https://www.faz.net/-gzg-6z499

Erste „Heute“-Sendung : Nachrichten aus Telesibirsk

Richtungsweisend: Das ZDF sendete aus Baracken einer Ziegelei. Bild: Kaufhold, Marcus

Vor fast 50 Jahren wurde „Heute“ zum ersten Mal gesendet - aus einem provisorischen Studio des ZDF in Eschborn.

          Wenn sich Karl Holzamer von seinem Mainzer Büro in das Studio nach Eschborn chauffieren ließ, lagen für ihn im Fond des Fahrzeugs stets Gummistiefel bereit. Manchmal schlitterte der erste ZDF-Intendant vorbei an einer Herde grasender Schafe über nach Regengüssen nahezu unbegehbar schlammige Wege ins Nachrichtenzentrum. Zugig und kalt seien die Baracken gewesen, Hinterlassenschaft einer ehemaligen Ziegelei, sagt Rudolf Radke. Der 86Jahre alte frühere Leiter der ZDF-Hauptabteilung „Tagesgeschehen“ lebt in Königstein und erinnert sich mit einigem Grausen an die mühevollen Anfänge des Zweiten Deutschen Fernsehens vor 50Jahren. Improvisation sei bei den ersten Probesendungen, die von 1962 an in Eschborn produziert wurden, Trumpf gewesen, erinnert sich Radke. Da sich das Fernsehen erst entwickelte, gab es weder unter den Journalisten noch unter den Moderatoren richtige TV-Experten. Trotz seiner Unwirtlichkeit wurde das Fernsehstudio in Eschborn zunächst aber benötigt.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Die Vorlage gab Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), der sich über die seiner Ansicht nach einseitige Berichterstattung aus den Ländern ärgerte. Im Dezember 1958 wurde deswegen in Wiesbaden die Freies Fernsehen GmbH (FFG) gegründet, die mit den Vorbereitungen für den Aufbau eines zweiten deutschen Fernsehprogramms beginnen sollte. Adenauer wollte eine privatrechtliche Struktur aufbauen und damit die Kulturhoheit der Länder brechen - aber er scheiterte mit diesem Plan.

          Radke war ein Greenhorn

          Zurück blieben die voll ausgestatteten Eschborner Studios, die Baracken waren von der FFG auf einem 17.000 Quadratmeter großen Grundstück der ehemaligen Ziegelei Rübsamen gekauft worden. Statt auf Sendung ging die provisorische Sendeanstalt in die Liquidation, wie Eschborns Stadtarchivar Gerhard Raiss die seinerzeit recht unübersichtliche Gemengelage zusammenfasst. Jedenfalls nutzte das unterdessen auf Betreiben von fünf Ministerpräsidenten gegründete ZDF die Eschborner Ressourcen nur allzu gerne. So wurden alle 49 Beschäftigten der FFG, Gelände, Baracken und vorproduziertes Filmmaterial für 330 Sendestunden zum Preis von zehn Millionen Mark (knapp fünf Millionen Euro) vom ZDF übernommen. Insgesamt wollte der Sender laut Raiss etwa 20 Millionen Mark in Eschborn investieren.

          Einer, der nicht als absolutes Fernseh-Greenhorn nach Eschborn kam, war Radke. Er hatte zuvor als Bonn-Korrespondent des Senders Freies Berlin Erfahrungen gesammelt und musste sich jetzt an die teilweise abenteuerlichen Produktionsverhältnisse in Eschborn gewöhnen. Bei Eiseskälte bildeten sich in den Büros lange Eiszapfen; die Holztüren verzogen sich so, das die Räume mitunter nur durch die offenen Fenster betreten oder verlassen werden konnten, wie sich Radke erinnert. Die Ansagerinnen mussten sich mit einem beheizbaren Campingwagen begnügen, der auch als Schminkraum diente. Einen vergitterten Gefängniswagen, den die Bundesbahn der ZDF-Dependance als Arbeitsraum angepriesen hatte, lehnte Radke dankend ab: „Als ich die Gitter vor den Waggonfenstern sah, machte ich stinksauer auf dem Absatz kehrt“, sagt er.

          Das ZDF konzentrierte sich auf den Mainzer Lerchenberg

          Während der Filmaufnahmen störte auch das Pfeifen der Dampflokomotiven, die auf der nahe gelegenen Bahnstrecke Frankfurt-Kronberg fuhren. Die Crew habe all das mit Galgenhumor genommen, sagt Radke. Die Mitarbeiter hätten die Eschborner Fernsehdiaspora „Telesibirsk“ genannt. Sportmoderator Wim Thoelke habe sich sogar einmal an ein „Gastarbeiterlager“ erinnert gefühlt.

          Originell gestaltete sich im vordigitalen Zeitalter der tägliche Kampf um Aktualität. Radke, der, mit Kollegen in einem Niederhöchstädter Biergarten sitzend, den Titel „Heute“ für die ZDF-Nachrichtensendung erfand, schickte stets seinen Produktionsleiter auf die Schafswiese. Dort hielt dieser Ausschau nach roten Beuteln, die ein Sportflugzeug über dem Studio abgeworfen hatte und die gefüllt waren mit Filmen über aktuelle Ereignisse oder Sportveranstaltungen. Die Pionierjahre seien sehr anstrengend gewesen, gesteht Radke. Einmal brach in den Baracken Feuer aus, dann versagten sämtliche Abspulmaschinen, und die meisten Journalisten, die für die Moderation vorgesehen waren, erwiesen sich vor der Kamera als ungeeignet.

          Nach einem Jahr wurde „Heute“ am 1.April 1963 erstmals aus Eschborn gesendet. Aber schon ein Jahr später war es wieder vorbei, das ZDF konzentrierte sich auf den Mainzer Lerchenberg. Radke trauerte „Telesibirsk“ nicht nach: Er sei froh gewesen über das Ende des Provisoriums. An die Anfänge des Zweiten Deutschen Fernsehens erinnert heute nur noch verblichenes Bildmaterial. Wo „Heute“ produziert wurde, grasen auch keine Schafe mehr. Dort stehen Hochhäuser, eine Grundschule und ein Kindergarten.

          Weitere Themen

          Hessen geht gegen Hetze im Netz vor

          Hass-Kommentare : Hessen geht gegen Hetze im Netz vor

          Um Hass-Kommentare im Internet zu bekämpfen, will die hessische Landesregierung ein Meldesystem aufbauen. „Auch im Netz ist die Würde des Menschen zu wahren“, betont Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU).

          Topmeldungen

          Reformpaket gegen Klimawandel : Der Tag der Entscheidung

          Nach monatelangen Debatten steht die Bundesregierung vor einer klimapolitischen Richtungsentscheidung. Verschiedene Maßnahmen stehen zur Wahl. Eine Übersicht.

          „Downton Abbey“ im Kino : Flucht in die heile Adelswelt

          „Downton Abbey“, der Kinofilm, ist das polierte Produkt der Brexit-Jahre: ein nostalgischer Blick auf die Welt des englischen Adels und eine Aufforderung, sich vor der politischen Gegenwart zu verstecken.
          Eine Insel mit zwei Bergen – auch Jim Knopf wird zuverlässig zugestellt.

          Paketzustellung : Zahlen Inselbewohner bald extra?

          Fürs Porto gilt bislang: Alle zahlen gleich viel, solang nach Deutschland versendet wird. Doch Pakete auf Inseln zu bringen, wird der Post inzwischen zu teuer. Sie erwägt einen Zuschlag – doch dagegen gibt es Proteste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.