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Jungfernfahrt der Mainzelbahn : Mit der „Elektrisch“ auf den Lerchenberg

  • -Aktualisiert am

Fotogen: Die Mainzer freuen sich auf und über die neue Straßenbahnlinie. Bild: Cornelia Sick

Die Mainzelbahn hat ihre erste Fahrt gemeistert. Als Belohnung warteten überdimensionale Mainzelmännchen. Von Montag an muss sich das neue Angebot im Berufsverkehr bewähren.

          Nein, ein Nebelhorn hat die Mainzelbahn auf ihrer Jungfernfahrt dann doch nicht gebraucht. Auch wenn das trübe Wetter am frühen Samstagmorgen den Gedanken zunächst vielleicht nahegelegt hatte. Doch Petrus spielte mit und bescherte den geladenen Gästen und den 999 Freikarten-Gewinnern eine auf weiten Strecken sonnige Mainzeltram-Premiere. Kurz nach zehn Uhr verließ der erste Zug, dem am Samstag noch viele weitere folgen sollten, das Depot der Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG) Richtung Lerchenberg.

          Der Stadtteil ist der Endpunkt einer neuen Straßenbahntrasse, die in den vergangenen zweieinhalb Jahren entstand. Die 9,2 Kilometer lange Strecke mit 15 neuen Stationen plus Bedarfshalt am Fußballstadion beginnt am Rand der Innenstadt kurz hinter der Haltestelle Hauptbahnhof West. Hier zweigt der Ast vom alten Streckennetz ab und führt dann die Saarstraße hinauf zur Universität. „Die Verkehrsteilnehmer müssen sich noch daran gewöhnen, wo die Straßenbahn fährt“, so MVG-Chef Jochen Erlhof.

          Vorbei an Äckern und Apfelbäumen

          Weiter ging die Tour über den nördlichen Campus, dann vorbei an der Fachhochschule und am Stadion. Doch im dichten Nebel ließ sich die Fußballarena bloß erahnen. Mainzelbahn-Projektleiter Johannes Köck, der in die Rolle des Tramfahrers geschlüpft war, steuerte den Premierenzug über die Gleise weiter nach Bretzenheim und durch den Stadtteil. Die „Elektrisch“ sorgte bei vielen Passanten und Autofahrern für erstaunte Blicke. Ein Mann spendete spontan Beifall, ein anderer hupte und hob den Daumen. An einigen Stellen hatten sich Schaulustige mit Kameras postiert. Sie wollten einen Schnappschuss von der ersten offiziellen Fahrt der Mainzelbahn machen, die zuvor lediglich zu Testzwecken ausgerückt war.

          In Bretzenheim liegt der einzige Abschnitt, in dem sich Bahnen und Autos wegen der engen Bebauung die Straße teilen müssen. „Die Anlieger waren stark betroffen, teils waren Grundstücke ein halbes Jahr nicht per Auto erreichbar“, sagte Erlhof über die Bauarbeiten. Auf einer neuen Brücke ging es dann über die Autobahn A 60 nach Marienborn. Inzwischen war sogar die Sonne herausgekommen. Es folgte eine Landpartie vorbei an Äckern und Apfelbäumen hinauf zum Lerchenberg.

          „Zukunftsmotoren“ verbinden

          An der Endhaltestelle Hindemithstraße empfingen eine Blaskapelle und zwei überdimensionierte Mainzelmännchen die erste Tram, die kurz darauf ein Banner durchfuhr und so die Strecke offiziell eröffnete. Mehr als 30 Minuten hat die Fahrt vom Hauptbahnhof West bis hierher gedauert. Wenn sich die Abläufe eingespielt haben und alle Vorrangschalten in Betrieb sind, wird die normale Fahrzeit laut MVG künftig 21 Minuten betragen. In den nächsten Wochen sind laut Erlhof an der Trasse noch Restaufgaben zu erledigen, etwa Pflasterarbeiten. Im Frühjahr sollen die drei Kilometer Rasengleise begrünt werden und dann ihrem Namen Ehre machen.

          „Da quietscht nichts“, beschrieb Verkehrsdezernentin Katrin Eder (Die Grünen) die Fahrt in der Premierenbahn und lobte den „super Fahrkomfort“. Schienengebundene Verkehrsmittel seien eben bequemer als Busse. Die Politikerin freute sich sichtlich darüber, dass die Mainzeltram erfolgreich in Betrieb ging. Schon seit der Testfahrt warte sie mit einem Dauergrinsen auf, bekannte Eder wenig später in einer Feierstunde – und versicherte, „nichts genommen“ zu haben.

          Von einem großen Schritt, um den öffentlichen Nahverkehr zukunftsfähig zu machen, sprach Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD). Schließlich stiegen in Mainz Einwohner- und Fahrgastzahlen. Die Mainzelbahn verbinde „Zukunftsmotoren“ wie die Universität, die Fachhochschule und das ZDF miteinander. Die MVG erwartet auf der neuen Strecke pro Werktag 15 000 Fahrgäste.

          20 Dieselbusse ersetzt

          Dank der Mainzelbahn und anderen Veränderungen zum Fahrplanwechsel wird die MVG nach eigener Einschätzung bis 2018 im Jahr zusätzlich zwei Millionen Passagiere befördern; 2015 waren es 52 Millionen Fahrgäste. Auf der neuen Trasse fahren vom Lerchenberg aus die Linien 51 und 53 nach Hechtsheim und Finthen. Die neuen Direktverbindungen machen laut MVG den Nahverkehr attraktiver und entlasten zugleich den stark frequentierten Hauptbahnhof. Die Mainzelbahn hat auch Auswirkungen auf das Busangebot, denn Parallelverkehr soll vermieden werden.

          Nach aktuellem Stand betragen die Kosten für das Projekt rund 90 Millionen Euro; einen Großteil davon schultern den Angaben nach Bund und Land, den Rest die Stadtwerke Mainz als MVG-Mutter.

          Eder hob die größere Kapazität von Straßenbahnen im Vergleich zu Bussen hervor. Der öffentliche Nahverkehr ist laut der Dezernentin auch in puncto Luftreinhaltung von Bedeutung. Mit der Mainzelbahnstrecke, für die die MVG zehn neue Straßenbahnzüge angeschafft hat, ersetze man 20 Dieselbusse. Die Trams seien mit Ökostrom unterwegs. Mit Blick auf Bauzeit und Eröffnung sprach Eder von einer Punktlandung, erinnerte aber auch an die Belastungen in der Bauphase. „Wir haben zusammen im Stau gestanden und geflucht.“ Nun hoffe sie, dass viele Bürger „die neue Bahn er-fahren“ werden.

          Bewährungsprobe Berufsverkehr

          Von einem „Gemeinschaftsprojekt“ sprach Stadtwerke-Vorstand Detlev Höhne. Die Mainzelbahn sei von Bürgern für Bürger mitgeplant worden. Andy Becht (FDP), Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium, sah in der Bürgerbeteiligung mit ihren vielen Anregungen eine Ursache dafür, dass es gegen das Projekt keine Klage gegeben habe. Der Feier wohnten auch einige Gäste aus Wiesbaden bei, etwa Hermann Zemlin, Geschäftsführer von Eswe Verkehr, und Verkehrsdezernentin Sigrid Möricke (SPD) – was Höhne zu der launigen Bemerkung veranlasste, offenbar gebe es einen „Virus mainzelbahnensis“. Wie berichtet, gibt es in Wiesbaden Überlegungen, dort eine City-Bahn mit Anschluss ans Mainzer Tramnetz zu bauen.

          Am Sonntag gab es auf der neuen Strecke Freifahrten für jedermann, was viele Bürger nutzten. „Eine tolle Sache“ nannte ein älterer Herr das neue Angebot. Am Montag muss sich die Mainzelbahn erstmals im Berufsverkehr bewähren.

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