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Erziehung : Die Wiederentdeckung der Höflichkeit

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"Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr." Diese Spruchweisheit scheint ausgedient zu haben. Folgt man einer neuen Allensbach-Umfrage und den Aussagen von Eltern, Pädagogen und Politikern, müßte der zweite Teil heute eher lauten "...denn weiter kommt man nur mit ihr".

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          "Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr." Diese Spruchweisheit scheint ausgedient zu haben. Folgt man einer neuen Allensbach-Umfrage und den Aussagen von Eltern, Pädagogen und Politikern, müßte der zweite Teil heute eher lauten "...denn weiter kommt man nur mit ihr". 87 Prozent der vom Institut für Demoskopie in Allensbach Befragten gaben kürzlich an, Kinder sollten im Elternhaus "Höflichkeit und gutes Benehmen" lernen; 1992 lag dieser Wert noch bei 73 Prozent. An zweiter Stelle lag das Erziehungsziel "Ihre Arbeit ordentlich und gewissenhaft tun" mit 80 Prozent gegenüber 69 Prozent vor elf Jahren. Schon gibt es Schulen, in denen es einen Benimm-Unterricht gibt beziehungsweise bald geben soll.

          Pädagogen sehen als einen Grund für die gestiegenen Werte die Einsicht, daß nur der erfolgreich sein könne, der gewisse Mindeststandards einhalte. "Schlampig verfaßte Bewerbungen abzugeben, kann sich heute keiner mehr erlauben", urteilt etwa Helmut Deckert, Vorsitzender des hessischen Landesverbands Bildung und Erziehung. Diese Einschätzung teilen die Leiter zweier unterschiedlicher Schulen. Ursula Avery führt die Günderrode-Schule, eine Grundschule im Frankfurter Gallusviertel mit 250 Schülern aus 35 Nationen. "Die Eltern wollen in erster Linie, daß ihre Kinder später viel Geld verdienen. Sie merken immer mehr, daß Höflichkeit und gewissenhaftes Arbeiten hilft, dieses Ziel zu erreichen." Stephan Zalud, Direktor der Sankt-Angela-Schule, einer katholischen Mädchenschule mit 1050 Schülerinnen in Königstein, fügt hinzu: "Ein Unternehmen holt sich doch nur jemanden, der dem Arbeitsklima förderlich und teamfähig ist. Dazu sind nun einmal gewisse Umgangsformen erforderlich."

          Darüber, wie diese an der Schule eingeübt werden sollen, gibt es allerdings unterschiedliche Auffassungen. In dieser Woche beginnt am Schulzentrum Flämische Straße in Bremen der Unterricht in UBV (Umgang, Benehmen, Verhalten). Schulrektor Karl Witte ist es leid, daß sich die Schüler nicht mehr benehmen können. Schon im vergangenen Jahr hatte er versucht, Respektlosigkeit, Unpünktlichkeit und anderen Fehlverhaltens Herr zu werden, und gemeinsam mit Lehrern, Eltern und Schülern einen Grundregelkatalog verabschiedet, der (vermeintliche) Selbstverständlichkeiten regelt, zum Beispiel den pünktlichen Unterrichtsbeginn. Doch weder an diese erste noch an die 13 anderen Regeln hielten sich die Schüler durchgehend, so daß Witte UBV eingeführt hat, ein Pflichtfach für alle Fünftkläßler.

          Einen anderen Weg geht der saarländische Bildungsminister Jürgen Schreier (CDU). Obwohl er ein eigenes Benimm-Fach für falsch hält, will auch er demnächst Schülern ein besseres Verhalten beibringen - mit sogenannten Benimm-Bausteinen, Unterrichtseinheiten also, die in jeder Schulstunde eingesetzt werden könnten, falls dies nötig sei. "Zu einer guten Bildung gehört immer auch gesittetes Verhalten", begründet Schreier seine Initiative. "Wir brauchen einfach einen Bestand an unverzichtbaren Regeln, die auch eingeübt werden müssen."

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