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Hessische Dokumentarfilmtage : Kunstblick auf die Wirklichkeit

Generationen: Hannes Karnick, Thomas Frickel, Melanie Gärtner und Yasmin Rams (von links) Bild: Wolfgang Eilmes

Seit 40 Jahren gibt es die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm. An ihrem Sitz in Frankfurt organisiert sie nun den Dokumentarfilmtag – und will jünger werden.

          3 Min.

          Der Satz ist 40 Jahre alt: „Was wir brauchen, ist eine lebendige Dokumentarfilmkultur.“ Thomas Frickel kann ihn bis heute so stehen lassen. Der Rüsselsheimer Dokumentarfilmer ist seit 1987 geschäftsführender Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm, kurz AG Dok genannt. 1980 wurde der Verband, der heute mit 900 Mitgliedern der größte Interessenvertreter der deutschen Filmlandschaft ist, nach der „Duisburger Erklärung“ von gut 80 Filmemachern gegründet, seit 1984 hat er, nach vier Jahren am Filmhaus Hamburg, seinen Sitz in Frankfurt. Grund genug, das vierzigjährige Bestehen nicht nur mit Veranstaltungen an verschiedenen Standorten und einem Festakt am 27. Februar während der Berlinale zu feiern. Zum Jubiläum hat der hessische Regionalverband auch den ersten Hessischen Dokumentarfilmtag aufgelegt, der am 26. Januar in neun hessischen Programmkinos stattfindet. „Näher an der Wirklichkeit“ lautet sein Titel.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Traditionell ist Hessen eine starke Region für den Dokumentarfilm. Der hessische Filmemacher Hannes Karnick, bis heute Leiter der AG Dok Hessen, saß schon 1980 im Gründungsvorstand des Bundesverbandes. In Hessen sind etwa 80 Mitglieder organisiert. Gerade deshalb freut Karnick sich darüber, dass die Jüngeren, zumal die lose Arbeitsgruppe „Junge Generation hessischer Film“, sich mehr und mehr in die Lobbyarbeit einbringen. Was, wie die hiesigen Dokumentarfilmerinnen Melanie Gärtner und Yasmin Rams sagen, auch etwas damit zu tun hat, dass Karnick seine Kollegen animiert, sich zu engagieren. Das kann auch Frickel bestätigen, der einst von Karnick dazu eingeladen wurde, sich im Vorstand der AG Dok zu engagieren. Nun hat Karnick, Jahrgang 1947, die beiden jungen Filmemacherinnen kräftig an der Planung des ersten Hessischen Dokumentarfilmtags beteiligt.

          Dass Gärtners Film „Yves’ Versprechen“ (2017) und Thomas Frickels „Deckname Dennis“ (1995) unter den acht ausgewählten Filmen sind, hat aber nichts mit Eigenlob zu tun: Die Arbeitsgruppe hatte einen größeren Katalog verfügbarer Filme zusammengestellt, die neun Kinos, von Witzenhausen über Wiesbaden bis Kassel, haben selbst ausgewählt.

          Dokumentarfilm wird anders wahrgenommen

          Darunter ist auch die 2002 entstandene dreiteilige Fernsehproduktion „Familienkrieg“ von Reinhard Schneider, die eine Familie porträtiert, deren Sohn zum Rechtsradikalen wird. Sie ist erstmals im Kino zu sehen, das wegen des kollektiven Seherlebnisses nicht nur für Karnick die bestmögliche, aber bei weitem nicht die einzige Form ist, Dokumentarfilme zu zeigen. Eine Serie wie „Familienkrieg“ sei heute in den öffentlich-rechtlichen Sendern kaum mehr möglich, sind sich die AG-Mitglieder einig. Und einen Dokumentarfilm zur besten Sendezeit zu zeigen, wie es noch stattfand, als Filmemacher wie Michael Moore bekannt wurden, sei heute unvorstellbar, so Karnick. Wichtig ist nicht nur Frickel, der auch dem satirischen Dokumentarfilm verpflichtet ist, die Unterscheidung zwischen dem Genre der Dokumentation, dem Brot-und-Butter-Geschäft des Fernsehens, und dem Dokumentarfilm, der eine „künstlerisch umgesetzte Gestaltung von Wirklichkeit“ sei. Schon im Gründungsdokument der AG Dok ist zu lesen: „Das Fernsehen hat den Dokumentarfilm zum bebilderten Journalismus degradiert.“ Auch diesen Satz können Karnick und Frickel bis heute unterschreiben.

          Trotzdem sei sehr viel erreicht worden in 40 Jahren Verbandsarbeit. Das reicht von gleichberechtigter Förderung und Beteiligung an Festivals über die Aufnahme in den deutschen Filmexport German Films, der lange Zeit nur Spielfilmen vorbehalten war, bis zur Gremienarbeit. „Wir sind dort angekommen, wo wir hinwollten.“ Auch wenn immer noch sehr viel zu tun sei, versichert Karnick. Er will sich noch nicht ganz aus dem Geschäft zurückziehen. Frickel aber hat, nach beinahe 34 Jahren an der Spitze der AG Dok, beschlossen, nicht mehr zu kandidieren. Mit seinen Essays ist er einer der meinungsstarken Köpfe, auch was die Kritik an der Filmpolitik der öffentlich-rechtlichen Sender angeht. Im November hat die AG Dok unter dem Titel „Transparenz oder Geheimnis?“ den ersten einer auf vier Teile angelegten Untersuchung zu den Finanzen der öffentlich-rechtlichen Sender vorgelegt. Dass gerade die Dokumentarfilmemacher sehr niedrige Gagen erhalten, ist ein Dauerthema des Verbandes. „Die Dokumentarfilmer sind die Parias der Medienbranche“, sagt Frickel. Mit einem Langfilm, rechnet er vor, an dem zwei Jahre voll gearbeitet werde, seien allenfalls 20 000 Euro Verdienst zu erzielen. Mit 20 000 Euro Fördergeld der Hessen Film und Medien GmbH hingegen ist der erste Hessische Dokumentarfilmtag unterstützt worden, weitere sollen folgen. Und die Domain „dokumentarfilmtag“ hat sich der Verband auch gesichert – für einen eventuellen bundesweiten Kinotag. Es bleibt also dabei, dass von Hessen aus für den Dokumentarfilm gearbeitet wird.

          Der Hessische Dokumentarfilmtag findet am 26. Januar erstmals statt, Informationen zu Orten und Programmen gibt es im Internet unter der Adresse hessischer-dokumentarfilmtag.de.

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