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Esoterik und Aberglaube : Argumente gegen „Bullshit“

Wunderkugel: Am Sinn der Homöopathie hegen die Skeptiker große Zweifel. Bild: Frank Röth

Die Skeptiker Rhein-Main wollen Anhänger von Esoterik und Verschwörungstheorien von der Realität überzeugen. Doch manchmal hilft nur Kopfschütteln.

          Himalaya-Salz hat eine ganz andere Energie als gewöhnliches Salz. Im Zeichen des Steinbocks Geborene sind ernsthafte Menschen, jene mit Sternzeichen Löwe lebensbejahende. Wer erste Zeichen einer Erkältung spürt, sollte das homöopathische Mittel Umckaloabo nehmen. Was diesen Aussagen gemein ist? Sie sind wissenschaftlich nicht haltbar. Und sie treiben Holm Gero Hümmler auf die Palme. Hümmler ist promovierter Physiker und Mitglied der Skeptiker Rhein-Main. Er will esoterische Mittelchen und Verschwörungstheorien mit den Methoden der Wissenschaft entlarven.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          An einem Abend im Januar steht Hümmler auf der Bühne des Club Voltaire in der Innenstadt. Die Zuhörer drängeln sich von der Bühne im hinteren Teil des Kellergewölbes bis vorne an die Bar. Quantenmechanik und Relativitätstheorie, sagt Hümmler zum Publikum, würden oft bemüht, um abstruse Konzepte vermeintlich wissenschaftlich zu belegen. Hinter alldem steckt laut Hümmler das gleiche Schema. Die Autoren nehmen wissenschaftliche Begriffe und verwenden sie in ihrer Alltagsbedeutung. So werde etwa aus Masse Energie und daraus die Energie der Gedanken. „Das ist aus Sicht der Relativitätstheorie totaler Bullshit.“ In der Quantenphysik geht es um kleinste Teilchen, die sich auf eine Art und Weise verhalten, die nur schwer vorstellbar ist, wie er erklärt. So bestehe eine gewisse, wenn auch sehr geringe Wahrscheinlichkeit, dass ein Elektron innerhalb eines Atoms plötzlich hinter einem Hindernis in seinem Weg auftauche. „Das heißt aber nicht“, sagt er und deutet mit dem Finger neben sich, „dass ich durch diese Wand laufen kann.“

          „Die Bundesrepublik existiert gar nicht“

          Den meisten im Publikum gefällt das, sie lachen und klatschen. Nur einer sagt in der späteren Diskussion, ihm habe nicht gefallen, wie Hümmler die Esoteriker verspottet habe. Müsse man diese Menschen nicht ernst nehmen, sich konstruktiv mit ihnen auseinandersetzen? Hümmlers Position dazu ist eindeutig. „Manche Dinge muss man gar nicht erst lächerlich machen“, sagt er eine Woche später am Stammtisch der Skeptiker Rhein-Main, „die sind lächerlich.“ Er trägt diesmal ein T-Shirt, auf dem „Skeptiker“ steht, statt Hemd und Jackett wie während seines Vortrags.

          Wenn er über besonders abstruse Dinge spricht, dann leuchten seine Augen, etwa bei den Montagsdemonstranten, die im Frühjahr vergangenen Jahres Verschwörungstheoretiker anlockten, die der Meinung waren, die Bundesrepublik existiere gar nicht wirklich, weil sie anstelle einer Verfassung bloß ein Grundgesetz habe. Skepsis und Spott sollen auch Spaß machen, das gilt auch für den Stammtisch: „Immer noch skeptisch? Come to the dark side, we have Äppler and Handkääs!“ So werben die Skeptiker Rhein-Main im Kurznachrichtendienst Twitter für ihr monatliches Treffen.

          Bestimmte Bedürfnisse dahinter

          „Dass diese Montagsdemos untergegangen sind, haben wir wohl Pegida zu verdanken“, sagt Hümmler und lacht. Mit sieben Gleichgesinnten sitzt er in einer Kneipe in Bockenheim. Sie sind sich einig: Bestimmte wissenschaftlich unbegründete Haltungen, wie die der Impfgegner, seien gefährlich für die Gesellschaft. Wenn Eltern ihre Kinder nicht impfen ließen, gefährdeten sie damit nicht nur ihren eigenen Nachwuchs, sondern vor allem Kinder, die eine Impfunverträglichkeit hätten. Hümmler sagt aber auch: Über die Menschen, die viel Geld ausgeben, damit ihr Trinkwasser magnetisch behandelt oder ihre Zukunft vorhergesagt wird, dürfe man keine Witze machen. Sondern nur über diejenigen, die an deren Aberglauben viel Geld verdienen.

          Mit Aberglauben setzt sich Stephanie Dreyfürst beruflich und privat auseinander. Sie ist die einzige Frau am Tisch und Mitglied im Bundesvorstand der Skeptiker. Die promovierte Germanistin leitet das Schreibzentrum an der Goethe-Universität. Aberglaube von der frühen Neuzeit bis heute und wie er sich, etwa im Falle der Hexenverbrennungen, gegen Frauen richtet, das treibt sie um.

          Mit ihrem Jackett und dem dunklen Lippenstift ist sie deutlich eleganter gekleidet als die Männer in ihren Shirts, Fleecepullis und Hawaiihemden. Wenn jemand in ihrem Umfeld auf Scharlatane hereinfalle, versuche sie, sich nicht aufzuregen, sondern sich klarzumachen, welches Bedürfnis aus diesen Leuten spreche. „Wie kann man echte Wissenschaft in so gute Geschichten verpacken, dass Menschen sich für die Wirklichkeit interessieren und nicht für eine Phantasiewelt?“ Mit dieser Frage beschäftigt sie sich auch am Schreibzentrum.

          Vorwurf des Dogmatismus häufig

          Ihr gegenüber sitzt ein Mann mit Ohrring und Brillengestell mit Leopardenmuster. Er heißt Oliver Bechtoldt, arbeitet mit Computern und liest seit dreißig Jahren die Satirezeitschrift „Titanic“. Neulich, erzählt er Dreyfürst, habe er eine Esoterik-Messe besucht. Dort wurde etwa eine Art Wünschelrute verkauft, mit der man über ein Buch fahren sollte. Daran, wie sich die eigene Hand bewegt, soll zu erkennen sein, ob das Buch einem weiterhelfe. „Die Verkäuferin hat mir ernsthaft gesagt, das funktioniere auch am Bildschirm bei Amazon.“ Er ist nach einem Abendessen bei Freunden zu den Skeptikern gestoßen, bei dem es um vermeintlich krebserregende Süßstoffe ging. Das kam ihm komisch vor und als er im Internet recherchierte, stieß er immer wieder auf die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, wie die Skeptiker sich offiziell nennen.

          Kritiker würfen ihnen oft Dogmatismus vor, sagt Hümmler, aber das sei ungerechtfertigt. Denn irgendein Thema, bei dem er emotional und unsachlich sei, habe jeder Mensch, auch ein Skeptiker. Manche von ihnen glaubten an Gott. So verschieden die Skeptiker seien, so unterschiedlich seien auch die Menschen aus dem esoterischen Milieu. Oft seien sie aber eher überdurchschnittlich gebildet und verdienten gut. Während Engel und Alternativmedizin vor allem Frauen erreichten, verfielen Männer öfter Verschwörungstheorien. Generell bestehe im Milieu das Bedürfnis nach wissenschaftlichen Rechtfertigungen. Gerade die Physik sei beliebt, sagt Hümmler. Denn Quantenphysik und Relativitätstheorie seien anerkannte Wissenschaften, die der Intuition zunächst widersprächen.

          Oft reicht gesunder Menschverstand

          Allerdings ergibt es keinen Sinn, sie auf Alltagsgegenstände anzuwenden, wie er im Club Voltaire erklärt. Und Quantenmechanik habe mit der Quantenheilung, bei der das Energiefeld des Körpers durch Berührung auf Quantenebene geordnet werden soll, nichts zu tun. „Wenn jemand Ihnen erzählt, Sie brauchten die Quantenmechanik für Ihr tägliches Leben“, sagt er am Ende seines Vortrags zum Publikum, „dann fragen Sie sich bitte: Bestehen Sie aus wenigen hundert Teilchen und beträgt Ihre Körpertemperatur weniger als 270 Grad minus?“

          Manchmal reicht statt wissenschaftlicher Erkenntnisse aber auch der gesunde Menschenverstand, um zu verstehen, dass es nicht reicht, einen Menschen an zwei Punkten zu berühren, um ihn von jeglicher Krankheit zu heilen. Die Skeptikerin Stephanie Dreyfürst formuliert es so: „Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist es wahrscheinlich auch nicht wahr.“

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