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Geplante Börsen-Fusion : „Das reiche Eschborn wäre Geschichte“

  • -Aktualisiert am

Noch ist Licht an: Beim Neujahrsempfang der Deutschen Börse im Januar waren die Fusionspläne unbekannt. Bild: Wolfgang Eilmes

Eschborner Kommunalpolitiker sorgen sich wegen der möglichen Börsen-Fusion um die Wirtschaft der Stadt und sprechen bereits von „einer unvorstellbaren Katastrophe“. Nur vom Bürgermeister hört man wenig.

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          Die Diskussion über einen Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange hat unter Eschborner Kommunalpolitikern große Besorgnis ausgelöst. Nachdem der Stadt durch die Neuregelung des Kommunalen Finanzausgleichs 30 Millionen Euro im Jahr entzogen worden sind, befürchten die Kommunalpolitiker nun einen weiteren großen finanziellen Verlust. „Mehr Selbstbewusstsein“ hat deshalb gestern der Landrat des Main-Taunus-Kreises, Michael Cyriax (CDU), von der Frankfurter Börse eingefordert. Die Institution mit ihrer Zentrale in Eschborn dürfe am Finanzplatz nicht aufgegeben werden.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Er setze darauf, dass die Börsenaufsicht die Interessen Deutschlands und speziell die der Rhein-Main-Region beachte und vertrete, sagte Cyriax. Schließlich gebe es am Standort eine jahrhundertealte Börsentradition. Ein Wegzug der Zentrale nach London würde die hiesige Wirtschaft und den Ruf der Region schwächen. Es gebe im Main-Taunus-Kreis etliche IT-Unternehmen und andere Betriebe mit einer großen Zukunft. Der Börsenhandel sei wichtig, um deutsche Unternehmen mit Kapital zu versorgen. Er frage sich daher, warum London zum Unternehmenssitz werden solle.

          Eine „unvorstellbare Katastrophe für die Stadt“

          Während Eschborns Bürgermeister Mathias Geiger (FDP) nicht zu erreichen war, äußerten seine Vorgänger Wilhelm Speckhardt und Martin Herkströter (beide CDU) ihre Sorge: Falls die Börse die Region verlasse, seien verheerende Auswirkungen für den Finanzplatz Frankfurt und eine dramatische Entwicklung für die Finanzlage Eschborns und den gesamten Main-Taunus-Kreis zu erwarten, sagte Herkströter. Er rechne für diesen Fall mit Gewerbesteuerausfällen in zweistelliger Millionenhöhe. Der Verlust solcher Summen bleibe nicht ohne Folgen. Er befürchte, dass sich mit diesem „Big Bang“ der ohnehin schleichende Prozess einer Entwertung des Wirtschaftsstandort Eschborn weiter verschärfen würde.

          Von einer „unvorstellbaren Katastrophe für die Stadt“ sprach Speckhardt für den Fall eines Wegzugs der Börsenzentrale. Eine Fusion werde immer mit dem Ziel betrieben, Synergieeffekte zu erzielen. Er glaube aber nicht, dass der Standort Eschborn in Gänze in Gefahr sei. Man müsse abwarten, welche Abteilungen am Finanzplatz blieben und welche gegebenenfalls verlagert würden. Erst dann ließen sich die Folgen für Eschborn präzise einschätzen.

          Einsatz des Bürgermeisters vermisst

          „Wir müssen uns vorbereiten, und zwar gemeinsam und schnell“, fordert die SPD-Fraktionsvorsitzende Sabine Blum-Geenen und schlägt vor, eine „Task Force Börse“ einzurichten. In dieser Runde sollten sich außer Bürgermeister, Magistrat und Wirtschaftsförderung auch Vertreter der Stadtverordnetenversammlung einfinden. Jeden Kommunalpolitiker in Eschborn müssten die Fusionsversuche alarmieren, sagte Blum-Geenen weiter und fügte hinzu, es sei angesichts der drohenden Folgen „im Rathaus viel zu ruhig“. Sie sorge dieses Verhalten sehr, denn der Haushalt der schwarz-grünen Koalition weise schon jetzt ein Defizit von 9,5Millionen Euro aus. Hinzu komme die Belastung durch den kommunalen Finanzausgleich. Wenn in dieser Situation auch noch die Börse fusioniere und den Hauptsitz nach London verlagere, sinke der Gewerbesteuerertrag erheblich. Wie viele Arbeitsplätze in Eschborn und Frankfurt verlorengingen, sei außerdem unklar. Dass es zu Einschnitten komme, werde mit dem Wort Synergien als Ziel der Fusion „sehr vornehm umschrieben“, meint Blum-Geenen. Träten ihre Befürchtungen ein, dann „wäre das reiche Eschborn schon fast Geschichte“.

          Einfach die Hände in den Schoß legen und abwarten wäre das falsche Signal, sagte der CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfram Schuster. Allerdings gebe es noch keine validen Informationen: Die Stadtverordneten seien allein auf Spekulationen angewiesen. Er vermisse den Einsatz des Bürgermeisters. Der sei nun gefordert, sich für den Wirtschaftsstandort mit klaren Worten einzusetzen. Von einem Verwaltungschef müsse man erwarten, dass er bei der Geschäftsleitung der Deutschen Börse auf Informationen dringe, äußerte Schuster.

          Auf die schwer einschätzbare Gemengelage verwies auch der Erste Stadtrat Thomas Ebert (Die Grünen). Sollte die Börse tatsächlich den Standort Eschborn aufgeben, werde es schwierig, die laufenden Ausgaben im Haushalt zu finanzieren.

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