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Erschöpft von der Schule : Burnout im Kinderzimmer

Reh-Kind: Wer Angst hat, wählt in der Beratung ein scheues Tier. Bild: Lehnen, Etienne

Immer mehr Jugendliche halten den Druck in der Schule nicht aus. Sie haben Heulattacken, ritzen sich und schlafen nicht. Berater versuchen, den Schülern beizustehen.

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          „Hoffnungslos 15“ ist am Ende: „Ich habe mich heute das erste Mal seit einem halben Jahr wieder selbst verletzt. … Morgen muss ich in die Schule, aber ich habe Angst davor. Ich lerne nur noch, aber trotzdem fühle ich mich immer unvorbereitet. Ich schlafe ziemlich schlecht und halte mich deshalb nur noch mit Kaffee wach. Manchmal würde ich gerne einschlafen und niemals wieder aufwachen.“

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Hoffnunglos 15“ ist ein junges Mädchen. Und die Schreiberin ist nicht allein mit ihren Problemen, die sie in einem Online-Forum schildert: Immer mehr Jugendliche leiden unter dem Druck in der Schule. Sie wissen nicht mehr, wie sie ihren Alltag bewältigen sollen. Die Zahl der „depressiven Episoden“ bei Kindern und Jugendlichen nimmt zu, wie Thomas Dreisörner sagt. Der Psychologe, der sich an der Goethe-Universität auf das Thema spezialisiert hat, berichtet, 15 bis 20 Prozent der Jugendlichen hätten inzwischen eine depressive Phase - deutlich mehr als noch vor wenigen Jahren.

          1,4 im Abi, aber jede Hoffnung verloren

          Ein Eintrag wie der von „Hoffnungslos15“ löst Alarm aus. Fachleute der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, die das Forum moderieren, reagieren in solchen Fällen sofort. Sie bieten den Jugendlichen, die unter Pseudonym ihre Sorgen und Nöte schildern, Einzel-Chats an. Oft versuchen sie auch, sie zu einem persönlichen Beratungsgespräch zu bewegen. So ein Gespräch ist zum Beispiel im Evangelischen Zentrum für Beratung und Therapie am Weißen Stein in Frankfurt möglich. Die meisten Schüler, die dorthin kommen, sind zwischen neun und 15 Jahre alt.

          Als Madlen Funke zur Beratung kommt, ist sie mit ihrem Leben fertig. „Kein Bock mehr“ und „Was soll hier denn noch irgendwas bringen?“, sagt sie voller Trotz. Das dunkle Haar umrahmt ihr Gesicht, den Stuhl füllt sie mit ihrer schmalen Figur kaum aus. So erinnert sich Beraterin Barbara Evangelou an das erste Treffen. Das ist ein paar Jahre her. Funke hatte damals jede Hoffnung verloren. Dabei ist sie gerade achtzehn Jahre alt geworden und hat ihr Abitur mit der Note 1,4 bestanden. Funke, die eigentlich anders heißt, sucht die Beratungsstelle auf, um irgendwie aus dem Loch herauszukommen, in das sie gefallen ist.

          Orientierungslos nach der Schule

          Das Loch ist tief. Die Achtzehnjährige hat die ganze Schulzeit hart auf ein Ziel hingearbeitet: einen Studienplatz in Medizin. Denn sie will Ärztin werden. Und dann das: Funke bekommt den Platz nicht, weil ihr Abitur zu schlecht ist. Der Numerus Clausus liegt bei 1,1 - es gibt einfach zu viele Bewerber. Sowohl ein G8- als auch ein G9-Jahrgang drängen an die Unis. Hinzu kommt, dass Funke zu einem geburtenstarken Jahrgang gehört und nicht die Einzige ist, die seit Jahren nur Schule und Leistung im Kopf hat. Als sie zu Evangelou kommt, weiß sie nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll.

          Um zu helfen, ist eine persönliche Beratung meist unumgänglich. Wenn ein Schüler in die Beratungsstelle kommt, sitzt er Evangelou in einem schlichten Sessel gegenüber. Dann wird geredet. Was auf den ersten Blick wie ein Luxusproblemchen erscheint, ist oft eine tiefsitzende Angst, die das Leben der Jugendlichen beeinträchtigt. Viele, die mit dem Stress in der Schule oder der Orientierungslosigkeit nach dem Abitur nicht klarkommen, versuchen, den Druck loszuwerden. Sie ritzen sich mit Bastelmessern oder der Spitze eines Zirkels die Unterarme auf. Durch den Schmerz wollen sie von dem abgelenkt werden, was sie bedrückt. Sie hören auf zu essen, weil sie dadurch Kontrolle über sich haben. Oder sie bekommen Fressattacken, weil das Essen das Einzige ist, was ihnen das Gefühl von Geborgenheit gibt.

          Solche Symptome hat Evangelou schon oft gesehen. Die Schüler, die mit Erschöpfungsdepression zu ihr kommen, sind ausgebrannt. Obwohl ihr eigenes Leben eigentlich gerade erst richtig beginnt. Sie können nicht mehr schlafen, sie plagen sich mit Bauchschmerzen herum. Damit sie ihr Leben wieder ohne Angst führen können, brauchen sie oft eine lange Therapie. Ulrich Stangier kennt das Phänomen. Der Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Goethe-Universität sagt: „Es geht um Überforderung: Zu hohe Anforderungen, verbunden mit der Motivation, viel zu leisten, führen zu Verbitterung.“ Diese Verbitterung - manche nennen sie Burnout - besteht aus psychischen und körperlichen Symptomen. Die Betroffenen haben oft Kopfschmerzen und meist eine tiefe Depression.

          Ein Ausgleich zur Schule ist wichtig

          Schule ist stressig. „Der Notenstandard steigt: Wer nicht auf das Gymnasium geht, gehört nicht mehr zur Mehrheit“, sagt Psychologe Dreisörner. Allerdings seien etwa 15 Prozent der Kinder am Gymnasium nicht richtig aufgehoben. Die Umstellung auf das achtjährige Gymnasium hat vielerorts den Druck noch einmal erhöht. Durch die Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre gibt es in der Mittelstufe mehr Stoff und auch mehr Stress, wie Dreisörner sagt. Das sei dann genau die Zeit, in der Schüler eine Depression bekämen. Immerhin vier von zehn Gymnasiasten geben an, sie hätten nur ein bis zwei Stunden Freizeit täglich zur Verfügung.

          „Tough-girl“ ist eine von ihnen. „Tough-girl“ ist der Chat-Name eines Mädchens, das sich online mit Beraterin Evangelou unterhält. Die Psychologin bietet ihre Hilfe auch anonym an, damit sich scheue Jugendliche ebenfalls Rat holen können. Der Ansturm zu den Online-Sprechzeiten ist groß. „Tough-girl“ schreibt: „Schule ist ja mein größtes problem … Und jetzt in der 11 noch mehr, weil wir soviel lernen müssen und soviel Druck und Stress haben.“ Es sei gar nicht so einfach, alles unter einen Hut zu bekommen, tippt das Mädchen. „Ich bin schon im guten Leistungsfeld aber natürlich muss ich mich trotzdem andauernd hinsetzen und lernen für LKs Klausuren etc.“ - „Gutes Leistungsfeld klingt doch ganz gut :)“, antwortet Evangelou. - „Ja, aber zufrieden bin ich trotzdem nie.“ - „Hm, das könnte auch mit dem eigenen Anspruch zu tun haben ;)“ … - „Ich muss irgendwie immer 100% bringen“, erwidert das Mädchen.

          Einen Ausgleich zum stressigen Schulalltag zu haben ist wichtig. Wenn es in der Familie, im Freundeskreis oder im Sportverein nicht gut läuft, wächst der Druck weiter. „Tough-girl“ erzählt: „Ich werde bald operiert. Bänderriss. :(“ - „Oh, wie gehts dir damit?“, will Evangelou wissen. „Beschissen … Ich habe sooo viel gefehlt in der Schule und einiges verpasst. Das geht gar nicht …“ - „Was ist das schlimmste daran für dich?“ - „Kein Handball spielen zu können, nicht bei meiner Mannschaft sein zu können, generell keinen richtigen Sport machen zu können. Das ist ja mein einziger Ausgleich.“

          Scheidungskinder besonders belastet

          Haben die Jugendlichen kein Ventil mehr, suchen sie andere Auswege. So wie „Hoffnungslos15“. Sie schreibt im Forum: „Ich habe gesehen, wie sehr ich alle damit enttäusche, wenn ich mich selbst verletze. Deshalb habe ich damit aufgehört, aber seit gestern habe ich diesen Willen nicht mehr. … Mir fehlt der Grund, mit der Selbstverletzung aufzuhören, auch wenn mir bewusst ist, dass es falsch ist, aber für mich scheint es im Moment das einzige zu sein, was mir alles hier ein wenig erträglicher macht.“

          Außer der Erschöpfung gibt es ein anderes großes Thema in den Beratungsgesprächen: die Zeit nach dem Abitur. Das spielt auch für Madlen Funke eine große Rolle. „Die Spiel- und Erprobungsräume sind verlorengegangen, die Kinder müssen mit 17 schon die Weichen für ihr Leben stellen und haben Angst, etwas falsch zu machen“, sagt Beraterin Evangelou. Psychologie-Professor Stangier rät Schülern, die sich depressiv und erschöpft fühlen, eine Beratungsstelle zu nutzen. Es gibt in Frankfurt den Schulpsychologischen Dienst, an der Goethe-Universität eine Ambulanz für Kinder und Jugendliche und viele kleinere Beratungsstellen.

          Zuweilen kommt ein Schlechtes zum anderen. So haben Kinder, die wegen der Scheidung der Eltern in die Beratungsstelle kommen, außerdem oft Schwierigkeiten in der Schule. „Wenn die Kinder merken, dass ihre Eltern eigene Probleme haben, bekommen sie oft das Gefühl, selbst alles richtig machen zu müssen“, berichtet Psychologin Evangelou. In ihrer Beratung können die Kinder mit Figuren nachstellen, wie es in der Familie aussieht. Tiere stellen die Familienmitglieder dar, auf einem Brett können sie positioniert werden. „So kann man auch herausfinden, was die Kinder sich wünschen oder was sie von sich erwarten.“ In einer Box finden sich Löwen, Affen, Katzen, Pferde und ein Dinosaurier. Für sich selbst wählen depressive Jugendliche aber andere Tiere: ein Reh oder eine Maus.

          Wenn die Depression zu tief sitzt

          Die Forderung nach mehr Leistung kommt selten von den Eltern. Meist glauben die Kinder selbst, dass sie sich mehr anstrengen müssen, um nicht unter den Tisch zu fallen. „Hoffnungslos15“ denkt so: „Ich möchte niemandem etwas beweisen, sondern nur niemanden enttäuschen. Ich habe mich selbst verloren. … Am liebsten würde ich nur noch schlafen, aber nicht mal das kann ich immer, weil ich Angst vor dem nächsten Tag habe.“

          Wenn die Depression zu tief sitzt, brauchen die Jugendlichen nicht nur Therapiegespräche, sondern auch Medikamente. Eigentlich möchte Evangelou verhindern, dass Jugendliche sofort „mit Antidepressiva vollgepumpt“ werden. Aber manchmal muss es schnell gehen. Ohne rasche Entlastung kommt es sonst zum Zusammenbruch.

          Um den Jugendlichen den richtigen Weg zu zeigen, kann Barbara Evangelou durchaus deutlich werden. Wie damals bei Madlen Funke. Die begann nach der Beratung ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Krankenhaus. Zuvor hatte ihr die Psychologin geraten, nach vorn zu blicken: „Wenn du einen toten Gaul reitest, dann musst du absteigen.“

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