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Flohmarkt für Straßenschilder : Sackgasse von Andy Warhol

  • -Aktualisiert am

Hier werden Erinnerungen wach: Flohmarktgäste in Mainz auf Schildersuche Bild: Cornelia Sick

Beim ersten Mainzer Straßenschilderflohmarkt geht es auch um die existentielle Frage: Besucher sind nicht nur auf der Suche nach ehemaligen Wohnorten, sondern haben auch ein Auge für Orte, an die sie keine Erinnerungen haben.

          Annette Siegismund steht vor einem der großen Metallkörbe und klappt Schilder um. Das mit dem weißen Auto auf blauem Grund und dem dicken diagonalen roten Strich ist schon mal nicht schlecht. „Wir suchen etwas fürs Zimmer unseres Sohnes“, sagt sie. Der Kleine ist zwölf Jahre alt, schön bunt soll es sein und im Optimalfall etwas mit Fahrrädern zu tun haben. Wobei: „Ende der Kraftfahrstraße“ macht auch was her und geht sicher als „Autos verboten“ durch.

          Die Siegismunds sind an diesem Morgen nicht alleine auf dem Betriebshof der Mainzer Straßenverkehrsbehörde. Schon eine halbe Stunde vor Beginn des ersten Straßenschilderflohmarkts warten fast 100 Interessierte vor dem Tor, im Laufe des Tages durchforsten an die 500 Besucher die Körbe, in denen rund 500 ausrangierte Verkehrs- und 300 Straßennamenschilder feilgeboten werden.

          „Wir sind überwältigt von dem Andrang“

          „Die Schilder lagen bei uns im Keller, und normalerweise werden sie einmal im Jahr mit anderen Metallgegenständen wie kaputten Pollern verschrottet“, erzählt Udo Beck, der Abteilungsleiter der Behörde. „Irgendwann kam aus dem Stadtrat die Anregung, man könne doch einen Flohmarkt veranstalten und den Erlös für einen guten Zweck spenden.“

          Beck gesteht, zunächst dem Vorhaben skeptisch gegenübergestanden zu haben; seine Mitarbeiter und er hätten befürchtet, unter sich zu bleiben. „Ein Irrtum“, sagt er begeistert, „wir sind überwältigt von dem Andrang und den positiven Reaktionen. Normalerweise schimpfen die Leute mit uns, weil wir zum Beispiel Halteverbote einrichten.“

          Dennoch zufrieden

          Was erstaunt: Die Schilder mit den Straßennamen sehen mitunter aus wie neu. „Sind sie auch“, bestätigt Beck. „Einige waren auf Vorrat produziert worden, werden jetzt aber nicht mehr gebraucht. Sie entsprechen nicht der inzwischen vorgeschriebenen Verkehrsschrift.“ Den Suchenden ist das egal, sofern die Schilder den gewünschten Schriftzug tragen. Doch so unterschiedlich wie die Motive sind auch die Motivationen. Klar, ganz oben auf den Prioritätenlisten stehen meist Straßen und Plätze, in oder an denen man wohnt oder gewohnt hat.

          Peter Kroh kramt aus diesem Grund nach der Carl-Benz-Straße, findet sie zwar nicht, ist aber dennoch hochzufrieden. Entdeckt hat er nämlich die Uwe-Beyer-Straße – und das sei für ihn als sportbegeisterten Mainzer „das Coolste, was ich abgreifen konnte“. Beyer, Leichtathlet des USC Mainz, war unter anderem Olympiadritter im Hammerwurf; dem Kinopublikum wurde er später als Siegfried in „Die Nibelungen“ bekannt.

          Zwischen fünf und dreißig Euro erbitten die städtischen Mitarbeiter pro Schild, feilschen ist erlaubt. Bisweilen sorgt die Auswahl der Käufer für Verwunderung. „Vorhin hat jemand ein Sackgassenschild mitgenommen“, sagt ein städtischer Mitarbeiter. „Dass es total verblichen war, hat ihn nicht vom Kauf abgehalten. Er hat gesagt, er fühle sich an ein Werk von Andy Warhol erinnert.“ Gar keine Erinnerungen verbindet eine junge Frau mit der Richard-Schirrmann-Straße. Dass sie das blaue Schild dennoch ersteht, hat einen geradezu existenziellen Grund: „Da bin ich entstanden.“

          Nach vier Stunden haben rund 250 Straßennamen- und 300 Verkehrsschilder die Besitzer gewechselt, in der Kasse liegen laut Beck 5264,40 Euro, über die sich jetzt der in Mainz ansässige Verein „Armut und Gesundheit in Deutschland“ freuen kann. Für all jene, die auf der Suche nach ihrem Wunschmotiv nicht fündig geworden sind, hat der Behördenchef noch einen Tipp: „Wenn Sie ein Straßenschild umfahren, können sie es im nächsten Jahr hier abholen.“ Dass dabei das Auto einen Schaden erleide, müsse man allerdings in Kauf nehmen.

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