eigene Spitzenmann Thorsten Lieb steht auf Platz sechs der Liste, bis in den späten Abend hinein sieht es allerdings so aus, als bekämen die Liberalen nur fünf Mandate. „Die FDP ist wie die Eintracht: Es entscheidet sich in letzter Sekunde“, meint die Fraktionschefin im Römer, Annette Rinn. In Frankfurt schafft die Partei aber immerhin fast acht Prozent, Lieb stellt sich auf einen sehr langen Abend ein.

          Bei den Linken ist die Stimmung mittel. Sie freuen sich weniger über die eigenen knapp sieben Prozent, sondern mehr über das schwache Ergebnis der AfD, die in Frankfurt ebenfalls nur knapp sieben Prozent holt. Der Stadtverordnete Martin Kliehm glaubt: „Bei der AfD, da ist der Zauber raus.“

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