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Frankfurter Volksbühne : Trockener Humor

Bald hebt sich der Vorhang: Blick über die Sitzreihen im Zuschauerraum der Volksbühne Bild: Helmut Fricke

Zur Eröffnung der neuen Frankfurter Volksbühne versammeln sich illustre Gäste im nunmehr blau gestrichenen Cantate-Saal. Und lauschen sechs Festrednern.

          3 Min.

          Ein frugales Fest. Sechs Redner plus ein Theaterleiter, der Späße auf eigene und die Kosten der Unzuverlässigen, Verzögerer, Behinderer, Zauderer und Knausrigen machte, die das Projekt einer neuen Frankfurter Volksbühne an einem dauerhaften Standort mehr als ein Jahrzehnt lang hemmten. Dazu ein knapper Ausschnitt aus dem „Struwwelpeter“ in einer Version mit dem Ensemble Modern, die am Freitag der verschobene Auftakt zur ersten Spielzeit der Fliegenden Volksbühne im umgebauten Cantate-Saal sein wird. Eigentlich sollte die Saison schon im September mit „Reineke Fuchs“ beginnen, auch eine Reminiszenz an das benachbarte Goethehaus. Aber die Bauarbeiten wollten kein Ende nehmen, Schimmel im Untergeschoss musste entfernt werden, die Planung wurde über den Haufen geschmissen. Was kaum noch jemand zu hoffen wagte, hat jetzt jedoch stattgefunden: Illustre Gäste waren geladen, um gestern die Eröffnung der nunmehr schlicht „Volksbühne“ genannten kulturellen Stätte am Großen Hirschgraben zu feiern.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Als wolle der Hausherr noch einmal ein Zeichen setzen, um die Entbehrungen der vergangenen elf Jahre ins Bewusstsein von Gönnern, Freunden und solchen zu hämmern, mit denen Quast notgedrungen bei der Verwirklichung seines Traums zusammenarbeiten musste, ging die Veranstaltung mit einer gewissen Trockenheit über die Bühne. Und auch in die Verlängerung, wo es statt eines ausschweifenden Gelages mit spritzigem Champagner und Canapés nur Sekt und Brezeln gab. Schon zu Beginn des Nachmittags hatte Quast darauf hingewiesen, dass er selbst „Umbauverpflichtungen“ habe, weil das Geld für einen Techniker fehle. Gelächter im Publikum. „Manche lachen, andere verstehen.“ Sodann schritt der Prinzipal zur Begrüßung. Er ließ kaum jemanden im Saal aus. Mit dem Willkommen verband er auch Dank. Wobei manche mehr, andere weniger abbekamen. Schließlich war Quast von der Stadt immer wieder enttäuscht worden und hatte sich auch für das nunmehr feste Quartier mehr erhofft. Auch von der ABG, der städtischen Wohnungsbaugesellschaft, die über das Theater 40 Wohnungen getürmt hat. Sie ist weder auf alle finanziellen Vorstellungen der Volksbühne eingegangen noch hat sie aus Quasts Sicht für Planungssicherheit, was den Eröffnungstermin angeht, gesorgt.

          Gepflegte Mundart im Theatersaal

          ABG-Chef Frank Junker, einer der Redner, schloss mit Mut zum Wortwitz: „Danke, Herr Quast, für die Geduld, die wir mit Ihnen gehabt haben.“ Vorher hatte er allerdings gesagt, er und Quast bildeten doch ein Traumpaar und das Haus sei sehr schön geworden. Als erster aber sprach Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD): „Eine lange Reise ist vorbei“, sagte er, „die Fliegende Volksbühne hat keine Landeerlaubnis in Sachsenhausen bekommen, jetzt ist sie hier gelandet“. Es könne keinen besseren Ort dafür geben. Er erinnerte an Liesel Christ und ihr Volkstheater, das einst im Cantate-Saal seine Aufführungen zeigte. Die Pflege der Mundart sei ihm persönlich sehr wichtig, das Frankfurterische habe weiche Endungen, die gerne vernuschelt würden. So sei das auch mit den Menschen in dieser Stadt, folgerte Feldmann, sie stritten sich, dann aber sei es auch wieder gut. Nach des Stadtoberhaupts Rede regte Quast an, den Theaterraum für Magistratssitzungen zu nutzen.

          Showtreppe: Ansicht des Foyers

          Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) bekannte sodann ihre Zuneigung zum hessischen Dialekt, obwohl sie doch aus dem hohen Norden stamme. Sie formulierte ferner den unsterblichen Satz: „Das Lebensgefühl in Frankfurt ist südlicher als nördlich der Elbe.“ Da wollte niemand widersprechen. Sie zitierte außerdem Goethe, der davon sprach, aus der Mundart schöpfe die Seele ihren Atem.

          Frankfurterisch wie Hessisch

          Bürgermeister Uwe Becker (CDU) sagte, Frankfurterisch sei wie Hessisch, nur schöner, und brachte damit einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied auf den Punkt. Die Volksbühne sei unerlässlich, wenn es um Identität und Heimat gehe. Der Architekt Michael Landes erzählte von den Farbanalysen, die vorgenommen wurden. Man habe an den Wänden typische Töne der fünfziger Jahre entdeckt, Beige, Hellgrün und „ein ganz zartes Grau“. Jetzt aber ist alles tiefblau gestrichen. Weil der Theatersaal „gefälligst Respekt haben soll vor Michael Quast und seinem Ensemble“. Alles sei in Abstimmung mit dem Denkmalschutz geschehen. Und aus dem Raum, der lange ein Vortragssaal gewesen ist, sei nun ein „richtiger Theatersaal“ geworden.

          Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des benachbarten Goethehauses, kam auf die Theaterbegeisterung des Dichters zu sprechen, der sich „gewiss im Graben umgedreht“ und das neue Haus nicht nur besucht, sondern in ihm mitgespielt hätte. Und sie wies darauf hin, dass es damals zahlreiche fliegende Bühnen gab. In denen der junge Goethe etwa auch den „Faust“-Stoff kennengelernt habe. Das Fliegen an sich ist also nicht schlecht. Aber die Volksbühne bleibt erst einmal auf dem Boden. Zum Schluss las Quast noch das Gedicht „30 Gulden“ von Friedrich Stoltze vor und interpretierte es aus dem Geist des heutigen Frankfurt: Wo Großzügigkeit herrscht, wartet im Hintergrund schon der Controller.

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