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Strohballenhaus in Frankfurt : Mäuse haben keine Chance

Holzhammer-Methode: Markus Berger (vorne) und Tobias Busch bringen die Strohballen in Form. Bild: Wonge Bergmann

In Eschersheim entsteht ein Haus aus Stroh: Ein Architektenpaar nutzt statt Styropors natürliches Dämmmaterial. Das schont die Umwelt und hat noch mehr Vorteile.

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          Im Märchen mit den drei kleinen Schweinchen geht die Sache nicht gut aus. Eines von ihnen baut ein Haus aus Stroh, doch als der böse Wolf kommt und einmal kräftig pustet, fliegt die Hütte davon. So schutzlos wie der Bauherr im Märchen werden die Bewohner des Strohballenhauses in Eschersheim nach einem Windstoß aber nicht dastehen. Ihr Haus hat stabile Wände aus Stein, Lehm und Holz, das Stroh wird nur als innere Dämmschicht verwendet. Rund 150 solcher Häuser gibt es bisher in Deutschland. Nun entsteht auch eines in Frankfurt.

          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Architektenpaar Stefanie und Hans-Dieter Rook hat die Feldscheune vor drei Jahren in Eschersheim entdeckt. Sie wurde 1878 als frei stehende Scheune gebaut, als der Stadtteil noch ein Bauerndorf war und ringsum Felder lagen. 1919 wurde ein Wohnhaus angebaut. Heute liegt das unscheinbare Ensemble im Ortskern und ist von allen Seiten umbaut. Zuletzt lagerten Straßenhändler in der Scheune ihre Billigware – Plastik-Sonnenbrillen und anderen Ramsch.

          Kampf gegen das „Birkenstock-Image“

          Zunächst wollten die Rooks das marode Gemäuer abreißen. „So, wie alle es machen: Abreißen, vier Reihenhäuser hinsetzen, das Übliche“, sagt Stefanie Rook. Doch dann kam ihnen ein besserer Gedanke: Sie bauen die Scheune um und stocken sie auf. So entstehen vier Wohneinheiten mit separaten Dachgärten. Hinter die Außenwand setzen die Architekten eine mit Stroh gedämmte zweite Wand. Die Trennwände der Wohnungen werden ebenfalls mit Stroh ausgefacht. So bleibt es innen schön warm, ganz ohne Styroporplatten.

          Die Rooks haben einen Sinn für Ökologie. Sie interessieren sich für eine energieeffiziente, ressourcenschonende Bauweise. Ihr 2008 im Nordend errichteter Scheffelhof – für eine Bauherrengruppe entstanden zehn Stadthäuser im Passivhausstandard – erhielt den „Green Building Award“ der Stadt. Anders als dort ist das Dämmmaterial im Strohballenhaus aber biologisch abbaubar und wächst ganz natürlich auf den Feldern. Einer der zukünftigen Bewohner hat das Stroh vermittelt, es stammt von den Feldern eines Familienmitglieds. Hans-Dieter Rook kämpft gegen das „Birkenstock-Image“, das solchen Baustoffen anhaftet. Er fühlt sich der Architektur der klassischen Moderne verpflichtet – mit großen Fenstern, Flachdächern und Dachgärten.

          Lehm gegen die Mäuse

          In der Scheune riecht es wie auf einem Bauernhof. Denn noch ist das Stroh nicht verbaut, sondern lagert im Erdgeschoss und verströmt seinen Geruch. Der Einbau ist aufwendiger, als Styroporplatten vor die Fassade zu kleben. Im zweiten Stock schwingen zwei Handwerker eines auf natürliche Baustoffe spezialisierten Betriebs einen schweren Holzhammer. Tobias Busch und Markus Berger pressen die Strohballen in die Holzständer-Konstruktion. Mit einem Seilspanner werden die Halme noch etwas dichter zusammengedrückt. Danach verschwinden sie hinter einer Schicht aus Lehmputz. So erfüllen die feuerhemmenden Trennwände die im Wohnungsbau geltenden Brandschutzanforderungen. Und Mäuse haben keine Chance.

          Im Herbst soll das Haus fertig sein. Die Rooks ziehen mit ihren Kindern selbst ein, neben einer befreundeten Familie. Ein Paar hat die dritte Wohnung gekauft, die vierte wird vermietet. Ein Bewohner freut sich schon, nach Jahren im gentrifizierten Nordend in Eschersheim „wieder unter normalen Menschen zu leben“.

          Vorteile von Baugruppen

          Die Rooks stellen auch unter Beweis, dass eine Bauherrengruppe preiswerter baut als mancher Bauträger. „Die Wohnungen sind günstiger als das, was um uns herum verkauft wird“, sagt Hans-Dieter Rook. Ein Quadratmeter Wohnraum im Strohballenhaus koste etwas mehr als 3400 Euro. Der durchschnittliche Preis einer Neubauwohnung beträgt in Frankfurt 4500 Euro pro Quadratmeter. „In der Gruppe wird das Bauen wieder für Menschen erschwinglich, die es sich normalerweise nicht leisten können“, sagt der Architekt. Außerdem seien Baugruppen offen für Neues.

          Die Stadt will solche Experimente mit ihrem neuen Liegenschaftsfonds fördern. „Wir suchen nach Grundstücken, um sie Baugruppen zu vermitteln“, sagt Planungsdezernent Olaf Cunitz (Die Grünen), der die Baustelle schon besichtigt hat. „Es ist faszinierend zu sehen, was alles geht.“ Doch man brauche auch ambitionierte Architekten, die bereit seien, nach Eschersheim oder Griesheim zu ziehen.

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