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Darmstadt : Bezahlbarer Wohnraum für Flüchtlinge ist schwer zu finden

Erstaufnahme im Jahre 2015: eine Zeltstadt in Darmstadt. Bild: dpa

Statt 100 kommen heute nur noch fünf Flüchtlinge im Monat in Darmstadt an. Eine bezahlbare Wohnung für sie zu finden ist dennoch schwierig.

          Am Freitag, dem 14. August 2015, hatte Darmstadts Oberbürgermeister den Katastrophenschutz-Einsatzbefehl des Innenministeriums erhalten. Der besagte: Bis Sonntag muss die Stadt eine Zeltstadt für bis zu 250 Menschen aufbauen. Daraus wurde dann ein Erstaufnahmelager für bis zu 700 Flüchtlinge. In Darmstadt wurden 2015 während der Monate des großen Ansturms etwa 100 Flüchtlinge die Woche aus der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen nach Südhessen gebracht. Auch im Jahr 2016 waren es rund 3000 Zuweisungen.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Die von jetzt auf gleich errichtete Zeltstadt wird in die Annalen der Stadtgeschichte eingehen, weil es Stadtverwaltung, Polizei, Hilfsdiensten und Feuerwehr in Kooperation mit der Zivilgesellschaft tatsächlich gelungen ist, etwas schier Unmögliches möglich zu machen. Inzwischen sind die Herausforderungen anders gelagert. Statt 100 Menschen, so sagt Sozialdezernentin Barbara Akdeniz (Die Grünen), kommen heute im Schnitt nur noch fünf Flüchtlinge die Woche in Darmstadt an. Das hat dazu geführt, dass die in den vergangenen Jahren eingerichteten Erstwohnhäuser nicht mehr voll belegt sind. Zwischenzeitlich wurden einige von ihnen deshalb wieder geschlossen, zum Beispiel die Flüchtlingshäuser der Kelley-Barracks. Auch der als Wohnheim verwendete Schulcontainer am Donnersberg-Ring steht nun wieder für den Schulunterricht zur Verfügung. In den noch vorhandenen sechs Erstwohnhäusern, in denen Flüchtlinge bis zu ihrer Anerkennung bleiben müssen, ist Platz für 1946 Menschen. 1689 davon sind belegt.

          Fast 1000 von ihnen könnten sich allerdings eine eigene Wohnung suchen, weil ihr Status als Flüchtling anerkannt ist und sie das Recht auf soziale Leistungen haben sowie die Optionen, sich eine Beschäftigung zu suchen. Der Wechsel vom Erstwohnhaus in den regulären Wohnungsmarkt stellt sich jedoch als schwierig da. „Das ist für uns heute die große Herausforderung angesichts der angespannten Wohnungslage“, sagt Akdeniz. Insgesamt stünden im Wohnungsamt 2800 Haushalte auf der Warteliste. Die dezentrale Unterbringung der Flüchtlinge sei zwar das politische Ziel in Darmstadt. Es lasse sich aber nur behutsam umsetzen, weil es angesichts des Mangels an bezahlbarem Wohnraum darauf ankomme, auf einen „sozial gerechten Schlüssel“ zu achten. Nach Stand waren bis Anfang dieses Monats (April) 296 Personen dezentral in Wohnungen untergebracht.

          Stadtverwaltung sucht nach Wohnraum

          Die Stadtverwaltung sucht daher wie 2015 weiter nach Wohnraum. Und sie steht dabei unter einem gewissen Druck, der freilich mit der damaligen Situation nicht ganz zu vergleichen ist. Da die Cambrai-Fritsch-Kaserne und die Jefferson-Siedlung, die dieses Jahr ins Eigentum der Stadt gekommen sind, zu einem neuen großen Wohngebiet umgestaltet werden sollen, müssen Alternativen gefunden werden für die rund 800 Flüchtlinge, die noch in der ehemaligen Jefferson-Militärsiedlung leben. „Das ist die Herausforderung der nächsten Zeit“, sagte die Dezernentin.

          Ansonsten heißen die beiden anderen wichtigen Integrationsstichworte „Arbeit“ und „Sprache“. Beides hängt unmittelbar zusammen. „Die Flüchtlinge, die eine gute Vorbildung hatten, sind meistens schon am Arbeitsmarkt angekommen“. Schlechte Sprachkenntnisse führten hingegen in die Langzeitarbeitslosigkeit. Genau Zahlen über die vergangenen vier Jahre liegen der Stadt nicht vor. Für 2018 verzeichnete das Jobcenter 359 „Integrationen“ von Menschen mit Fluchthintergrund, von denen 149 „bedarfsdeckend“ waren. Das heißt, das Jobcenter erbrachte keine weitere Leistungen, weil die Arbeit ausreichend bezahlt wurde.

          Die vom Bundesfinanzminister angestoßene Diskussion um eine „Flüchtlingspauschale“ sieht Akdeniz kritisch. „Das wäre für uns eine totale Verschlechterung.“ Die Stadt habe investiert in Schulen, Kitas und psychosoziale Betreuung, es gebe spezielle Kulturangebote, Kooperationen mit Sportvereinen und die Unterstützung durch ehrenamtliche Helfer. „Damit kann man uns jetzt nicht alleinlassen.“ Wie sehr dieses Netz der Hilfe noch in Anspruch genommen wird, zeigen die Zahlen des Sozialkritischen Arbeitskreises, der als freier Träger der Jugendhilfe Flüchtlinge berät und betreut. Im vergangenen Jahr wurden jeden Monat im Schnitt 970 Beratungen in Anspruch genommen.

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